MOSKAU, 17. August. Ein wahrhaft symbolträchtiger Streit überschattet den 10. Jahrestag des kommunistischen Putsches gegen Michail Gorbatschow, der im August 1991 mit dem Triumph seines Rivalen Boris Jelzin und dem Zerfall der Sowjetunion endete. Regierungsbeamte wollen verhindern, dass der Sieg über das alte System mit einem Open-Air-Rockkonzert vor dem Parlamentssitz begangen wird. Der ruhestörende Lärm störe den Regierungsapparat im Weißen Haus bei der Ausübung seiner Arbeit, heißt es. Die Konzert-Organisatoren dagegen versuchen, die gewissenhaften Parlamentarier zu überzeugen, dass am Abend, wenn das Festival beginnt, die meisten Regierungsbeamten schon auf ihren Datschen weilen.Prozession und Gedenkmedaillen Entschieden wird der Streit wohl erst, wenn Regierungschef Michail Kassjanow aus dem Urlaub zurückkehrt. Bislang fehlt das Konzert auf der Veranstaltungsliste, die mit einer Prozession zu Ehren der drei beim Putsch getöteten Moskauer am 20. August beginnen und zwei Tage später mit der Verleihung von Gedenkmedaillen enden soll, für die der Moskauer Bürgermeister Juri Luschkow eigens einen Saal zur Verfügung gestellt hat.Organisiert werden die Veranstaltungen von Vertretern der liberalen Partei "Union der Rechten Kräfte". Alle offiziellen und staatlichen Stellen halten sich hingegen zurück, vor allem Präsident Wladimir Putin. Statt in Moskau Stellung zu den Ereignissen vor zehn Jahren zu beziehen, begab sich Putin in den Sommerurlaub nach Karelien. Zwar wird der Präsident am 23. August seinen Urlaub unterbrechen, um in Kiew an den Feierlichkeiten zum ukrainischen Unabhängigkeitstag teilzunehmen, der schließlich auch eine Folge des gescheiterten Putsches vor zehn Jahren ist. In allen innenpolitischen Diskussionen in Russland um Bedeutung und Folgen des Augustputsches schweigt er dagegen und hält gleichen Abstand zu allen Seiten. So wie Putin dafür sorgte, dass die alte Sowjethymne mit leicht redigiertem Text wieder zur Staatshymne wurde, als Fahne und Staatswappen aber Farben und Symbole der Russischen Republik beibehielten.Dieser Spagat zwischen Alt und Neu entspricht auch der gegenwärtig relativ friedlichen Koexistenz, die sich zehn Jahre nach dem Putsch zwischen dem links-konservativen und rechts-reformerischen Lager in der russischen Gesellschaft herausbildet.Erstmals versammelten sich die damaligen Putschisten zu einer gemeinsamen Pressekonferenz, auf der sie versuchten, ihr Verhalten zu rechtfertigen: Nicht sie seien die Hoch- und Landesverräter, sondern die Perestroika Gorbatschows eine Verschwörung gegen die UdSSR gewesen. Kurz darauf lud Gorbatschow zu einer Pressekonferenz und versicherte, er habe vorgehabt, die Sowjetunion zu reformieren, nicht aber sie aufzulösen. Einen Fehler bedauerte Gorbatschow besonders: dass er versäumt habe, Boris Jelzin rechtzeitig auf den Botschafterposten einer Bananenrepublik abzuschieben.Einige Sowjetnostalgiker forderten in einem offenen Brief von Präsident Putin historische Wiedergutmachung. So verlangten der KP-Chef Genadij Sjuganow und der Schriftsteller Valentin Rasputin, der Präsident solle allen geplanten Reformen abschwören und sich zwecks Heilung des kranken Staates von den verhassten Kadern der Jelzin-Zeit trennen. Er könne sich dabei auf Militär, Polizei und Geheimdienste stützen. Der Aufruf erinnert an entsprechende Appelle der Putschisten an Gorbatschow vor zehn Jahren. Er dürfte aber wohl folgenlos bleiben, auch wenn manche Ex-Reformer eine Restauration fürchten und von einem Putin schen Thermidor reden.
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