Kreuzbergroman

Sven Regener: „Frankie und Freddie“ führt zurück nach West-Berlin 1980

Sven Regeners neuer Roman spielt am Tag vor Weihnachten 1980. Frank Lehmann soll seinen Bruder aus einem Hotel abholen. Dann verschwindet eine Tasche. Die Kritik.

Cornelia Geißler
Cornelia Geißler
6 Min
Sven Regener erweitert die Erfahrungswelt von Herrn Lehmann.

Sven Regener erweitert die Erfahrungswelt von Herrn Lehmann.

© Boris Roessler/dpa

Einige Dinge muss man unbedingt über den neuen Roman von Sven Regener sagen. Sein Titel „Frankie und Freddie“ geht auf die Hauptfiguren zurück, die vollständig Frank und Manfred Lehmann heißen. Da klingelt es bei allen, die schon etwas länger Bücher lesen und ins Kino gehen: Tatsächlich ist dieser Band der siebente aus dem Erzählkosmos, den Sven Regener seit 2001 um „Herrn Lehmann“ errichtet hat.

Beim ersten Buch, damals ein Riesenerfolg, von Leander Haußmann verfilmt, ist Frank fast 30 Jahre alt, jobbt in einer Kneipe, streitet sich mit seinen Eltern und erlebt schließlich den Mauerfall aus westlicher Perspektive. In den folgenden hat Sven Regener Franks Geschichte weitererzählt oder ist in ihr zurückgegangen, sogar bis nach Bremen, woher Autor und Held stammen.

Beim „Pillenprojekt“ am Kudamm

Nun sind wir wieder in West-Berlin. Frank ist gerade in Kreuzberg angekommen, hat erst einmal das WG-Zimmer seines Bruders Freddie bezogen. Der brauchte es zunächst nicht, weil er in einer Art Hotel hauste, wo er an einem gut bezahlten „Pillenprojekt“ teilnahm. Er braucht es weiterhin nicht, weil er nach New York will, er hat nämlich ein Stipendium dort.

Wie bei Regeners Romanen üblich, gibt es ein begrenztes Personal und keine lange, verzweigte Handlung. Diesmal ist sie einerseits besonders reduziert, spielt doch alles am Tag vor Weihnachten 1980. Andererseits ist sie verwickelt und verzwickt, durch merkwürdige Zufälle und verrückte Begegnungen. Das Verwickelte hat seinen besonderen Schwung nicht nur durch die ulkigen Einfälle des Autors, sondern vor allem durch die Syntax. Sven Regener legt Schachtelsätze aus, die einem die Ohren schlackern und den Kiefer vor Lachen knacken lassen, stimmig durchrhythmisiert und mit alltagssprachlichen und berlinischen Elementen garniert.

So war es doch „… immerhin als Erleichterung und Trost gemeint gewesen, als Frank seinem Bruder versprochen hatte, ihn aus dem Pillenprojekt, also aus dem psychopharmazeutischen Versuchsdingens im Kudamm-Hotel mit dem guten alten Opel Kadett abzuholen, da war Verständnis seitens dieses Bruders keine Milderung der Umstände, es war richtig und gut gewesen, ihm das zu versprechen, gerade weil es ungewöhnlich und eigentlich bescheuert war, zum Kudamm mit dem Auto zu fahren, aber besondere Lage, besondere Maßnahme, dachte Frank, sein Bruder war seelisch noch nicht ganz auf dem Posten, irgendwie wackelig drauf vom Pillenprojekt …“

Mit Artsy Fartsy unterwegs

Weil der nie genutzte Opel nicht anspringt, fahren sie schließlich mit dem Schneeräumauto, was aber kein Verwandter unserer heutigen BSR-Kehrwagen ist, sondern eine Kastenente. Karl Schmidt – Eingeweihten noch aus „Herr Lehmann“ und „Magical Mystery“ in Erinnerung – verdient sogar Geld damit, sie einfach vorm Haus stehen zu haben. Er muss sie allerdings steuern. Und er lässt sich leichtfertig darauf ein, noch einen Typen mit Namen Artsy Fartsy vom Hotel mitzunehmen, der dann dummerweise mit Freddies Tasche verschwindet, in der die Dokumente für New York sind. Die Jagd nach der Tasche bringt Tempo ins Buch.

Das ist eine Kastenente.

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© Wolfram Weber/Imago

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In „Frankie und Freddie“ wird ein Berlin durchlaufen und durchfahren, was es längst nicht mehr gibt, das aber an manchen Stellen noch so riecht und so klingt. Sven Regener hat eine Stadtlandschaft unter einer Glasglocke aufgebaut und die Zeit darin konserviert. Die Straßenzüge stimmen. Die meisten Leute sind Zugezogene – Bundeswehrflüchtlinge und Menschen mit Kunst-Karriere-Träumen. Marco kommt aus Ost-Berlin und berlinert. Und dann lässt der Autor es auch noch schneien. Die Kastenente wird gebraucht.

Das Taxi dieselt vor sich hin

Sven Regener mag kein Chronist sein, dafür ist sein Frank-Lehmann-Erzählwerk zu unsystematisch aufgebaut. Weil er aber als Liedtexter für Element of Crime, der er ja schon 15 Jahre vor dem ersten Buch war, und längst auch als Autor einen Sinn für Sprachbilder und besondere Worte hat, kann er das Atmosphärische einer Zeit fassen. Es gibt bei ihm „Blitzgeiz“ und „Arztdarsteller“, während ein wartendes Taxi „vor sich hindieselte“.

Als Frank das Wort „Befugnisse“ durch den Kopf purzelt, gerät der ins Wanken, denn „wenn man erstmal in Begriffen wie Befugnisse denkt, dachte er, sitzt man in der Falle der eigenen bürokratischen Betulichkeit“. Wenn Chrissie den Brüdern den Tipp gibt, dass man mit der S-Bahn gut von Nord nach Süd komme, reagieren die verstört: „Woher kennst du denn das S-Bahn-Netz? Das ist doch DDR-Quatsch! Da fährt doch keine Sau mit!“ Sie erklärt ihnen in Kürzestfassung die Rechtslage, die sie interessant finde. Außerdem sollte man sich mal die Geisterbahnhöfe ansehen.

Chrissie kennen wir auch aus anderen Büchern, Frank verliebt sich gerade in sie. Ihre Erkältung ist dabei hinderlich. Als er „Grippoflex plus C“ kaufen will, herrscht ihn die Apothekerin in der Wiener Straße an: „Das gibt es nur, damit die Leute weiterarbeiten können, obwohl sie krank sind. Das ist voll der Leistungsgesellschaftsshit!“ Der von beiden Seiten angriffslustig geführte Apothekendialog füllt ein ganzes schönes, lustiges Kapitel.

Das Buch macht Laune und melancholisch

Einige Dinge mehr kann man noch über das Buch sagen, etwa dass hier aus einer ungewöhnlichen Perspektive auf ein Brüderpaar geschaut wird. Sonst erlebt man Brüder in der Literatur entweder als Kinder oder als Erwachsene, die es geschafft haben, ihre Geschwisterbeziehung zu einer Freundschaft zu formen. Hier haben wir zwei ungleiche Brüder mit einem markanten Altersunterschied, die im Erwachsenenleben erst zu einem neuen Verhältnis finden müssen. Frank wirft Freddie vor, ihn bei seiner Flucht nach West-Berlin mit den Ansprüchen von Vater und Mutter alleingelassen zu haben. Freddie pampt zurück: „Ich kann ja wohl nichts dafür, dass wir Eltern haben.“

Um jemandem wirklich ein Gefühl für „Frankie und Freddie“ geben zu können, muss man eigentlich nur zum Lesen auffordern. Der Sound und ein Gefühl für den Roman wie für die Stadt bauen sich schnell auf. Dieses Buch macht gute Laune und melancholisch – je nachdem, auf welcher Seite man gerade ist.

Sven Regener: Frankie und Freddie. Roman. Galiani Berlin 2026. 288 Seiten, 24 Euro

Lesungen in Berlin: 12.9., 19 Uhr,Großer Sendesaal des RBB, Masurenallee 8–14; 14.9., 19 Uhr, Dussmann, Friedrichstraße 90

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