Mode

Stilkritik: Die Letzte Generation ist modisch desolat – so zettelt man keine Revolution an

Als die Sprecher der Letzten Generation vor die Presse traten, demonstrierten sie ganz klar: mangelndes Stilbewusstsein.

Sabine Röthig
Sabine Röthig
4 Min
Auf dem Weg zum Angrillen? Die Sprecher der Letzten Generation (v.r.): Lina Johnsen im kastigen Paisley-Hemd, Aimee van Baalen in LSD-Bluse, Irene von Drigalski mit Libellentuch, Carla Hinrichs im Leo-Fummel, Raphael Thelen immerhin angenehm schlicht.

Auf dem Weg zum Angrillen? Die Sprecher der Letzten Generation (v.r.): Lina Johnsen im kastigen Paisley-Hemd, Aimee van Baalen in LSD-Bluse, Irene von Drigalski mit Libellentuch, Carla Hinrichs im Leo-Fummel, Raphael Thelen immerhin angenehm schlicht.

© Jörg Carstensen/dpa

Leo-Print, Paisley-Ornamentik, LSD-Karos und Libellenmuster peinigten die Netzhäute der Zuschauer, als die Sprecher der Letzten Generation in der vergangenen Woche vor die Presse traten, um neue Protestaktionen in Berlin anzukündigen. Einmal mehr offenbarte sich dabei, was sich sonst unter den orangefarbenen Warnwesten versteckt: ein wilder Mustermix, alles andere als messerscharf und kämpferisch. Sind das die textilen Signale radikaler Gesellschaftskritiker? Wohl nicht. Stattdessen muss man unweigerlich an piefige Feste im Schrebergarten samt verkohlter Würste auf dem Grill denken.

Was die deutsche Klima-Armee offenbar noch nicht verstanden hat: Keine Revolution lässt sich ohne Stil anzetteln. Man denke nur an die Rote-Armee-Fraktion, deren Anführer für ihren Style bis heute in der Popkultur gefeiert werden und die sogar ein Logo hatten. Die Geschichte zeigt, dass erfolgreiche Revoluzzer entweder sehr gut aussahen oder zumindest top gekleidet waren. Jesus, Trotzki, Castro  – alles charismatische Persönlichkeiten, die zu ihrer Zeit eine Menge Fans hatten und zum Teil bis heute haben (vor allem Jesus).

Auch wenn es hilft, als Rebell ein schönes Gesicht oder einen tollen Körper zu haben, hat der liebe Gott das nicht für jeden vorgesehen. Deswegen ist ein Signature-Style das eigentliche A und O, um sich zur Marke zu machen und Follower zu begeistern. Einfach ist das nicht, zugegeben – vor allem wenn Mode, wie hierzulande oft, ein rotes Tuch ist.

In der Tür geirrt: Auch die Berliner Prada-Boutique am Kudamm hatten Aktivisten der Letzten Generation am Wochenende mit Farbe besprüht. Scheinbar wusste keiner von den weitreichenden Umweltaktivitäten der Marke.

In der Tür geirrt: Auch die Berliner Prada-Boutique am Kudamm hatten Aktivisten der Letzten Generation am Wochenende mit Farbe besprüht. Scheinbar wusste keiner von den weitreichenden Umweltaktivitäten der Marke.

© Imago

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Dass die Letzte Generation am Wochenende wahllos Modeboutiquen mit Farbe bespritzte, zeugt leider ebenfalls von fehlendem Gespür für Stil sowie mangelndem Wissen um die einzelnen Unternehmen hinter den Marken. Gerade die familiengeführte Prada-Gruppe ist ja ein Pionier in Sachen Umwelt. Vor allem das seit einigen Jahren laufende Re-Nylon-Programm müsste die Klimaaktivisten doch durchweg begeistern. Das Nylon, aus dem viele typische Prada-Produkte wie Taschen oder Ready-to-wear-Artikel gefertigt werden, wird dabei komplett aus alten Fischernetzen recycelt. Seit 2020 fließen zudem Teile des Erlöses aus der Re-Nylon-Kollektion in das Projekt Sea Beyond, ein Bildungsprogramm zum Schutz der Ozeane, an dem die UNESCO beteiligt ist.

Der Berliner E-Prix am Tempelhofer Feld wurde am Wochenende durch die Letzte Generation gestört. Immerhin hatten die Klebenden verstanden, dass ein einheitlicher Look die größere Symbolkraft hat; sie erschienen in selbstgemachten T-Shirts.

Der Berliner E-Prix am Tempelhofer Feld wurde am Wochenende durch die Letzte Generation gestört. Immerhin hatten die Klebenden verstanden, dass ein einheitlicher Look die größere Symbolkraft hat; sie erschienen in selbstgemachten T-Shirts.

© Andreas Gora/dpa

Wie schlau und schön könnten sich die Sprecher der Letzten Generation in recycelten Prada-Uniformen präsentieren? Und wenn das zu hoch angesetzt ist, dann vielleicht erst mal in etwas Nischiges investieren? Zum Beispiel in die Mode des französischen Designers Jean-Charles de Castelbajac, der schon Punk-Ikonen wie Johnny Rotten und Malcolm McLaren einkleidete? Auch taillierte Blazer aus Biobaumwolle von der kürzlich verstorbenen Modeschöpferin und Umweltaktivistin Vivienne Westwood könnten eine elegante Kampfmontur sein. Alles Vintage und ressourcenschonend auf Vestiaire Collective zusammengeshoppt, versteht sich. 

London am Wochenende: Klimaaktivisten von Extinction Rebellion demonstrieren in Wassernixen-Kostümen vor den Houses of Parliament. Hier wird Wert auf die Optik gelegt.

London am Wochenende: Klimaaktivisten von Extinction Rebellion demonstrieren in Wassernixen-Kostümen vor den Houses of Parliament. Hier wird Wert auf die Optik gelegt.

© Kin Cheung/AP

Etwas mehr Aufwand bezüglich der Looks dürfte sich für die hiesigen Umweltbrigaden zudem lohnen, weil der Rückhalt in der Bevölkerung schwindet. Mit einer guten Optik könnte man wieder Sympathiepunkte sammeln.

Und vielleicht hätte Raphael Thelen Lust, kommissarisch den Job des Stilbeauftragten zu übernehmen und Linie in die Truppe zu bringen. Er war immerhin der Einzige, der während der Pressekonferenz gänzlich musterfrei vor die Kameras trat. Eventuell inspiriert aber auch der Blick über den Ärmelkanal zu den Kollegen von Extinction Rebellion. Die Briten wissen zumindest, welche Macht das Visuelle bei Aufmärschen hat. Die neuesten Aktionen in London wurden zum Teil in einheitlichen Kostümen durchgeführt. Wenn das auch wenig mit Stil zu tun hatte, so ist es immerhin ein Anfang.


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