Studie für Verkehrsministerium rechnet bis 2015 nur mit geringem Anstieg des Güteraufkommens / Wasserstraßenpläne überdimensioniert

Kein Bedarf für Havel-Ausbau

Thomas H. Wendel
3 Min

BERLIN, 18. April. Der weitere Ausbau der Havel zu einer Großschifffahrts-Wasserstraße steht möglicherweise vor dem Aus. Grund dafür sind aktuelle Prognosen für den erwarteten Güterverkehr auf der Strecke zwischen der Elbe und Berlin. Laut einer neuen Studie der Planco Consulting GmbH, die für das Bundesverkehrsministerium tätig ist, werden im Jahr 2015 voraussichtlich nur 4,453 Millionen Tonnen Güter über die Havel und den Sacrow-Paretzer-Kanal bei Potsdam transportiert. Das sind laut Planco nur 239 000 Tonnen mehr als im Jahr 1997. Die Ergebnisse der Studie liegen der Berliner Zeitung in Auszügen vor.Kritik an StolpeDer rund 2,7 Milliarden Euro teure Gesamtausbau der Wasserstraße Wolfsburg-Magdeburg- Berlin basiert aber auf einer Planco-Bedarfsprognose aus dem Jahr 1992, die ein Güteraufkommen von 25,7 Millionen Tonnen für das Jahr 2010 voraussagte - mehr als das Fünffache des nun errechneten Bedarfs. Umweltschützer sehen sich durch die neuen Zahlen in ihrer Ablehnung des so genannten Projektes 17 Deutsche Einheit bestätigt: "Der Ausbau zur Wasserautobahn ist total überdimensioniert", sagte der Fluss-Experte des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Winfried Lücking. Heftige Kritik äußern Umweltschützer in diesem Zusammenhang an Bundesverkehrsminister Manfred Stolpe (SPD). Der frühere brandenburgische Ministerpräsident sei gerade dabei, "nach Cargolifter, Chipfabrik und Lausitzring seine teuerste Investitionsruine in den märkischen Sand" zu setzen, erklärte der Berliner BUND-Landesgeschäftsführer Stefan Bundscherer. Im Unterschied zu den früheren Projekten Stolpes müssten dieses Mal "bundesweit alle Steuerzahler das Milliardengrab mit finanzieren", sagte er.Pikant ist die neue Güterverkehrsprognose vor allem wegen der bevorstehenden Verabschiedung des Bundesverkehrswegeplanes 2003. Mit ihm will die rot-grüne Bundesregierung den Investitionsrahmen auch für Flussausbauprojekte bis zum Jahr 2015 festlegen. Durch die anstehende Inbetriebnahme des neuen Wasserstraßenkreuzes bei Magdeburg und die Instandsetzung des Elbe-Havel-Kanals könnten 85 Meter lange Standard-Güterschiffe ("Europaschiffe") auf dem Weg nach Berlin künftig bis zu dreimal so viel Ladung transportieren wie bisher, argumentiert Umweltschützer Lücking. Die Transportkapazität auf der Havel dürfte damit bereits deutlich ansteigen. Vor diesem Hintergrund könnte die finanziell ohnehin unter Druck stehende Regierung sich dazu entschließen, den weiteren Ausbau der Flussverkehrswege von und nach Berlin zu stoppen. Einen solchen Baustopp scheint man wohl auch im Bundesverkehrsministerium sowie der nachgeordneten Wasser- und Schifffahrtsverwaltung nicht auszuschließen. Das würde zumindest erklären, warum die neuen Planco-Zahlen selbst gegenüber Bundestagsabgeordneten noch unter Verschluss gehalten werden. "Wir haben uns mehrmals um die Studie bemüht, sie bisher aber nicht erhalten können", erklärte etwa die grüne Verkehrspolitikerin Cornelia Behm. Die Verweigerung der Herausgabe des Zahlenmaterials sei vom Verkehrsministerium damit begründet worden, dass man das Material nicht unkommentiert übergeben könne, berichtete Behm. Auch eine versprochene Präsentation des Gutachtens sei "noch nicht terminiert", sagte Behm.Angesichts der neuen Zahlen fordert der BUND indes einen sofortigen Baustopp. Zuerst solle auf den Ausbau der Schleuse in Kleinmachnow bei Berlin für 125 Meter lange Großmotorschiffe verzichtet werden. Grund: Für die Riesenschiffe wird es hinter der Schleuse keine entsprechend großen Häfen geben.BLZ/KÜHL Der Havel-Ausbau beruht auf optimistischen Prognosen von 1992.BERLINER ZEITUNG/GERD ENGELSMANN Ein Binnenschiffs-Schubverband unterquert die Glienicker Brücke bei Potsdam.

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