Die Bevölkerung Deutschlands wird einer neuen Studie zufolge bis zum Jahr 2045 von derzeit rund 83,3 Millionen auf 81,8 Millionen Menschen zurückgehen. Das geht aus der Untersuchung „Demografische Lage der Nation" hervor, die das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung gemeinsam mit der Wüstenrot-Stiftung vorgestellt hat. Rund zwei Drittel der 400 Kreise und kreisfreien Städte müssen mit einem Rückgang der Einwohnerzahlen rechnen – darunter auch 184 Regionen, die noch vor wenigen Jahren gewachsen waren.
„Die entscheidende Frage ist nicht, ob Deutschland wächst oder schrumpft, sondern wo", sagte Catherina Hinz, Direktorin des Berlin-Instituts, bei der Vorstellung der Studie. Manche Regionen müssten Wohnraum und Infrastruktur für mehr Menschen schaffen, während andere die sogenannte Daseinsvorsorge – also die Versorgung der Bevölkerung mit grundlegenden Leistungen – mit weniger Arbeitskräften bewältigen müssten.
Für die bereits zum fünften Mal erschienene Studie wurden alle 400 Kreise und kreisfreien Städte anhand von 26 Indikatoren aus den Bereichen Demografie, Wirtschaft, Bildung und Soziales bewertet. Als Grundlage für gute Zukunftsaussichten nennen die Autoren Arbeitsplätze mit angemessenen Einkommen, ausreichend verfügbare Arbeitskräfte, finanziell gut ausgestattete Kommunen, Betreuungsangebote für Familien sowie eine funktionierende Mobilität.
Großstädte wachsen – aber nicht alle
Frederick Sixtus vom Berlin-Institut verwies darauf, dass es mit wenigen Ausnahmen in allen Regionen mehr Sterbefälle als Geburten gebe – eine Folge jahrzehntelang niedriger Geburtenziffern. Über das Bevölkerungswachstum entschieden daher vor allem Zu- und Wegzüge.
Für Leipzig, Berlin, Hamburg, Frankfurt am Main, München, Nürnberg, Düsseldorf, Potsdam und Dresden wird laut Manuel Slupina von der Wüstenrot-Stiftung ein teils kräftiges Wachstum prognostiziert. Essen, Dortmund und Stuttgart dagegen müssen bis 2045 mit sinkenden Einwohnerzahlen rechnen. Auch das Umland vieler Metropolen dürfte wachsen: Während junge Menschen eher in die Städte ziehen, zieht es Familien mit Kindern ins Umland.
Die klassische Unterscheidung zwischen Stadt und Land greife jedoch nicht flächendeckend, betonen die Autoren. Unter den 100 am schlechtesten platzierten Regionen finden sich auch Großstädte wie Bremen, Duisburg, Lübeck, Salzgitter und Kaiserslautern. Am Ende des Rankings stehen zudem dünn besiedelte Gegenden wie der Kreis Elbe-Elster in Brandenburg, Lüchow-Dannenberg in Niedersachsen und der Kyffhäuserkreis in Thüringen.
Osten driftet auseinander
Besonders in Ostdeutschland entwickeln sich die Regionen laut Studie zunehmend unterschiedlich: 12 der 20 Kreise mit den schwächsten Gesamtbewertungen liegen dort – 2019 waren es noch fünf. Zugleich finden sich im Osten sowohl der größte Gewinner als auch der größte Verlierer: Der Brandenburger Landkreis Dahme-Spreewald kann bis 2045 mit einem Zuwachs von 17 Prozent rechnen, während die Stadt Suhl und der Kreis Sonneberg in Thüringen jeweils rund 30 Prozent ihrer Bevölkerung verlieren dürften.
Auch im Westen sind die Unterschiede erheblich. Das Saarland dürfte weiter schrumpfen, auch Südniedersachsen und Südwestfalen haben nach Einschätzung der Autoren eher trübe Aussichten. Viele Kreise in Baden-Württemberg und Bayern dürften dagegen wachsen.
Bayern baut Vorsprung aus
Weiterhin zeige sich ein deutliches Nord-Süd-Gefälle, so die Autoren. Bayern setze sich an der Spitze immer deutlicher ab: 18 der 20 bestplatzierten Kreise und kreisfreien Städte liegen dort, 2019 waren es noch 12, sagte Adrián Carrasco Heiermann vom Berlin-Institut. In Bayern kämen mehrere günstige Faktoren zusammen: eine starke Wirtschaft in vielen Kreisen sowie eine vergleichsweise hohe sozialversicherungspflichtige Beschäftigung von Frauen, Menschen ohne deutschen Pass und älteren Arbeitnehmern kurz vor dem Rentenalter. Schwächere Regionen schneiden gerade bei der Beschäftigung von Frauen und Menschen ohne deutschen Pass häufig schlechter ab.
Zusätzlich wirkt sich die Altersstruktur auf die Regionen aus. Mit dem nahenden Ruhestand der Babyboomer wird die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter bis 2045 bundesweit um 4,7 Prozent schrumpfen. In Thüringen, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und dem Saarland liege der Rückgang sogar zwischen 12 und 18 Prozent. Zuwächse auf Landesebene erwarten nur Berlin, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und Bremen. Die Teilhabe am Arbeitsmarkt werde damit zum zentralen Standortfaktor, der Wettbewerb um Arbeitskräfte zu einer der prägenden demografischen Herausforderungen, folgern die Autoren.
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