In die Bar in der Lychener Straße im Prenzlauer Berg kommt eine groß gewachsene, gut gelaunte Frau mittleren Alters. Es ist ein Freitagabend, perfekt für lange Gespräche. Bettina Fleischer bestellt einen Gin-Tonic und redet zweieinhalb Stunden über Sterben, Tod und Trauer. Auf die Einstiegsfrage, ob sie an ein Leben nach dem Tod glaubt, sagt sie mit dem Anflug eines Lächelns: „Wir kommen wieder, in welcher Form auch immer.“
Bettina Fleischer arbeitet als Integrative Sterbeamme, sie begleitet Menschen auf ihrem letzten Weg – und nicht selten auch die ihnen Nahestehenden. „Wie die Hebamme die Geburt und das Wochenbett betreut, so begleite ich das Sterben und die Trauer“, sagt sie. Für Fleischer ist der Tod ein finaler Abschluss, ohne den das Leben keinen Sinn hat. Aber die Ängste vieler Menschen vor dem Tod versteht sie gut: „Es ist eine schier unendliche Angst vor der eigenen Nicht-Existenz.“ Ihr Anliegen ist es, offen über das Sterben zu reden, die Angst vor dem Unbegreiflichen zu mildern und dem Tod seinen Schrecken zu nehmen.
Die schlanke, 46-jährige Frau mit dem lässigen Kurzhaar-Bob, den sie immer wieder hinter die Ohren klemmt, spricht mit überzeugender Leichtigkeit, unbefangen und selbstverständlich über diesen letzten Weg, der uns allen bevorsteht. „Sterben ist kein Sonderfall, es ist normal und findet in jeder Familie, in jedem Freundeskreis statt.“ Neben den physischen beobachtet sie die seelischen und spirituellen Prozesse des Sterbens und ist fasziniert davon, wie notwendig oft das Alleinsein im Augenblick des Todes ist.
Leere Worthülsen mag sie nicht, sie formuliert handfest und bodenständig. „Tritt jemand in die Phase des Sterbens ein, sollten wir es so nennen“, sagt sie. Wenn sie im Hospiz gebeten wird, sich nicht als Sterbebegleiterin, sondern als jemand vom Besuchsservice vorzustellen, hat sie dafür kein Verständnis. Was sich nach Rücksichtnahme anhört, ist für eine Realistin wie Fleischer nur ein fauler Kompromiss. „Manche Menschen glauben bis zuletzt an Wunder. Aber in der Regel verlassen Patienten ein Hospiz in der Waagerechten.“
Zuspruch und Verstehen
Fleischer sieht sich als Bindeglied zwischen Patienten, Angehörigen, Ärzten, Bestattern und Pflegepersonal. Nach einer Ausbildung am Zentrum für Trauerbegleitung und Lebenshilfe in Dresden arbeitet sie seit 2013 im Lazarus Hospiz in Berlin. Ehrenamtlich. „Hospize sind in erster Linie medizinische Pflegeeinrichtungen, für echte Sterbebegleitung ist selten Geld da.“
Inzwischen arbeitet sie selbstständig und ist dabei Vertraute der Sterbenden und Stütze für Hinterbliebene. „Manche Sterbende sind lieber allein, andere versammeln ihren gesamten Freundeskreis.“ Und einige kommen nur noch mit ihr ins Gespräch. Sie weiß: „Familien funktionieren oft nicht mehr, und nicht alle Sterbenden waren angenehme Personen.“
Wenn Sterbende, die in den Medien begleitet werden, ihrem Leid mit Humor begegnen, sich schminken und gut aussehen wollen, sei das eine Seite. „Das hört spätestens in der Finalphase des Sterbens auf. Dann werden oft Wut, Angst, Resignation und Verzweiflung sichtbar“, beschreibt sie ihre Erfahrung. Für Fleischer steht dann der sterbende Mensch im Mittelpunkt und ihre Anwesenheit wird immer wichtiger, damit die Sterbenden Zuspruch, persönlichen Kontakt, Berührung und menschliches Verstehen erfahren.
Fleischer liegt viel an Aufklärung. „Die wenigsten Menschen wissen, im Krankenhaus oder Hospiz Verstorbene dürfen eine Zeit lang zu Hause aufbewahrt werden. So können zum Beispiel entfernter lebende Verwandte Abschied nehmen. Erst danach greift die Leichenhallenpflicht.“ Sie berät auch zum Thema Patientenverfügung. „Da wird aus Unwissenheit viel falsch gemacht.“
Fleischer sieht viele Menschen friedlich gehen, sie sieht andere kämpfend aus dem Leben stolpern, gelegentlich angstvoll wimmern oder verzweifeln, weil wichtige Dinge bis zum Schluss offen sind. Sterbebegleitung lasse keine Oberflächlichkeit zu, und es sei egal, ob jemand „arm oder reich, angenehm oder unangenehm, Moslem oder Christ, Fleischesser oder Veganer ist. Niemand ist besser oder schlechter.“ Ein Millionär fragte sie einmal, ob sie ihn heiraten wolle, er wüsste sie gerne versorgt. Fleischer lehnte ab. Aber die Chemie zwischen den Sterbenden und ihr muss stimmen, „sonst funktioniert es nicht“ .
Die Arbeit für Sterbende sei von Anfang an begrenzt, sagt Bettina Fleischer. Die Trauernden zu begleiten, sei oft schwieriger. Trauernde Menschen fänden manchmal selbst nach Jahren nicht ins Leben zurück. Besonders schwer sei es, wenn es um Ermordete geht, um verstorbene Kinder, um Jugendliche, die Suizid begangen haben, oder um Kinder, die die Mutter verloren haben. „Viele Trauernde fühlen sich dann absolut gottverlassen, erst recht, wenn die von der Gesellschaft zugestandene Trauerzeit vorbei ist.“
So ein bisschen sei das Ganze inzwischen auch ein Modethema. Fleischer fände es besser, wenn das Thema alltäglicher behandelt würde und „so konstant wie der Wetterbericht“. Ideen hat sie. Sie könne sich eine monatliche Radiosendung zum Thema Tod und Sterben gut vorstellen. „Angehörige rufen am Sonntagvormittag zwischen 10 und 12 Uhr an, erzählen Geschichten und Anekdoten über Verstorbene und wünschen sich deren Lieblingslieder.“
Bettina Fleischer schöpft ihre Gewissheit und ihre Ruhe vor allem aus energetischer Arbeit, weniger aus Meditation. Sie ist überraschend wenig gesundheitsbewusst, legt keinen allzu großen Wert auf ihre Ernährung und treibt eher wenig Sport. Dafür ist der Aschenbecher nach dem Treffen gut gefüllt.
Bettina Fleischer lernt in Schwerin Erzieherin, dann kommt die Wende, und sie geht nach Berlin. „Ich arbeite gerne mit Menschen, die mit Behinderungen leben, und landete in der Karl Bonhoeffer Nervenklinik“, erzählt sie. Auf einer Station, die es heute zum Glück nicht mehr gibt. Das Sterben dort war würdelos und katastrophal. Eine Frau starb vor aller Augen, während andere Patienten weiter gefüttert wurden. Ich habe sie später einfach gewaschen und ihr etwas Schönes angezogen, weil ich es angemessen fand.“
1993 fasst Fleischer den Entschluss, Heilpraktikerin zu werden, und beschäftigt sich seitdem mit Fußreflexzonenmassage, Reiki, Akupunktur und vor allem mit Tuina-Anmo, einer speziellen Massagetherapie der Traditionellen Chinesischen Medizin. Sie ist fasziniert von der „Biologie des Todes“, den chemischen Umwandlungsprozessen danach, von wissenschaftlichen Forschungen zu Nahtod-Erfahrungen. Sie liest stundenlang Bücher und Studien. Spiritualität ist ein Teil ihres Lebens, auch wenn sie sich sehr zurücknimmt, niemanden belehren will. „An einer Möhre zu knabbern, mag gesund sein, aber wer dabei nicht glücklich ist, dem wird es wenig nützen“, sagt Bettina Fleischer.
Jenseits von allem Lebendigen
In ihrer Praxis hängt ein Jesusbild. Nicht weil sie christlich ist, sondern weil es ihr Kraft gibt, erklärt sie. Kraft schöpft sie auch aus ihren Freundschaften und manchmal aus Anrufen oder E-Mails von Patienten, die sie betreute. Kerstin Göhler ist eine davon. 2012 starb im Frühjahr erst ihr Lebensgefährte an der seltenen Creutzfeldt-Jakob-Krankheit und im Winter dann ihr Sohn an einem Gehirntumor. In beiden Fällen lagen zwischen Diagnose und Tod nur ein paar Monate. Zurück blieben neben Göhler die gemeinsame vierjährige Tochter und ein 14-jähriger Sohn. Ungefähr ein Jahr später fanden sie und ihr Sohn zu Bettina Fleischer. „Ich selbst“, sagt Kerstin Göhler, „fühlte mich damals am schwersten betroffen und jenseits von allem Lebendigen.“
Mit Bettina Fleischer sprach sie endlich von ihrem schlechten Gewissen, weil der Tod des Sohnes alles andere, vor allem den Tod des Lebensgefährten verdrängte. Heute, zweieinhalb Jahre später, geht sie regelmäßig in eine Trauergruppe und wird psychotherapeutisch betreut. Es wäre ihr lieber, weiter zu Fleischer zu gehen. „Nur das bezahlt die Kasse nicht“, sagt sie. Kerstin Göhler versteht das nicht. „Die Menschen sollten selbst entscheiden dürfen, was das Beste für sie ist.“ Über ihre Erfahrungen hat sie ein Buch geschrieben und hofft, bald einen Verlag zu finden.
Berufliches und Privates trennt Bettina Fleischer streng. Wichtig für sie sei in jedem Falle, dass man sich mit Respekt begegnet. Sie dürfe auf keinen Fall „mitsterben“, sagt sie, die Sterbenden sollen ihr fremd bleiben. Sie braucht innerlichen Abstand, um nah sein zu können. Bestimmte Bilder vergisst sie nie, Fleischer vergleicht es mit einer Tätowierung. „Die wirst du nicht so schnell los, selbst wenn sie verblasst und sich verändert.“ Ja, und manchmal heule sie Rotz und Wasser. Um jeden Preis die Starke spielen muss sie nicht.
Sie schreibt dann Geschichten, trifft Freunde, fährt ans Wasser. Sie liebt das Meer und den Wind dort. Sie findet Laotse großartig und Krishnamurti, den indischen Philosophen. „Ich entwickle mich immer weiter, es gibt so viel zu entdecken, und ich ziehe viel Kraft aus dem, was ich tue.“ Heilpraktikerin sei zwar ihr Beruf, sagt sie, aber die Sterbebegleitung sei ihre Berufung.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]