Stil-Statement

Eins, zwei, Polizei

Darf man sich anziehen wie die Polizei? Die Oberteile der Luxusmarke Vetements sind zumindest inoffiziell erlaubt. Aber verhaften Sie darin bitte niemanden.

Sabine Röthig
Sabine Röthig
5 Min
<em>Who wore it better: </em> links die echte Polizei in nachtblauer Schutzweste, rechts die Mode-Polizei im pechschwarzen Leder-Look von Vetements.

Who wore it better:  links die echte Polizei in nachtblauer Schutzweste, rechts die Mode-Polizei im pechschwarzen Leder-Look von Vetements.

© Imago/Moses Lumbala @drugsyoushouldtryy

Trotzdem hat Tien deswegen schon die Bekanntschaft mit einer Streife gemacht. Zweimal sei er angehalten worden, erzählt er fröhlich. Er hätte den Beamten dann erklärt, dass er ein Designerstück trage und ihnen das Etikett gezeigt: „Vetements Pour Homme Tricots ETE-2016 Pret-a-Porter“ steht drauf. „Die Polizisten haben dann verstanden, dass ich das Sweatshirt nicht selbst gemacht habe, um damit irgendwas anzustellen“, so Tien. „Sie sagten, dass Polizei ein geschütztes Wort ist. Wenn jemand in Not ist und mich in dem Hoodie sieht, denkt der ja, ich kann ihm helfen.“ Nachdem sie ihm das erläutert hatten, ließen sie den modisch interessierten Gastronomen aber ziehen. Jedoch nicht ohne ihn zu ermahnen, den Pullover bitte nur privat zu tragen. In seinem Café müsste das dann ja gehen. Oder nicht?

Der Berliner Hoang Van Tien wurde schon wegen seines Vetements- Hoodies von der Polizei angehalten.

Der Berliner Hoang Van Tien wurde schon wegen seines Vetements- Hoodies von der Polizei angehalten.

© Sabine Roethig

So ad hoc ist man da aber auch bei der Pressestelle der Berliner Polizei überfragt. Zwar sei der Gebrauchsmusterschutz inzwischen aufgehoben, man könne also sein Fahrzeug in den Polizeifarben lackieren lassen und dieselbe Schriftart wie die Polizei benutzen. Doch das Wort Polizei selbst dürfe trotzdem nicht darauf stehen, heißt es auf Anfrage. Doch wie ist es andersherum? Farbe anders, aber „Polizei“ drauf? Und wie verhält sich das mit Kleidung? Wahrscheinlich alles Grauzone, Auslegungssache, und von der Situation abhängig. Hätte Tien zum Beispiel in dem Pullover versucht, jemanden festzunehmen, wäre das illegal gewesen. Amtsanmaßung, um genau zu sein.

Es ist schon interessant, was so ein Aufdruck auf einem Kleidungsstück auslösen kann. Und es zeigt: Wenn Mode sich von systemrelevanten Berufsgruppen inspirieren lässt, geht es nicht in erster Linie um die Kunst des Schneiderns. Das Ziel ist die Reaktion der Öffentlichkeit auf die Kleidungsstücke, und die im besten Fall entstehenden Feedbackschleifen, die Empörung, das erregte Aufsehen. Auch das ist eine Spielart des Erfolgs. Selbst in Zeiten einer recht hohen moralischen Gürtellinie gilt das noch.

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In der Pariser U-Bahn unbedenklich: Die unechte Polizei in Gestalt des Stylisten und Models Moses Lumbala. Er trägt eine Lederjacke aus der 2017er Frühjahrskollektion von Vetements (Neupreis zirka 4500 Euro).

In der Pariser U-Bahn unbedenklich: Die unechte Polizei in Gestalt des Stylisten und Models Moses Lumbala. Er trägt eine Lederjacke aus der 2017er Frühjahrskollektion von Vetements (Neupreis zirka 4500 Euro).

© Moses Lumbala @drugsyoushouldtryy

Bei der von Demna und Guram Gvasalia 2014 in Paris gegründeten Modemarke Vetements ist dieser Ansatz seit jeher Teil des Programms. Nicht nur die deutsche Polizei wurde auf Mänteln, Jacken, Caps und eben jenen Hoodies verewigt, auch das Logistik-Unternehmen DHL war schon dran. Das sonnengelbe T-Shirt mit dem roten Schriftzug, das für den Frühling 2016 auf dem Laufsteg präsentiert wurde, sorgte für einiges Aufsehen. Vor allem der Preis von knapp 250 Euro pro Stück löste Entrüstung aus, denn das Shirt hätte Teil einer gänzlich unambitionierten Merchandise-Kollektion sein können. Inzwischen wandelt Vetements auch das Logodesign von DHL ab.

In einer jüngeren Kollektion wurde außerdem die Corporate Identity von Interpol aufgegriffen. Jedoch stand der Schriftzug auf dem Kopf, eine Verwechslungsgefahr mit etwaiger Dienstkleidung der internationalen Polizei-Organisation besteht also nicht. Und schließlich werden auch Modemarken, meist aus dem Trash-Segment, bei Vetements gesampelt und geremixt: ein „Juicy“ aus Strass am Ärmel, das die kalifornische Marke Juicy Couture zitiert, oder „Vetements“ im Heineken-Bier-Design auf einem T-Shirt. Vor allem letztere zwei dürften das jedoch als Adelung ihres Brands verstehen. Wen das jetzt alles an die Readymades in der modernen Kunst erinnert, der liegt nicht ganz verkehrt. Auch eine Grafikdesign-Strömung zum Anfang der 1990er-Jahre lässt Bezüge zu: Mit Beginn der Photoshop-Ära gab es im Umfeld der Clubs viele Kreative, die  genau das taten, was wir heute bei Vetements sehen. Sie benutzten die Logos der Konsumkultur, modifizierten und arrangierten sie neu, druckten sie auf T-Shirts oder Flyer. Oft gab es dabei was zu lachen. Auch bei Vetements blitzt dieser Humor an vielen Stellen durch. Und schlussendlich ist selbst DHL seitdem ein bisschen cooler geworden, oder nicht?

Auch schön: Die Motorradstreife der deutschen Polizei in grasgrüner Biker-Montur.

Auch schön: Die Motorradstreife der deutschen Polizei in grasgrüner Biker-Montur.

© Imago

Der Polizei-Hoodie von Vetements indes wird nicht mehr hergestellt. Es kursieren sogar Gerüchte über ein Verbot. Bestätigt wird das von der inzwischen in der Schweiz ansässigen Marke nicht. Dennoch ist das Stück schon jetzt ein Designklassiker, der auf dem Vintage-Markt bereits über das Doppelte seines Neupreises kostet. Dieser lag bei rund 350 Euro. Tien zahlte vor ein paar Jahren schon stolze 800 Euro für seinen aus zweiter Hand. Gut möglich, dass der Pullover aus dem Baumwoll-Polyester-Gemisch noch im Wert steigt. Auf der Vintage-Plattform Vestiaire Collective werden die Originale hin und wieder angeboten. Von den deutlich günstigeren Teilen auf Amazon und Co. sollte man jedoch die Finger lassen. Denn trägt man ein Duplikat, bei dem nicht „Vetements“ auf dem kleinen Schildchen im Nacken steht, ist die Berliner Polizei vielleicht nicht mehr so kulant.


Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.

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