Studie: Arme Kinder haben kaum Chancen auf Aufstieg

Kein Ausweg aus der Armutsfalle

Alexander Wriedt
3 Min

BERLIN, 27. Februar. Armen Kindern gelingt es immer seltener, aus dem Teufelskreis der Armut auszubrechen. Dies ist das Ergebnis einer Studie der Arbeiterwohlfahrt (AWO) über Kinderarmut, die am Donnerstag in Berlin vorgestellt wurde. Eine Million Kinder sind demnach von Armut betroffen. Die allgemeine Auffassung, diese Kinder und ihre Eltern lebten zumeist von Sozialhilfe oder Arbeitslosenunterstützung, sei falsch, sagte AWO-Chef Manfred Ragati: "Mehr als 70 Prozent dieser Eltern können trotz eines Jobs nicht ausreichend für ihre Kinder sorgen." Gerda Holz, Co-Autorin der Studie, erklärte, die Eltern seien mit der Erziehung ihrer Kinder meistens überfordert, da sie sich ausschließlich darum kümmerten, den Lebensunterhalt zu verdienen. "Bei vielen Achtjährigen spielen die Eltern als Bezugspersonen keine Rolle", stellte Holz fest. Besonders dramatisch sei die Situation bei alleinerziehenden Müttern. Zu geringer Umgang mit Eltern und anderen Familienangehörigen und mangelnder Kontakt zu Gleichaltrigen bewirke, dass die Kinder schlecht auf die Schule vorbereitet seien, wo sie sich in Gruppen einfügen müssten. Scham und AggressivitätSpätestens ab dem sechsten Lebensjahr würden sich die Kinder zudem ihrer Armut bewusst, wenn sie feststellen müssten, dass sie in schlechten Gegenden wohnen, kein teures Spielzeug haben und nicht in den Urlaub fahren. Viele von ihnen schämten sich dafür und versuchten, ihre Armut zu verbergen. Mehr als 90 Prozent dieser Kinder zeigten Krankheitssymptome wie Kopf- oder Bauchschmerzen. In der Schule verhielten sie sich aggressiv. "Wir sehen einen deutlichen Zusammenhang zwischen Armut und Verhaltensauffälligkeit", erklärte Holz. Dadurch würden die Kinder in der Schule ausgegrenzt. Mangelnde Konzentrationsfähigkeit auf Grund chronischer Krankheit, fehlende Unterstützung seitens der Eltern und Ablehnung durch die Mitschüler - "das bewältigen Kinder nicht", sagte Holz. Doch staatliche Hilfen gäbe es für diese Kinder kaum. "Die meisten Projekte setzen erst ab dem zehnten Lebensjahr an.". Dabei könne man durch gezielte frühe Förderung großen Schaden abwenden und den Kindern einen besseren Start in den Schulalltag ermöglichen. Denn in der Grundschule zeichne sich schon das Scheitern ab, so dass die Kleinen später fast nie vorzeigbare Abschlüsse machten und damit keine Chance auf gut bezahlte Jobs hätten. Ragati forderte mehr Betreuung und eine Entlastung von Familien mit Kindern bei der Sozialversicherung sowie mehr Kindergeld. Dieses solle aber nach Einkommen gestaffelt werden. Die Studie ist die Fortsetzung einer Untersuchung aus dem Jahr 2000. Damals wurde die Lebenssituation von 900 Kindern untersucht. Bei der jetzt vorgenommenen Vertiefungsstudie befragten die Forscher 185 dieser Kinder erneut.Die Armut bleibt // Von 1997 bis 2000 untersuchte das Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik anhand von 900 Kindern "Lebenslage und Zukunftschance von armen Kindern und Jugendlichen" durch. Für die jetzt vorgestellte Ergänzung wurde das Leben von 185 Kindern untersucht.Arm ist nach einer Definition der OECD, wer weniger als 50 Prozent des durchschnittlichen Einkommens seines Heimatlandes zur Verfügung hat. Das sind in Deutschland bei einer Familie mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern 1500 Euro netto im Monat.In Deutschland gibt es etwa eine Million arme Kinder. Der Studie zufolge haben sie kaum Chancen auf sozialen Aufstieg: Wer arm geboren werde, bleibe fast immer arm. Die schlechte materielle Situation wirke sich auf die Gesundheit der Kinder aus. Fast 90 Prozent von ihnen litten an chronischen Krankheiten wie Kopf- oder Bauchschmerzen.

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