Montagsdemonstrationen

Streit um Montagsdemos: Warum eigentlich die SED den Polit-Montag erfunden hat

Der Montag gehört allen: Was die Friedensgebete in Leipziger Nikolaikirche und die Montagsdemos mit den Parteiversammlungen in der DDR zu tun hatten.

Maritta Adam-Tkalec Maritta Tkalec
3 Min
Montagsdemonstration in Berlin gegen Hartz IV im Jahr 2004.

Montagsdemonstration in Berlin gegen Hartz IV im Jahr 2004.

© imago/Stefan Trappe

Es ist Montag in Deutschland, genauer gesagt in Ostdeutschland, der Tag für Politik. Weil die Leipziger Linke zur Montagsdemonstration aufgerufen hat und eine rechte Parallel-Demo angemeldet ist, empören sich die Altvorderen von der DDR-Bürgerrechtsbewegung, als gehöre der Tag ihnen. So ist es aber nicht.

Montagsdemonstrationen: eine Erfindung der SED

Katrin Göring-Eckardt (Grüne) schimpfte, Sören Pellmann, Leipziger Bundestagsabgeordneter von der Linken mit Direktmandat, handele ahistorisch. Der hat zum Protest gegen die Gasumlage aufgerufen, zu neuen „Montagsdemonstrationen, wie damals gegen Hartz IV“. Damals, das war vor 18 Jahren. Und vor acht Jahren kaperten Fremdenfeinde namens Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes (Pegida) den Montag für ihre Demos. Die fanden aus diversen politischen Richtungen Zulauf.

Doch auch Katrin Göring-Eckardt und andere mit Besitzansprüchen auf den Demo-Termin am Montag verdrängen die Zusammenhänge. Also: Wer hat den Polit-Montag erfunden?

Die SED! Während die Sozialistische Einheitspartei die DDR regierte, fand die monatliche Parteiversammlung als Pflicht für Mitglieder montags nach Feierabend statt: Das betraf 2,3 Millionen Genossinnen und Genossen in 59.000 Grundorganisationen. Immer wieder montags gab es auch das Parteilehrjahr für Mitglieder und Gäste zur politisch-ideologischen Schulung. Damit war der zweite Montag belegt.

Montags gehörten Vati und Mutti der Partei. Das war auch Pfarrer Günter Johannsen bewusst, der an einem Oktobermontag 1982 in der Leipziger Nikolaikirche die Daueraktion Friedensgebete startete. Der Montag war bedacht gewählt. So war die Teilnahme möglich, ohne der Arbeit fernbleiben zu müssen; und die in ihren Versammlungen hockenden SED-Mitglieder konnten nicht stören.

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Montagsdemonstration am 9. Oktober 1989 in Leipzig. Die mehr als Hunderttausend Teilnehmer waren „das Volk“, nicht nur Bürgerrechtler.

Montagsdemonstration am 9. Oktober 1989 in Leipzig. Die mehr als Hunderttausend Teilnehmer waren „das Volk“, nicht nur Bürgerrechtler.

© DPA/Lehtikuva

Die erste eigentliche Montagsdemonstration fand am 4. September 1989 statt. Bei der nächsten eine Woche später waren unter den tausend Leuten im Kirchhof mindestens zwei Genossen: mein Mann und ich. Wir sangen „We shall overcome“ und reichten eine riesige Friedensfahne über unsere Köpfe hinweg. In den Gassen und Grünanlagen rundherum stand Polizei mit scharfen Hunden, 89 Leute wurden verhaftet. Wir kamen verängstigt davon. Am 9. Oktober liefen mehr als 100.000 Leute über den Ring, darunter viele desillusionierte SED-Mitglieder.

Nichts zu machen: Der Montag ist politische Allmende.

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