Symptomkritik

Simone Barck
3 Min

Im Lese-Land DDR stand die so genannte "Abenteuer- und Spannungsliteratur" in der Gunst der Leser gleichbleibend an erster Stelle. Das betraf alle Genres, aber in besonderer Weise den Krimi, der sich nach anfänglichen Irritationen in seiner unterhaltenden und aufklärenden Funktion als legitimer Teil der DDR-Literatur etabliert hatte. Vor allem durch den Verlag Das Neue Berlin wurde dank der Reihen "Blaulicht" (Auflagen von 250 000 Exemplaren) und "DIE Delikte Indizien Ermittlungen" (seit 1970 mit Auflagen von 100 000 und mehr) ein Millionenpublikum mit dieser begehrten "Bückware" versorgt.Ab Mitte der 70er-Jahre gewinnen die in der DDR spielenden Krimis an Realitätsnähe und soziologischem wie psychologischem Tiefgang. Als Hintergründe von Straftaten werden Karrierismus, Missbrauch von Leitungsfunktionen, Korruption und eine auf der leidigen Mangelwirtschaft basierende Wirtschaftskriminalität thematisiert. Damit konnte der Krimi zunehmend eine beachtliche "Symptomkritik" leisten. Und da es ja stets um einen "singulären" Fall ging, konnte er sich der stereotypen Frage nach dem "Typischen" entziehen, sagte aber für den mit seinem Alltags-Erleben vergleichenden Leser hinreichend "Allgemeines" aus.Als ein gelungenes Beispiel kann Wolfgang Kienasts "Ende einer Weihnachsfeier" (1981) gelten. Die als Ehe-Tragödie daherkommende Story gründet sich auf jahrelangen "Betrug, Urkundenfälschung, Wirtschaftsverbrechen" auf Großbaustellen. Der in das langjährige Betrugssystem einbezogene Leiter einer sozialistischen Brigade ("vielfacher Aktivist, Genosse und ausgezeichneter Fachmann") tötet seine Frau, als diese ihm durch ein Sparbuch mit einigen hunderttausend Mark auf die Schliche kommt. Die Spannung der Geschichte ergibt sich durch das Agieren eines Personenensembles, in dem Kommissare und ein junger Staatsanwalt sowie dessen übergeordnete Behörden zum Teil einander korrigierend den Fall bearbeiten. Die auf Betriebsebene und im Arbeiter-Milieu spielenden Handlungsteile (etwa auf der Baustelle Boxberg) zeigen harte Realitäten und rustikale Lebensverhältnisse, vor denen die "Gewissensfrage: Arbeit mit den Menschen" verblasst. Die Verhältnisse werden vor Ort von den Kollegen des Brigadiers auf den Punkt gebracht: "Jeder sieht zu, daß er mit dem Rücken an die Wand kommt." Mancher Leser mag sich am Ende gefragt haben, warum erst ein Totschlag passieren muss, damit dieses von einer (leider nicht konkret beleuchteten) "Organisation" gesteuerte Unternehmen aufgedeckt wird.Das Manuskript des bereits seit 1970 im Programm des Verlages mehrfach vertretenen Autors war im April 1981 genehmigt worden: "Ms. gelesen. Keine Einwände". Außen- und Verlagsgutachten sind sich einig in der positiv-kritischen Bewertung dieses mehr zu einem Gegenwarts-Roman tendierenden Textes, bei dem das "genrespezifische des Krimis" teilweise auf der Strecke bleibe. Mit dem Hervorheben der gestalterischen Mängel rückt allerdings (ungewollt?) die Brisanz der aufgedeckten Wirtschaftskriminalität in den Hintergrund. Resümiert wird, dass der Leser in solcherart "negativen Erscheinungen unseres sozialistischen Alltags", resultierend aus "noch vorhandenen sozialen Widersprüchen", manches aus seinem Erfahrungsbereich erkennen könne.Das schnell vergriffene Buch erregte den Zorn des Generalstaatsanwalts, der die Vertreter der Staatsgewalt als rivalisierende Personen untragbar befand. Folge dieser Nach-Zensur war keine Übernahme des Titels in die auflagenstarke DIE-Reihe und eine "Gekürzte Fassung" von 1987. Außerdem eine "ziemliche Kaltstellung" des Autors und die "existentielle Bedrohung" der zuständigen Verlagsmitarbeiter. Denn offensichtlich war nicht wie sonst bei Behandlung von Straffällen in der DDR - auch bei den Fernsehserien "Der Staatsanwalt hat das Wort" und "Polizeiruf 110" - ein Fachgutachten des Ministeriums des Inneren eingeholt worden, dem möglicherweise die höchst kritische Gestaltung der ermittelnden Personen aufgefallen wäre. Wer sich ein Bild von der ungeschönten Fassung dieses Krimis machen möchte, kann zu der 1990er Ausgabe (textidentisch mit der Ausgabe von 1981) in der renommierten Rotbuch Krimi-Reihe greifen.Teil 2 zum Krimi folgt.

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