BERLIN. Den Betreibern der deutschen Kernkraftwerke entgehen Milliardeneinnahmen, wenn alte Meiler aus Sicherheitsgründen nicht länger laufen dürfen. Die Zusatzeinnahmen für den Staat fallen hingegen selbst bei einer Laufzeitverlängerung für alle Anlagen in den ersten Jahren sehr mager aus. In einer Studie, die der Berliner Zeitung vorliegt, hat die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) untersucht, welche Gewinne die börsennotierten deutschen Stromriesen aus einer zehnjährigen Laufzeitverlängerung für die ältesten und anfälligsten Atomkraftwerke erzielen würden. Dabei geht es um die sechs ältesten Anlagen Neckarwestheim I, Philippsburg 1, Isar 1, Brunsbüttel, Biblis A und B sowie zusätzlich den umstrittenen Pannenmeiler Krümmel.Für EnBW geht es um vielInsgesamt summieren sich die Gewinne aus diesen Anlagen für Eon, RWE und EnBW laut LBBW auf rund 11,9 Milliarden Euro. Rechnet man den Berliner Konzern Vattenfall Europe mit ein, der an den Kernkraftwerken Krümmel und Brunsbüttel beteiligt ist, ergibt sich sogar eine Summe von 13,9 Milliarden Euro. Grundlage dieser Kalkulation ist eine moderate Entwicklung der Strompreise. In einem Szenario, bei dem Elektrizität in den kommenden Jahren deutlich teurer wird, würden die zusätzlichen Gewinne rund doppelt so hoch ausfallen. Eine solche Entwicklung hält die LBBW jedoch derzeit für weniger wahrscheinlich.Hintergrund der Berechnungen ist, dass die Koalition aus Union und FDP die Laufzeiten für die deutschen Atomkraftwerke verlängern möchte. Eine Entscheidung darüber wird vermutlich erst nach der Wahl in Nordrhein-Westfalen im Mai fallen. Insbesondere die FDP hat jedoch bereits darauf gedrängt, die Laufzeitverlängerung von hohen Sicherheitsstandards abhängig zu machen. Bei den sieben Meilern, die die LBBW als mögliche politische "Bauernopfer" bezeichnet, stammen die Anlagenkonzepte aus den 70er-Jahren und gelten im Falle eines schweren Unfalls als schwer beherrschbar. Einige der Reaktoren sind darüber hinaus kaum gegen Flugzeugabstürze und Terroranschläge geschützt.Die jeweiligen Konzerne sind unterschiedlich stark von der Abschaltung einzelner Anlagen betroffen. Beim baden-württembergischen Betreiber EnBW, der die alten Anlagen Neckarwestheim 1 und Philippsburg 1 betreibt, hätten die "Bauernopfer" besonders drastische finanzielle Auswirkungen. Der Wert des Unternehmens würde um knapp acht Prozent sinken im Vergleich zum Szenario, in dem alle Kernkraftwerke länger laufen dürfen. Bei RWE wären es vier Prozent, bei Eon lediglich 1,5 Prozent. Für die nicht an der Börse notierte Vattenfall Europe lässt sich kein Wert bestimmen. Auch für Vattenfall geht es aber um Milliarden: Krümmel und Brunsbüttel würden dem Konzern im Falle einer Laufzeitverlängerung um zehn Jahre knapp zwei Milliarden Euro einbringen.Die Analysten der LBBW haben ebenfalls untersucht, wie hoch die Einnahmen sind, die die neue Regierung durch eine Laufzeitverlängerung für alle Anlagen erzielt. Union und FDP stimmen überein, mehr als die Hälfte der Zusatzgewinne der Stromkonzerne abzuschöpfen und in Öko-Energie zu investieren. "Auf der Grundlage unserer Berechnungen sind die Perspektiven dafür jedoch, was die laufende Legislaturperiode angeht, gering", heißt es in der Studie. Die für die Verbesserung der Sicherheit nötigen Nachrüstungsinvestitionen von 3,2 Milliarden Euro für die alten Meiler senken die Gewinne unterm Strich auf 1,8 Milliarden Euro. Die LBBW schätzt, dass der Staat davon 1,2 Milliarden abschöpfen würde, pro Jahr im Schnitt also lediglich 300 Millionen Euro. Zum Vergleich: Allein die Erzeugung von Öko-Strom kostete im vergangenen Jahr 8,7 Milliarden Euro.Der Großteil der kalkulierten Zusatzgewinne ist im Zeitraum ab 2014 zu erwarten. Diese belaufen sich laut LBBW-Berechnungen auf 37,5 Milliarden Euro, davon könnten 24,4 Milliarden auf den Staat entfallen.------------------------------Drei Reaktoren müssen bald vom NetzAbmachung: Nach dem noch gültigen Atomausstiegsgesetz, das 2002 von der rot-grünen Regierung nach Verhandlungen mit der Atomindustrie beschlossen wurde, müssen die 17 deutschen Atomkraftwerke nach und nach bis 2022 abgeschaltet werden. Drei Reaktoren müssen demnach schon 2010 vom Netz: Biblis A und B in Hessen sowie Neckarwestheim 1 in Baden-Württemberg. Entscheidend ist jedoch die produzierte Strommenge, deshalb können die Betreiber den Termin hinauszögern.------------------------------Grafik: Energieträger für die Stromerzeugung, Anteile in Deutschland, 2008Foto: Reaktoren wie das in den 70er-Jahren gebaute Atomkraftwerk in Philippsburg (Baden-Württemberg) sind für die Betreiber hochrentabel.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]