Südkorea hat die Rückberufung seines Botschafters aus der Ukraine angekündigt. Wie die Nachrichtenagentur Yonhap am Donnerstag unter Berufung auf das Außenministerium berichtete, ist der Schritt eine Reaktion auf den Streit über die Überstellung zweier nordkoreanischer Kriegsgefangener. Seoul wirft Kiew vor, eine Vertraulichkeitsvereinbarung verletzt und deren Existenz anschließend bestritten zu haben.
Das Außenministerium erklärte, die Regierung hoffe auf eine Lösung der Differenzen und werde die Gespräche mit der ukrainischen Seite fortsetzen. Die Rückberufung von Botschafter Park Hee-chang folgt auf mehrtägige Warnungen Seouls, weitere Maßnahmen gegen die Ukraine zu ergreifen.
Im Mittelpunkt steht die Frage, ob die Übergabe der beiden Soldaten öffentlich gemacht werden durfte. Südkorea verlangt eine Erklärung und eine Entschuldigung. Die ukrainische Seite hat eine entsprechende Geheimhaltungsvereinbarung bestritten.
Was eine Rückberufung bedeutet
Bei einer Rückberufung wird der Botschafter von seiner Regierung aus dem Gastland nach Hause beordert. Die diplomatischen Beziehungen werden dadurch nicht automatisch abgebrochen, die Botschaft kann unter anderer Leitung weiterarbeiten.
Der Schritt gilt jedoch als deutliches Protestsignal. Seoul verleiht seinem Unmut damit mehr Gewicht als durch eine öffentliche Erklärung oder die Einbestellung eines ukrainischen Diplomaten. Zugleich fehlt vor Ort vorerst der ranghöchste Vertreter Südkoreas als direkter Ansprechpartner.
Selenskyj machte die Überstellung öffentlich
Auslöser für den Streit war eine Rede des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj vor der UN-Generalversammlung am 23. September. Er erklärte, zwei gefangene nordkoreanische Soldaten seien nach Südkorea gebracht worden. Die Männer waren im Januar 2025 gefangen genommen worden, nachdem Nordkorea Truppen zur Unterstützung Russlands entsandt hatte.
Nach südkoreanischer Darstellung hatten beide Länder vereinbart, die Überstellung vertraulich zu behandeln. Der südkoreanische Geheimdienst NIS erklärte laut einem früheren Yonhap-Bericht, die Ukraine habe zu Beginn der Gespräche selbst um strikte Geheimhaltung gebeten.
Seoul bestellte Ende September bereits den ukrainischen Geschäftsträger ein. Die Regierung protestierte dabei sowohl gegen die Veröffentlichung als auch gegen Kiews Darstellung, eine Vereinbarung zur Geheimhaltung habe nicht existiert. Ob eine solche Absprache getroffen wurde und wie sie auszulegen wäre, ist zwischen beiden Seiten umstritten.
Sorge um Soldaten und Angehörige
Die gewünschte Vertraulichkeit hatte nach Angaben Seouls mehrere Gründe. Wie die Associated Press unter Berufung auf einen südkoreanischen Regierungsvertreter berichtete, ging es Südkorea um die Sicherheit der Soldaten und ihrer Angehörigen in Nordkorea.
Kiew habe dagegen mögliche innenpolitische Kritik befürchtet: Die Übergabe an Südkorea bedeutete, dass die beiden Männer nicht mehr für einen Austausch gegen ukrainische Gefangene in russischer Haft zur Verfügung standen. Auch diese Erklärung stammt dabei von der südkoreanischen Seite.
Damit betrifft der Streit neben dem Umgang mit vertraulichen diplomatischen Absprachen auch die Folgen der Überstellung. Seoul betrachtet die Veröffentlichung als Vertrauensbruch. Kiew hat sich zugleich um eine Beilegung der Auseinandersetzung bemüht.
Seoul hält Entschuldigung für unzureichend
Südkoreas Außenminister Cho Hyun sagte am Dienstag im Parlament, sein ukrainischer Amtskollege Andrij Sybiha habe eine Nachricht geschickt, die Worte der Entschuldigung enthalten habe. Diese sei jedoch hinter den Erwartungen Seouls zurückgeblieben, berichtete The Korea Times.
Das Außenministerium verlangte daraufhin erneut eine klare Erklärung und Entschuldigung. Es beanstandete ausdrücklich auch die aus seiner Sicht falsche Behauptung, es habe keine Vertraulichkeitsvereinbarung gegeben. Cho hatte die Rückberufung von Botschafter Park Hee-chang bereits als mögliche Reaktion genannt. Präsident Lee Jae Myung hatte zuvor mit weiteren Maßnahmen gedroht, sollte die Ukraine die Vereinbarung nicht anerkennen und sich nicht entschuldigen.
Experten warnen vor Folgen für Europas Beziehungen
Südkoreanische Fachleute warnten schon vor der Entscheidung vor einer weiteren Eskalation. Ban Kil-joo von der Korea National Diplomatic Academy sagte The Korea Times, eine Verschlechterung der Beziehungen könne auch Seouls Verhältnis zu europäischen Partnern belasten. Russland könnte den Streit nutzen, um weitere Unterstützer der Ukraine zu einer Abkehr von Kiew zu bewegen.
Südkorea hat sich an Sanktionen gegen Russland beteiligt und der Ukraine finanzielle sowie humanitäre Unterstützung geleistet. Direkte Lieferungen tödlicher Waffen an Kiew hat Seoul bislang vermieden.
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