Tausend Lager in der ganzen Stadt

Marlies Emmerich
3 Min

Die mehr als tausend Lager mit Zwangsarbeitern waren während des NS-Regimes über die ganze Stadt verteilt. Um als billige Arbeitskräfte in Betrieben eingesetzt zu werden, waren Häftlinge der Konzentrationslager Sachsenhausen und Ravensbrück in Außenlagern untergebracht: in Lichterfelde Unter den Eichen und in der Wismarer Straße 26, in Reinickendorf neben der Argus-Motorengesellschaft, in der Spandauer Gartenfelder Straße 62 und neben der Deutschen Industrie-Werke AG sowie in der Streitstraße 5. Die Gefangenen wurden unter anderem zur Arbeit bei AEG, im Kabelwerk Oberspree, zu den Borsigwerken, zur National-Krupp-Registrierkassen (NCR) und zu Polizeidienststellen gebracht. Ein Lager für Jugendliche gab es in der Weißenseer Wörthstraße. Der Historiker Rainer Kubatzki hat herausgefunden, dass die meisten Gefangenen in Holzbaracken ohne Stockwerk und mit einfachen Fenstern untergebracht waren. "Die Baracke wurde schlechthin zum Zeichen für ein Lager, das aus mehreren oder bis zu 30 Baracken, einem Wohngebäude, einem Fabrikraum oder einem Verlies bestehen konnte", schreibt Kubatzki in seiner bisher nicht veröffentlichten Untersuchung. Die Lager hätten in der Regel um hundert bis 200 Plätze gehabt, größere bis zu tausend. Ausnahmen bildeten Lager in Treptow am Adlergestell und in Falkensee mit Plätzen für rund 3 000 Menschen.In der Aufstellung des Historikers sind nahezu alle Lager in den einzelnen Bezirken zu finden. Am Bahnhof Jungfernheide soll demzufolge auf dem Gelände von Schering ein Lager existiert haben. Kubatzki listet auch weitere Lager von Schering auf: in der Weddinger Müllerstraße 170 ein Lager für hundert Russinnen. "Hof als Auslauf, Maschinendraht", heißt es in historischen Dokumenten. "74 Staatspostbedienstete aus den Niederlanden" waren in einem Lager der Deutschen Reichspost in der Friedrichshainer Palisadenstraße 90, in der Thaerstraße im gleichen Bezirk existierte ein Lager für jugoslawische Zwangsarbeiter. Die Reichspost hatte ein weiteres Lager in der Schöneberger Elßholzstraße. So wie die Post und andere Betriebe verdiente die Reichsbahn von den Sklavenarbeitern aus vielen Ländern: Ein "Kriegsgefangenenlager mit Geldeinnahmen" gab es in Kaulsdorf, wo sowjetische, polnische und tschechische Männer und Frauen leben mussten. Als frühestes Reichsbahnlager wird Am Falkenberg in Grünau erwähnt. Bereits 1938 errichtet, waren im Herbst 1942 dort mehr als 500 Menschen untergebracht. Im September 1942 wurde ein weiteres Lager in der Friedrichshagener Wilhelmstraße für 144 Personen fertiggestellt. Im Bezirk Kreuzberg mietete die AEG 1942 offenbar sogar ein Lokal in der Schlesischen Straße 35 für 36 Zwangsarbeiter an. "288 italienische Militärinternierte" notiert Kubatzki in seiner Veröffentlichung außerdem im Karlshorster Hönower Weg. Die Firmen konnten selbst Zwangsarbeiter anfordern oder die Gefangenen wurden ihnen wie etwa bei Schering als kriegswichtiges Pharmaunternehmen zugewiesen. Die SS umschrieb ihre Vernichtungsstätten mit KZ-Außenlager, die Geheime Staatspolizei mit "Arbeitserziehungslager". Trotz mancher Unterschiede hatten alle Lager eines gemeinsam Abstrafordnungen, Lagerführer, Kontrollen. Mit tausend Lagern stellte Berlin einen traurigen Rekord. In München beispielsweise haben Forscher trotz intensiver Suche "nur" 131 Lager gefunden.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen
Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner