Wenn Taiwans Präsident Chen Shui-bian in einer innenpolitischen Krise steckt, weiß er, wie er die Aufmerksamkeit davon ablenken kann. Chen, dem Staatsanwälte Korruption vorwerfen, hat es jetzt wieder gezeigt. In scharfem Ton verlangte er die Unabhängigkeit der Insel, deren "Souveränität außerhalb der Volksrepublik China liegt". Solche Äußerungen empfinden die Politiker auf dem chinesischen Festland als Provokation. Für sie gehört Taiwan ihnen. Die Wiedervereinigung mit Taiwan, das seit 1949 eine eigene Regierung hat, ist das höchste nationale Ziel. Peking reagierte verärgert und deutete an, es könne sich gezwungen sehen, sein Gesetz anzuwenden, das den Einsatz von Gewalt vorschreibt, falls sich Taiwan abspaltet.Es ist ein Spiel, das gefährlich werden könnte, wenn jemandem in China die Sicherung durchbrennt. Möglich ist auch, dass die KP sich eines Tages gezwungen sieht, ein Abenteuer zu wagen, wenn sie von inneren Problemen ablenken will. Dabei wissen beide Seiten, dass Chen gar nicht fähig ist, die Insel formal für unabhängig zu erklären. Die Partei des Präsidenten besitzt im Parlament keine Mehrheit. Außerdem dürfte Taiwans wichtigster Verbündeter, die USA, solchen Vorstoß verhindern. Washington will auf keinen Fall in einen Krieg mit China hineingezogen werden. Die Mehrheit der 23 Millionen Inselbewohner hingegen wünscht sich nichts mehr, als in Frieden zu leben und ihre Demokratie zu bewahren, mit China gute Geschäfte zu machen und von der Welt respektiert zu werden.
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