Symbole Ost- und West-Berlins verschwinden / Senat will auch die Deutschlandhalle abreißen

Erst der Palast, jetzt das ICC

Christine Richter
5 Min

Das Internationale Congress Centrum (ICC) wird höchstwahrscheinlich abgerissen. Der Senat sprach sich gestern dafür aus, eine neue Kongresshalle an Stelle der Deutschlandhalle zu bauen, wenn dies die kostengünstigste Lösung für die Messe Berlin sein sollte. Für das ICC sollte dann ein neuer Betreiber gesucht werden. Gelingt dies nicht, soll das ICC abgerissen werden. Bis Ende Oktober will der Senat nun die Berechnungen des von ihm beauftragten Architekturbüros Gerkan, Marg und Partner prüfen und eine zweite Meinung einholen. Stimmen die Zahlen, werde ein entsprechender Senatsbeschluss noch in diesem Jahr gefasst, sagte Wirtschaftssenator Harald Wolf (PDS).Wohl wissend, dass das ICC im Westteil eine hohe symbolische Bedeutung hat, wollte der Senat noch nicht für den Abriss votieren. Derweil ist der Abriss des Palastes der Republik, der in Ost-Berlin einen noch höheren Stellenwert hatte, längst beschlossen. "Aber der Abriss des ICC ist nur die letzte Variante", sagte Wolf. Doch auch im Senat hält man es eher für unrealistisch, dass sich ein privater Betreiber für das ICC finden lässt. Denn dort dürften keine Kongresse und Tagungen veranstaltet werden und auch Einzelhandel bliebe verboten, um der neuen Kongresshalle und den Geschäften auf dem nahe gelegenen Kurfürstendamm keine Konkurrenz zu machen.Nach dem Gutachten von Gerkan, Marg und Partner kostet eine neue Gebäudetechnik für das ICC 146,5 Millionen Euro, die Komplettsanierung des 26 Jahre alten Hauses 219 Millionen Euro. Der Bau eines neuen Kongresszentrums wäre mit 62,8 Millionen Euro am günstigsten. Für die neue Halle, die nach Vorstellungen des Wirtschaftssenators einfach und funktional sein soll, müsste die Deutschlandhalle weichen. Diese steht noch unter Denkmalschutz. "Den kann man aufheben", sagte Wolf. Weil die Deutschlandhalle derzeit fast ausschließlich für den Amateur-Eissport genutzt wird, müsste der Senat dafür einen Ersatzstandort suchen oder eine Halle bauen. Diese Kosten sind in der Planung noch nicht berücksichtigt.Die neue Kongresshalle mit 7 000 Plätzen rechne sich, weil rund 53 Prozent der geplanten 25 000 Quadratmeter Fläche für Veranstaltungen genutzt werden könnten, sagte der Senator. Im ICC mit rund 152 000 Quadratmeter Fläche sind derzeit nur zehn Prozent nutzbar. Außerdem benötige man keine Räume für Küchen oder Catering, weil bei dem neuen Zentrum die Messehalle 7 künftig einbezogen werden soll. Dort stünden bei Bedarf weitere 3 500 Plätze - insgesamt dann also 10 500 Plätze - zur Verfügung.Für das ICC müsste während des Baus der neuen Kongresshalle per Interessenbekundungsverfahren ein neuer Betreiber gesucht werden. "Dafür haben wir vier bis fünf Jahre Zeit", sagte Wolf. Findet sich keiner, ist auch der Wirtschaftssenator für den Abriss. Dieser würde rund 30 Millionen Euro kosten. Weil das Grundstück aber einen Wert von 20 Millionen Euro hat und dann verkauft werden soll, würden sich die Kosten deutlich reduzieren. Außerdem hofft die Landesregierung auf Fördermittel vom Bund.Neue Namen fürs künftige Kongresszentrum haben sich Senat und Messe schon ausgedacht: "Deutsches Congress Centrum" oder "Deutschlandhalle Convention Center" (jeweils DCC abgekürzt). Dies bedeute nicht, dass dort keine internationalen Tagungen mehr stattfinden sollen, sagte Wirtschaftssenator Wolf: "Aber wir wollen an die Deutschlandhalle erinnern."------------------------------RaumschiffDas Internationale Congress Centrum (ICC) wurde nach sechsjähriger Bauzeit am 29. März 1979 eröffnet. Architekten waren Ralf Schüler und Ursulina Schüler- Witte.Der Bau kostete rund 500 Millionen Euro (damals knapp eine Milliarde Mark). Er galt als modernstes Kongress- zentrum, gespart wurde weder an Technik noch Ausstattung. So war jeder einzelne Tagungsraum mit fest eingebauter Technik ausgestattet, alle 5 000 Sitzplätze im großen Saal verfügten über elektronische Anschlüsse. Es wurde ein aufwändiges Belüftungssystem installiert.Raumschiff lautete der Spitzname für das silberfarbene ICC, das 320 Meter lang und 80 Meter breit ist.Mitte der 90er-Jahre wurde im ICC Asbest entdeckt. An elf Stellen musste sofort gehandelt werden, weil die Gesundheit der Mitarbeiter und Besucher gefährdet war. Anders als beim Palast der Republik im Ostteil der Stadt waren im ICC kein Spritzasbest, sondern Asbestplatten verwendet wurden. Diese waren einfacher auszutauschen. Die Asbestsanierung, die rund 16 Millionen Euro kostete, fand während des laufenden Betriebs im ICC statt.Die Auslastung des ICC ist mit fast 75 Prozent gut, trotzdem macht es jedes Jahr Verlust. Denn nur zehn Prozent der 152 000 Quadratmeter Fläche sind zu vermieten, den Rest stellen die Foyers, Rolltreppen, Gänge und Garderoben dar. Das Land zahlt jedes Jahr einen Zuschuss von 14 Millionen Euro.Seit dem Jahr 2000 wurde immer wieder der Abriss des ICC ins Gespräch gebracht, weil der Senat die Millionen-Zuschüsse nicht mehr zahlen wollte. Eine Entscheidung wurde aber stets vertagt, stattdessen wurden Gutachten in Auftrag gegeben.Das Gutachten des Architekturbüros Gerkan, Marg und Partner liegt nun vor. Es werden drei Varianten vorgeschlagen.Variante eins sieht die Sanierung der ICC-Gebäudetechnik vor. Dies würde rund sechs Jahre dauern und 146,5 Millionen Euro kosten.Variante zwei beschreibt die Komplettsanierung des ICC inklusive Umbau der Säle und Erweiterung der Nutzfläche. Kosten: 219 Millionen Euro.Variante drei sieht vor, die denkmalgeschützte Deutschlandhalle abzureißen und dort ein neues Kongresszentrum mit 25 000 Quadratmeter Nutzfläche zu errichten. Die Kosten - inklusive Abriss der Deutschlandhalle - beliefen sich auf 62,8 Millionen Euro. Fürs ICC müsste ein Betreiber gesucht oder es müsste abgerissen werden.------------------------------Karte: Das ICC liegt am Rande des Messegeländes in Charlottenburg.------------------------------Foto (2): Auch das gab es im ICC: Beim ADAC-Ball im Januar ging nach dem Feuerwerk im Saal die Sprinkleranlage los, der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Klaus-Dieter Lehmann, rettete sich unter den Tisch.Spitzname Raumschiff: Das Internationale Congress Centrum (ICC) ist 26 Jahre alt.

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