Energiekrise

Strompreis springt um 60 Prozent: Deutschland rutscht in einen teuren Winter

Europa ist besser gegen Gasknappheit gerüstet als 2022 – doch die neue LNG-Abhängigkeit macht Deutschlands Strommarkt verwundbar. Nun droht der nächste Preisschub.

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Düstere Aussichten: Der deutsche Strompreis für Januar liegt mehr als 60 Prozent über dem Vorjahresniveau. (Symbolbild)

Düstere Aussichten: Der deutsche Strompreis für Januar liegt mehr als 60 Prozent über dem Vorjahresniveau. (Symbolbild)

© Martin Schutt/dpa

Europas Strommärkte senden vor dem Winter die deutlichsten Warnsignale seit der Energiekrise 2022. Der Großhandelspreis für Stromlieferungen im Januar liegt in Deutschland an der Europäischen Energiebörse bei mehr als 180 Euro je Megawattstunde. Das sind über 60 Prozent mehr als vor einem Jahr, wie Bloomberg berichtet. Haupttreiber ist der kräftige Anstieg der Gaspreise infolge des Iran-Kriegs und der unterbrochenen LNG-Lieferungen aus Katar.

Dabei ist Europa heute besser gegen eine tatsächliche Energieknappheit geschützt als 2022. Neue LNG-Terminals, ein geringerer Gasverbrauch und zusätzliche Lieferanten haben die Versorgung widerstandsfähiger gemacht. Doch diese Absicherung hat einen Preis: Europa hängt stärker vom globalen Flüssiggasmarkt ab, während sich seine Bezugsquellen zunehmend konzentrieren. Im ersten Halbjahr 2026 stammten 81 Prozent der LNG-Importe des Europäischen Wirtschaftsraums allein aus den USA und Russland. Konflikte und Lieferausfälle schlagen dadurch schneller auf deutsche Gas- und Strompreise durch. Und der bisherige Preissprung könnte erst der Anfang sein.

Strompreisanstieg im Winter: Weitere 50 Prozent möglich

Der Krieg im Iran hat Europas Verwundbarkeit offengelegt. Durch die Schließung der Straße von Hormus und Angriffe auf Anlagen des wichtigen LNG-Exporteurs Katar sind große Teile der weltweiten Lieferungen unterbrochen. Gleichzeitig konkurriert Europa mit asiatischen Abnehmern um die verfügbaren Tankerladungen. Steigen die Gaspreise, verteuert sich auch die Stromerzeugung: Gaskraftwerke werden benötigt, wenn Wind- und Solaranlagen nicht genügend Energie liefern, und bestimmen in diesen Stunden häufig den Großhandelspreis.

Bei einem kalten Winter und anhaltenden Lieferengpässen im Nahen Osten könnten die Großhandelspreise für Strom noch einmal um bis zu 50 Prozent steigen, sagte Ulf Ek, Investmentchef des Rohstoff-Hedgefonds Northlander Commodity Advisors, Bloomberg. Entscheidend sei auch das Wetter. Bleibe es über längere Zeit kalt und windstill, müssten vermehrt teure Gas- und Kohlekraftwerke einspringen.

Zusätzlicher Druck kommt aus anderen Teilen des europäischen Stromsystems. Hitze und Streiks haben die Leistung französischer Atomkraftwerke zeitweise eingeschränkt, während geringe Wasserreserven die Stromerzeugung aus Wasserkraft belasten. Solaranlagen können die Lage im Winter nur begrenzt entspannen: Kurze und häufig bewölkte Tage drücken ihre Produktion gerade in Nordeuropa auf einen Bruchteil des sommerlichen Niveaus.

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Unmittelbar im gleichen Umfang dürften die gestiegenen Großhandelspreise allerdings nicht auf den Rechnungen der deutschen Haushalte ankommen. Viele Versorger kaufen einen großen Teil ihres Stroms langfristig und damit zu früher vereinbarten Preisen ein. Hält die Preiswelle an, werden sich die höheren Beschaffungskosten jedoch nach und nach in neuen Tarifen niederschlagen. Auch Unternehmen müssen mit steigenden Energiekosten rechnen, was den Inflationsdruck zusätzlich erhöhen könnte.

Deutschlands Gasspeicher vor Heizperiode historisch leer

Deutschland trifft der Preissprung in einer ohnehin angespannten Lage. Die deutschen Gasspeicher sind laut Daten von Gas Infrastructure Europe (GIE) aktuell nur zu rund 56 Prozent gefüllt – ein historisch niedriger Stand für diese Jahreszeit. Die Bundesregierung plant zwar eine Einführung einer strategischen Reserve von 24 Milliarden Kilowattstunden Gas – allerdings erst zur Wintersaison 2027. Aufbau und Erstbefüllung könnten nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums 1,2 bis 1,5 Milliarden Euro kosten, hinzu kämen jährlich bis zu 180 Millionen Euro.

Eine Versorgungskrise wie 2022 gilt dennoch als weniger wahrscheinlich. Damals schossen die europäischen Großhandelspreise zeitweise auf mehr als 1000 Euro je Megawattstunde – mehr als das Fünffache des derzeitigen deutschen Januarpreises. Die Gefahr liegt dieses Mal weniger in leeren Leitungen als in dauerhaft hohen Kosten.

Davon könnten Stromproduzenten profitieren. Die Investmentbank Jefferies erwartet laut Bloomberg, dass Konzerne wie RWE, Engie und EDP Renewables im kommenden Jahr bis zu zehn Prozent mehr verdienen als bisher erwartet. Auch Betreiber von Wind- und Solaranlagen erzielen höhere Erlöse, wenn teure fossile Kraftwerke den Marktpreis setzen.

Erneuerbare Energien dämpfen den Preisanstieg zwar bereits. Ohne die seit 2021 neu gebauten Solaranlagen wären die europäischen Großhandelspreise in diesem Sommer nach Berechnungen der Beratungsgesellschaft Baringa im Durchschnitt 30 Prozent höher ausgefallen, heißt es im Bericht. Im Winter bleibt Europas Stromsystem jedoch auf Gas angewiesen. Rabobank-Energiestrategin Florence Schmit fasst das Problem gegenüber Bloomberg so zusammen: Die erneuerbaren Energien seien zwar gewachsen – aber bislang nicht stark genug, um die massive Gasabhängigkeit ernsthaft auszugleichen.

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