Herr Gibowski, Sie arbeiten hier in den Ministergärten, an der Schnittstelle zwischen Ost und West, direkt auf dem ehemaligen Todesstreifen. Spürt man hier die zusammenwachsende Stadt ganz besonders?Ja, natürlich. Die Ministergärten liegen ja mitten zwischen Kanzleramt, Reichstag und Potsdamer Platz, den Attraktionen der neuen Hauptstadt. Die Menschen strömen aus aller Welt hierher, um genau dieses Neue zu sehen und zu erleben, auch in unsere Ausstellungen kommen sehr viele. Es bewegen sich hier ja täglich ungeheure Massen hin und her.Das klingt nicht nur begeistert.Man muss leider sagen, dass die Verkehrsituation hier zum Teil verheerend ist. Ständig wird die Straße des 17. Juni für Veranstaltungen gesperrt, die Wilhelmstraße ist aus Sicherheitsgründen dauerhaft dicht. Da wälzt sich dann viel zu viel Verkehr durch kleine Straßen. Wenn ich von hier in die Wilhelmstraße jenseits der Spree will, dann muss ich gewaltige Umwege fahren...Haben Sie Dienstfahrräder?Ja, wir haben fünf davon.Fahren Sie selbst?Nein, da müsste ich lügen. Dabei habe ich nichts gegen Radfahren, ich habe selbst zwei Räder - in meiner Heimat Mannheim habe ich in einer Straße mit Rudi Altig gewohnt.Zurück in die Hauptstadt: Ist in der neuen Mitte, die aus dem Boden gestampft wurde, nur ein zweites Raumschiff Bonn entstanden?Nein, Berlin hat einen völlig anderen Charakter. In der Käseglocke Bonn traf man ja abends, wenn man ausging, so etwa 60 Prozent seiner Bekannten wieder. In Berlin kann man schon mal eine Woche unterwegs sein und überhaupt keinen treffen, den man kennt.Ist das schlimm?Die gigantische Größe der Stadt ist schon gewöhnungsbedürftig für viele. In einer Viertelstunde fahre ich durch Mannheim einmal quer durch. In Berlin gilt alles, was eine Viertelstunde weg ist, als sehr nah.Wo wohnen Sie in Berlin?Seit fünf Jahren in Frohnau.Warum dort - im Westen?Schwer zu sagen. Es sollte vor allem eine grüne Umgebung sein, da gab es dann mehr Angebote im Westen als im Osten.Sind Sie auch im Osten der Stadt unterwegs?Ja. Ich gehe gern im Prenzlauer Berg aus, das ist für Gäste auch sehr attraktiv. Man kann dort sehen, wie schön die Stadt allmählich wird.Gibt es im Osten noch eine andere Mentalität als im Westen?Nein, ich glaube, das hat sich aufgelöst. Neulich saß ich mit einem Kollegen in Prenzlauer Berg in einem Bistro und hatte das Gefühl, hier herrscht sogar eine entspanntere Atmosphäre als oft im Westen. Der Kudamm und seine Nebenstraßen wirken auf mich abweisender.Berlin steckt in der Krise - können wir etwas von Niedersachsen lernen?Zum Beispiel, dass man die Hoffnung nicht aufgeben darf - und dass man manchmal den Mut braucht, um zu sparen.Haben Sie nicht den Eindruck, dass Berlin dazu den Mut hat?Doch, den Eindruck habe ich. Besonders, wenn ich über schlechte Straßen fahre.Das Gespräch führte Jan Thomsen.------------------------------Foto: Wolfgang Gibowski, 63 Jahre alt, ist der Bevollmächtigte des Landes Niedersachsen beim Bund - und damit Chef der niedersächsischen Landesvertretung mit Sitz in den Ministergärten und Blick auf den Reichstag. Der Politologe gründete einst die Forschungsgruppe Wahlen, war Chef des Bundespresseamtes unter Helmut Kohl und lehrt Politikwissenschaft an der Uni Potsdam.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]