Wer in den ersten Lebensjahren wenig Zucker isst, könnte Jahrzehnte später ein gesünderes Gehirn haben. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie, die den Zusammenhang zwischen Zucker und Gehirn erstmals mit einem groß angelegten historischen Experiment untersucht hat. Sie wurde kürzlich im Fachjournal npj Aging veröffentlicht.
Forschende werteten dafür Daten von rund 60.000 Menschen aus der britischen UK-Biobank aus, die um das Ende der britischen Zuckerrationierung im September 1953 geboren wurden. Das Ergebnis: Wer in den ersten 1000 Tagen des Lebens von der Rationierung betroffen war, hatte im Alter ein deutlich niedrigeres Risiko für Demenz, Alzheimer, Depressionen und Angststörungen. Die Daten geben Hinweise auf ein mögliches Zeitfenster für lebenslange Hirngesundheit.
Ein Nachkriegs-Experiment als Datenquelle
Die Studie nutzt eine historische Besonderheit: die britische Zuckerrationierung, die von 1942 bis 1953 galt. Diese Politik beschränkte den Zuckerkonsum streng und sah für Kinder unter zwei Jahren gar keine Zuckerration vor.
Mit dem abrupten Ende der Rationierung im September 1953 verdoppelte sich der durchschnittliche Zuckerkonsum von Erwachsenen fast über Nacht. Der Verzehr anderer Grundnahrungsmittel blieb dagegen weitgehend stabil. Mit dem Ende der Beschränkung veränderte sich also gerade für die Kleinsten die Zuckerumgebung schlagartig.
Genau dieser scharfe Bruch schafft laut den Autorinnen und Autoren einen fast experimentellen Vergleich: Menschen, die kurz vor dem Ende geboren wurden, waren als Kleinkinder deutlich weniger Zucker ausgesetzt als jene, die kurz danach zur Welt kamen.
Das sind die zentralen Ergebnisse
Die Forschenden verglichen drei Gruppen: nur im Mutterleib der Rationierung ausgesetzt, bis zu 1000 Tage nach der Zeugung ausgesetzt sowie eine nicht rationierte Kontrollgruppe.
Am stärksten profitierte die Gruppe mit der längsten frühen Zuckerbeschränkung. Verglichen mit der Kontrollgruppe zeigten sich folgende niedrigere Risiken:
Demenz insgesamt: 27 Prozent geringeres Risiko
Alzheimer: 46 Prozent geringeres Risiko
Depression: 11 Prozent geringeres Risiko
Angststörungen: 20 Prozent geringeres Risiko
Für die Parkinson-Krankheit fanden die Forschenden keinen signifikanten Zusammenhang. Wer nur im Mutterleib betroffen war, zeigte lediglich ein leicht reduziertes Angstrisiko.
Frauen profitieren offenbar stärker
In nach Geschlecht getrennten Analysen zeigten sich die deutlichsten Schutzeffekte von begrenztem Zuckerkonsum bei Frauen, und zwar für Alzheimer, Depression und Angststörungen. Bei Männern war nur das Risiko für Angststörungen signifikant verringert.
Zusätzlich werteten die Forschenden Hirnaufnahmen aus. Menschen mit längerer früher Zuckerbeschränkung zeigten strukturelle Unterschiede, etwa größere Volumina in Regionen wie Hippocampus und Thalamus.
Auch die sogenannte Hirnalterung, gemessen über den Brain Age Gap, verlief langsamer. Der sogenannte Brain Age Gap ist ein Maß dafür, wie alt ein Gehirn auf MRT-Bildern erscheint. Ein Computermodell schätzt anhand der Aufnahmen ein „Hirnalter“ und vergleicht es mit dem echten Lebensalter. Liegt das geschätzte Alter darunter, wirkt das Gehirn jünger als die Person – ein Hinweis auf langsamere Alterung.
Im Schnitt wirkte das Gehirn dieser Gruppe um etwa 0,39 Jahre jünger als das tatsächliche Alter.
Wichtige Einschränkungen der Studie
Die Autorinnen und Autoren betonen selbst, dass es sich um eine Beobachtungsstudie handelt, aus der kein direkter Ursache-Wirkungs-Zusammenhang abgeleitet werden kann. Das Ende der Rationierung fiel zudem mit dem wirtschaftlichen Aufschwung der Nachkriegszeit zusammen.
Auch ließ sich nicht messen, wie viel Zucker die einzelnen Menschen tatsächlich aßen, sondern nur, wann sie relativ zur Rationierung geboren wurden.
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