Im tropischen Pazifik zeichnet sich derzeit eines der stärksten El-Niño-Ereignisse seit Beginn systematischer Messungen ab. Nach einer aktuellen Auswertung des US-Klimaforschers Zeke Hausfather rechnen inzwischen 14 verschiedene Klimamodelle mit einem außergewöhnlich starken Ereignis, wobei lediglich die Daten des gekoppelten europäisch-japanischen Sintex-Modells in der Auswertung fehlen.
Für November 2026 prognostizieren die Modelle in der Niño-3.4-Region, einem zentralen Meeresgebiet im äquatorialen Pazifik, eine Erwärmung von rund vier Grad über dem langjährigen Durchschnitt, die meisten Berechnungen bewegen sich zwischen 3,7 und 4,2 Grad. Beim bisherigen Rekord-El-Niño 2015/16 waren in derselben Region etwa 2,7 Grad Abweichung erreicht worden.
Wassertemperaturen: Werte weit über dem bisherigen Rekord
Die NOAA stuft das Ereignis inzwischen mit 81 Prozent Wahrscheinlichkeit als sehr stark ein, wobei von zehn Episoden seit 1990 bislang nur drei diese Kategorie erreichten – die aktuelle wäre damit die vierte. Der wöchentliche Niño-3.4-Wert lag Anfang Juli bei plus 1,2 Grad, vor der südamerikanischen Küste bereits bei plus 2,7 Grad. Klimaforscher Mojib Latif vom Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel, der bereits den Super-El-Niño von 1997 vorausgesagt hatte, beschreibt die Lage drastisch: „Der Revolver ist geladen". Die charakteristischen Schübe von Westwinden im Westpazifik, die den Passat ausbremsen, seien bereits messbar, ebenso steigende Meerestemperaturen vor der Küste Perus. Auch Tim Stockdale vom europäischen Wetterzentrum ECMWF betont, dass praktisch alle Klimamodelle in dieselbe Richtung weisen.
Schnee in der Atacama, der trockensten Wüste der Welt – dahinter steckt El Niño
Auch der Relative Oceanic Niño Index, an dem die NOAA die Stärke des Phänomens misst, deutet auf eine historische Dimension hin. Laut der ENSO Diagnostic Discussion vom August 2026 soll der Wert zwischen Oktober und Dezember im Median auf plus 2,66 Grad steigen, mit einer Spanne von plus 2,37 bis plus 2,95 Grad, für Dezember bis Februar liegt der Median bei plus 2,23 Grad. Bei den beiden bisher stärksten Ereignissen der Messreihe, 1997/98 und 2015/16, hatte der Index jeweils nur rund plus 2,4 Grad erreicht. Die NOAA beziffert die Wahrscheinlichkeit, dass der Herbstwert 2026 jedes bisherige El-Niño-Ereignis seit 1950 übertrifft, auf 69 Prozent.
Weltklima 2027: Neuer Hitzerekord in Sicht
Laut der Klimaprognose der Weltorganisation für Meteorologie für die Jahre 2026 bis 2030 besteht eine 86-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass mindestens ein Jahr in diesem Zeitraum das bisherige Rekordjahr 2024 übertrifft. Beim vorangegangenen starken El Niño 2023/24 waren die globalen Temperaturen erstmals über die 1,5-Grad-Schwelle gegenüber dem vorindustriellen Niveau geklettert. Sollte 2027 – ob mit normalem oder Super-El-Niño – die Globaltemperatur in Richtung 1,6 bis 1,8 Grad gegenüber vorindustriellen Werten gehen, entspräche das den Erwartungen der Klimamodelle und dem heutigen Verständnis des Klimasystems.
Dass El-Niño-Ereignisse durch den Klimawandel heftiger ausfallen, gilt inzwischen als belegt. Modellrechnungen des Woodwell Climate Research Center zeigen, dass die Ausschläge zwischen El Niño und La Niña extremer geworden sind – unter Szenarien mit hohen Emissionen könnten El-Niño-Ereignisse demnach 15 bis 20 Prozent stärker ausfallen.
Auswirkungen für Deutschland eher gering
Für Europa und speziell Deutschland fällt die Prognose deutlich zurückhaltender aus. Klimaforscher Josef Ludescher ordnet ein: In Europa sei der direkte Einfluss des Atlantiks viel stärker als der indirekte aus dem Pazifik, Europa gelte generell als der am wenigsten von El Niño betroffene Kontinent. Da das Maximum der Erwärmung diesmal voraussichtlich im Ostpazifik statt im Zentralpazifik liegt, sei für Deutschland 2026/2027 nicht mit einem kälteren Winter als sonst zu rechnen.
100 Prozent: Was die WMO über El Niño sagt, gab es noch nie
Dennoch könnte der Winter hierzulande spürbar milder und nasser ausfallen. Für Dezember 2026, Januar und Februar 2027 zeigen Berechnungen Temperaturen von bis zu zwei Grad über dem Mittel, Frost und Schnee hätten es entsprechend schwer – mild heißt in diesem Fall vor allem nass, mit Sturmtiefs vom Atlantik im Gepäck Orkanböen und Dauerregen. Fallen die Niederschläge auf ohnehin gesättigte Böden, steigt die Hochwassergefahr an Rhein, Mosel, Main und Donau rasant.
Warnung vor verfrühter Panikmache
Klimaforscher mahnen gleichzeitig zur Vorsicht bei der Einordnung früher Prognosen. Klimamodelle lieferten keine festen Aussagen, sondern Szenarien mit unterschiedlichen Eintrittswahrscheinlichkeiten, die im Jahresverlauf mehrfach mit neuen Daten aktualisiert würden. Besonders im Frühjahr, wenn ein altes ENSO-Ereignis abklingt und sich noch nicht entschieden hat, was als Nächstes kommt, gelten Vorhersagen als besonders unsicher – Fachleute sprechen von der sogenannten Frühjahrsbarriere der Vorhersagbarkeit. Die Weltwetterorganisation rät ausdrücklich, Vorhersagen aus der ersten Jahreshälfte nur als Richtwert zu lesen; erst ab Juni, wenn die Barriere durchschritten ist, gewinnen die Prognosen an Schärfe.
Bislang handelt es sich beim aktuellen Ereignis noch um Vorhersagen, auch wenn die bereits gemessenen Werte außergewöhnlich ausfallen. Ob sich der Super-El-Niño tatsächlich in dieser Stärke einstellt, dürfte sich mit den nächsten Updates von WMO und NOAA weiter klären. Der Pazifik hat jedenfalls schon entschieden – die Frage ist nur noch, wie laut es am Ende knallt.
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