Ein paar Schritte abseits des Großstadtlärms, versteckt im Großen Tiergarten, leuchtet eine Bank in sechs Farben. Doch wer genauer hinschaut, erkennt die Spuren: tiefe Kratzer im Holz, abgebrochene Stücke, Schrammen. Sie sind das Resultat von Vandalismus – ein stummes Zeugnis davon, dass Vielfalt in der Hauptstadt längst wieder zur Zielscheibe geworden ist.
Für die Passantin, die an diesem Vormittag stehen bleibt, ist die Bank trotz allem ein wichtiger Zufluchtsort. „Sie ist eine wunderbare Idee“, sagt sie. „Ein Ort zum Hinsetzen, Verweilen und an die Opfer zu denken.“ Dass die Bank beschädigt wurde, wundert sie kaum. „Sie steht ungeschützt im Park. Es wird also immer wieder passieren.“ Ihre Reaktion auf den Hass ist zielorientiert: Eine Überwachungskamera müsse her. Es macht sie wütend und traurig zugleich, wie viel Feindseligkeit der Bewegung entgegenschlage.
Die Bank ist ein Gedenkort für die Opfer des Anschlags auf den Berliner Christopher Street Day. Bei dem Terroranschlag am 25. Juli im Tiergarten war ein 21-jähriger islamistischer Attentäter mit einem Auto in eine Menschengruppe gefahren und gegen einen Baum geprallt. Dabei starb eine Frau aus Polen, rund 30 weitere Menschen wurden zum Teil lebensgefährlich verletzt. Aufgestellt wurde die bunte Bank am 6. August, zusammen mit einem neu gepflanzten Baum. Sie sollte für die queere Community ein Gedenkort sein und zugleich ein Zeichen für eine offene Gesellschaft
Zwischen Gedenken und Hilflosigkeit
Ein paar Meter weiter teilt die 63-jährige Doris M. ihre Meinung zu dem andauernden Vandalismus. Für sie ist die Bank – genau wie der danebengepflanzte Baum – ein starkes Symbol. Was sie nicht begreift, ist das Ausmaß an Erbitterung: „Wie kann wegen etwas so Selbstverständlichem so viel Hass und Boshaftigkeit entstehen?“ Sie erzählt, dass ihre Tochter in Berlin studiert hat und für sie die Stadt immer als äußerst weltoffen galt. Vandalismus wie dieser, glaubt sie, könne heute überall passieren. Doch von Kameras halte sie nichts: „Noch mehr Überwachung ist nicht der Weg.“ Was man stattdessen tun kann, wisse sie leider auch nicht.
Doris M. auf der Regenbogenbank.
© Max vom Hofe / Berliner Zeitung
Der Blick von außen
Auch internationale Gäste finden den Weg zur Regenbogenbank. Lucie G., eine 25-jährige Französin, gibt offen zu, dass sie von den Anschlägen rund um den CSD nichts mitbekommen hatte und die Bank bisher nicht kannte. Schockiert über den Vandalismus ist sie dennoch nicht – genau das findet sie erschreckend. Für sie ist das abgekratzte Holz ein sichtbares Problem eines europaweiten Phänomens: „Die Rechten bekommen immer mehr Macht.“ Die Bank fände sie schön, sie steche beim Vorbeigehen sofort ins Auge. Doch wie schützt man sie? „Eine Kamera ist auch keine echte Lösung. Es gibt dafür einfach keine einfache Antwort.“
Nach CSD-Anschlag: Regenbogenbank im Tiergarten erneut beschädigt
Wenig später suchen zwei Reisende aus den USA gezielt nach Orten wie diesem. Sie sind nach Berlin gekommen, auch um LGTBQ+-Repräsentation zu erleben. Die bunten Farben der Bank ziehen sie sofort an, doch die tiefen Kratzer machen sie stutzig. Auf Nachfrage zeigen sie sich überrascht, dass die Sichtbarkeit der Community im Berliner Stadtbild aus ihrer Sicht vergleichsweise gering ausfällt.
„Gibt es hier denn größere Probleme mit Homophobie?“, fragen sie. Im Vergleich mit Amsterdam wirke Berlin zwar tolerant, aber keineswegs so sichtbar divers. Den Rechtsruck in Deutschland und den Aufstieg der AfD haben sie selbst wahrgenommen. In den USA erlebten sie unter Donald Trump bereits spürbare Einschränkungen für die LGTBQ+-Community. Ihr Ratschlag für die Bank: „Man müsste sie viel präsenter im Zentrum aufstellen. Ein Park bietet kaum Möglichkeiten für Überwachung.“ Sie wünschen sich mehr solcher Symbole – laut, leuchtend und unübersehbar.
Besuch aus den USA.
© Max vom Hofe / Berliner Zeitung
Die Umdeutung des Symbols der „Opferflagge“
Für den letzten Passanten greift die reine Diskussion über Sachbeschädigung viel zu kurz: Er richtet den Blick auf die Gewalt die im Kreis des Tiergartens weiter unkommentiert bleibt. „Viele Fälle von Gewalt im Umfeld solcher Orte schaffen es gar nicht erst in die Berichterstattung“, erklärt er. Gleichzeitig sähe er ein Dilemma in den Medien, da das ständige Berichten über den Vandalismus, mögliche Nachahmer wecken könne.
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Sein Blick auf die gesellschaftliche Lage ist von großer Sorge geprägt: „Wir erleben aktuell eine massive Regression und eine Spaltung zwischen Links und Rechts.“ Frauen wählten, oft auch aus dem intuitiven Bedürfnis nach Eigenschutz heraus tendenziell eher links, während viele Männer sich durch die Wahl rechter Parteien wie der AfD im Grunde selbst schaden würden.
Der Regenbogenbaum als Symbol der Hoffnung.
© Max vom Hofe / Berliner Zeitung
Er ist der Meinung, dass wenn die Regenbogenflagge am Reichstagsgebäude nur am offiziellen Gedenktag gehisst wird, sie einen bitteren Beigeschmack bekäme. Sie würde mit einem Opfer-Narrativ aufgeladen. Folglich denke man bei der Flagge dann nicht mehr an etwas Fröhliches, Offenes oder Vielfältiges – sie wird zur „Opferflagge“.
Für ihn steht fest: Weder Kameras noch Polizeistreifen werden das Holz im Tiergarten auf Dauer schützen können. „Es ist eine Frage der Demokratie und des gesellschaftlichen Klimas.“
Wegen der wiederholten Sachbeschädigungen an der Regenbogenbank hat der Staatsschutz des Landeskriminalamtes die Ermittlungen übernommen..
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