MÜNCHEN, 3. August. Jetzt gibt es kein "vielleicht" mehr, kein "ich weiß es noch nicht". Sven Hannawald, 30, hat seine Skisprung-Karriere beendet. Per Fax teilte sein Management mit, dass er sich den Belastungen des Profisports nicht mehr aussetzen wolle. Seit Februar 2004 ist er von keiner Schanze mehr gesprungen, weil er am Burn-out-Syndrom erkrankt war, mit einer Rückkehr in den Skisprung-Sport hatten sowieso allenfalls seine eingefleischten Fans noch gerechnet.Lange hatte sich Hannawald nicht getraut, den Schlussstrich zu ziehen. Stets hielt er sich ein Hintertürchen offen, als habe er Angst vor einer definitiven Entscheidung. Jede Frage nach einem möglichen Comeback beantwortete er vage. Noch im Mai erklärte er in einer Talkshow: "Es kann sein, dass ich in einem oder zwei Monaten sage: Jungs, das war's! Aber ich könnte auch sagen: Blast die Trompete, jetzt geht's wieder auf!" Hannawald hatte offenbar Angst vor einer Zukunft ohne den Sport.Was er jetzt vorhat, hat sein Manager Werner Heinz nicht auf dem verbreiteten Fax notiert. Hannawald ließ lediglich erklären: "Ich werde in Zukunft sicherlich weiterhin in der Öffentlichkeit zu sehen sein." Den Prominenten-Status behält er auch ohne Skiern - ausprobiert hatte er das jüngst bei einem Prominenten-Radrennen und bei einer von Stefan Raab veranstalteten Wok-WM. Seine psychische Erkrankung ist mittlerweile geheilt, heißt es. Doch stark genug für den Hochleistungs-Sport fühlt er sich nicht mehr."Ich mach einfach mein Zeug"Hannawald war ein strahlender Schanzen-Held. Zwei Jahre nachdem Jens Weißflog seine Karriere beendet hatte, sprang sich ein gebürtiger Sachse mit Wohnort Hinterzarten bei der Vierschanzentournee 1997/98 in den Vordergrund. Die Öffentlichkeit registrierte erfreut: Ein braver junger Mann, der ein kleines Appartement bewohnt, als Hobby Kuchenbacken angibt und seine Prämien nicht verjubeln will, sondern zur Bank trägt - schon nach seinem ersten Weltcupsieg 1998 in Bischofshofen war er Deutschlands neuer Wintersport-Liebling. Kurz vorher wollte ihn der Verband eigentlich aus dem Kader streichen, der damalige Bundestrainer Reinhard Heß jedoch glaubte an Hannawalds Talent. Vier Jahre später sollte Heß auf Hannawalds Druck zurücktreten. Wenn es darauf ankam, war er egoistisch. Es zählte sein Erfolg, und Heß schien ihm kein Erfolgsgarant mehr zu sein.Der Winter 2001/2002 war seine Saison: Als erster Springer überhaupt gewann er alle vier Wettbewerbe der Vierschanzentournee: Er lächelte in die Kameras, verzückte die Fangemeinde mit ausgelassenem Jubel und schaffte sich mit sinnfreien Sätzen wie "Ich mach einfach mein Zeug" oder "Ich will wieder eine Granate zünden" ein Markenzeichen, das vor allem bei Teenagern gut ankam. Er akzeptierte, dass ein TV-Sender und eine Boulevardzeitung eine Freundin für ihn suchen wollten.In der Vermarktungsmaschinerie wirkte er wie eine Marionette, die ein Dauergrinsen im Gesicht hat. Nein sagen könne er eben schlecht, erklärte er entschuldigend. Er schrieb ein Autogramm nach dem anderen, besuchte einen Empfang nach dem anderen. Er lächelte und verzückte Heerscharen junger Mädchen. Doch hinter der Fassade war Leere und Einsamkeit, wie er später gestand. Sein Leben war der Sport und sein Leben war nur ausgefüllt, wenn der Sport Erfolg mit sich brachte.Im Winter 2003/2004 blieben die Siege aus. Und Hannawald bot ein Bild des Jammers, als er mit schlaffen Schultern um die Schanze schlich und nicht wusste, warum die Konkurrenten plötzlich viel weiter sprangen als er. Die psychische Krise, die Beobachter schon länger vermuteten, wurde im April 2004 offenkundig, als er sich mehrere Monate stationär behandeln ließ. Danach tastete er sich zurück ins Leben, "ich bin froh, den Alltag wieder zu meistern", sagte er.Im Frühjahr beschloss der Deutsche Skiverband, ihn für die Olympischen Winterspiele 2006 nicht zu berücksichtigen. Schon da war eigentlich klar, dass sich der sensible Athlet den Mühen eines Comebacks wohl nicht mehr beugen wollte. Am Mittwoch erklärte nun Bundestrainer Peter Rohwein, der vor zwei Wochen Hannawald noch ermutigt hat, sich zu entscheiden: "Es spricht für ihn, dass er die Entscheidung getroffen hat. Wir haben alle gewusst, dass eine Rückkehr immer unwahrscheinlicher wird, je länger die Pause dauert." Heß, in dessen Ära Hannawald seine größten Erfolge feierte, bezeichnet die Entscheidung als "längst überfällig. Es ist der richtige Weg, sich neu zu orientieren und sich dem Leben nach dem Sport zu widmen. Ich hoffe, es wird für ihn eine Erleichterung. Er geht als einer der größten Springer in die Sport-Historie ein."Dass sich Hannawald ab und zu bei der Mannschaft blicken lässt, wünscht sich Rohwein. Bei der deutschen Meisterschaft vor knapp zwei Wochen war Hannawald an die Schanze gekommen, zusammen mit seinem Hund namens Achilles. Von weitem hat er gewirkt, als wäre er ein ganz normaler Tourist, der sich entspannt ein Skispringen anschaut. Vielleicht hatte er da schon Abschied genommen vom Sport, der von Kindheit an sein Leben bestimmt hat.------------------------------Sven Hannawald - eine KarriereHistorisches: Es war 15.56 Uhr am 6. Januar 2002, als Sven Hannawald die Welt der Skispringer veränderte. Als erster Athlet in der Geschichte der Vierschanzentournee gewann er alle vier Wettbewerbe nacheinander. Hannawalds Sieg gehört seit diesem Tag zu den Mythen der Tournee.Biografisches: Sven Hannawald, geboren in Erlabrunn im Erzgebirge, hat das Skispringen über Jahre geprägt. Er wurde 2002 Mannschafts-Olympiasieger und Olympiazweiter auf der Normalschanze, war 1998 Olympiazweiter (Mannschaft) und 2000 sowie 2002 Skiflug-Weltmeister.------------------------------Foto: Duo für einmalige Erfolge: der frühere Bundestrainer Reinhard Heß (l.) und Vierschanzensieger Hannawald.
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