Amerika ist für ihn das Haus, und der Schlüssel für dieses Haus ist die englische Sprache. Barjam Beganovic träumt von Amerika, von Arbeit, einer Wohnung und von einem gesicherten Aufenthalt. Beganovic ist 45 Jahre alt, Kriegsflüchtling aus Bosnien und lebt seit fast sieben Jahren in Berlin. Noch in diesem Monat will er mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in die USA ziehen. Aus Angst vor einer möglichen Abschiebung. "Ich habe keine Lust auf Bosnien - lieber tot in Deutschland", sagt Beganovic. In Chicago wartet schon ihr Sohn. "In Chicago leben rund 12 000 Bosnier. Seit zwei Jahren gibt es Cevapcici-Imbissbuden", sagt Barjam Beganovic. Auch will er sich seinen "Schlüssel" abholen: den acht Monate dauernden Englischkurs, den die US-Regierung Bosniern anbietet. Sonderprogramm bis FebruarSo wie die Familie Beganovic haben in den vergangenen drei Jahren mehr als 5 100 in Berlin lebende bosnische Kriegsflüchtlinge einen Einreiseantrag in die USA gestellt - jedes Jahr etwa 1 600 und inzwischen fast ein Fünftel der Anfang der 90er-Jahre nach Berlin gekommenen Flüchtlinge. Im Februar läuft das Sonderprogramm aus. Wer sich bis dahin nicht registrieren lässt, erhält so gut wie keine Chance mehr, in die USA auszuwandern. Das wissen auch diejenigen, die sich dienstags und donnerstags auf dem Flur des Vereins Internationale Jugendarbeit (VIJ) in der Wilmersdorfer Bundesallee drängeln. Die VIJ ist der einzige Verein, der seit mehr als drei Jahren tagaus, tagein auswanderungswillige Antragsteller aus Bosnien betreut. "Zuerst dauerte die Antragsbearbeitung bis zu einem Jahr, inzwischen sind Wartezeiten von durchschnittlich drei bis vier Monaten üblich", sagt Eta Abasow von der VIJ. Vor allem durch Mundpropaganda habe sich die Möglichkeit eines Neuanfangs auf dem anderen Kontinent herumgesprochen. "St. Louis gilt bereits mit 35 000 Zugezogenen als bosnische Stadt", sagt Eta Abasow. Auch andere Städte nehmen seit 1997 Bosnier auf. "Pro Monat insgesamt 1 200 Menschen", sagt eine Sprecherin der US-Botschaft. Die meisten Bosnier, die in diesen Tagen zu Eta Abasow kommen, haben einen langen Gang durch die Behörden hinter sich: Erste Gesprächsgruppe im Haus der Berliner Ausländerbeauftragten Barbara John, das Verfassen einer schriftlichen Biografie, polizeiliches Führungszeugnis und Gesundheitsattest. Die Internationale Jugendarbeit vermittelt - unterstützt von der International Organisation of Migration (IOM) - das Wichtigste: Sponsoren. Überwiegend christliche US-Gruppen sind es, die in den ersten Monaten mit 800 Dollar monatlich und bei der Suche nach einer Wohnung helfen. Die Beganovic sind auch schon zum "Interview" beim amerikanischen Generalkonsulat gewesen. "Das hat eine Viertelstunde gedauert. Jetzt lassen wir alles zurück. Jeder darf zwei Koffer mit maximal 64 Kilo Gepäck mitnehmen", sagt Beganovic. In Berlin kann Beganovic seine Familie nicht selbst ernähren, lebt von Sozialhilfe. "Meine Tochter hat an einer Weddinger Schule Abitur gemacht", sagt Beganovic. Ein Studium aber dürfe die perfekt Deutsch sprechende 19-Jährige nicht aufnehmen. "Wenn sich ein Flüchtling ein Handy zusammenspart, muss man sich Vorwürfe von Deutschen anhören." Die beiden Brüder Almir und Behrija Hokic, 20 und 23 Jahre alt, wollen nach Atlanta: "Die Eltern sind schon da." Behrija Hokic hat bewusst nur den Hauptschulabschluss: "Eine Lehre darf ich ohnehin nicht machen." Beide würden, wenn es möglich wäre, bleiben: "Hier sind unsere Freunde. Hier sind wir neun Jahre lang aufgewachsen." Bosnien ist nicht die Heimat Eta Abasow kennt die Argumente auswendig. Mit Bosnien verbinden die Auswanderer zerstörte Häuser, kein Auskommen, Auseinandersetzungen zwischen ethnischen Gruppen. "Haus verloren, Land verloren, Arbeit verloren, nur das Herz nicht", so sagt es Barjam Beganovic. Die beiden Brüder Almir und Behrija haben von ihrem Onkel gehört, dass die Situation in Bosnien schlimmer sei als vor dem Krieg. "Viele Flüchtlinge betrachten Bosnien nicht mehr als ihr Land", bestätigt Barbara John. Ihrer Ansicht nach wäre es sinnvoll, über eine Quote manchem Bosnier in Deutschland eine Chance zu geben. "Die USA sucht sich die Leute aus - das ist der große Unterschied", sagt Barbara John.Das Land Berlin lehne eine Aufenthaltsbewilligung ab mit dem Argument, wer keine Arbeit habe, erhalte kein Aufenthaltsrecht, heißt es bei den Flüchtlingen. Arbeit und Ausbildung wiederum sei nicht erlaubt. Viele kennen den Kreislauf Ausreiseaufforderung, Abschiebedrohung, verlängerte Aufenthaltsbewilligung - durchgesetzt vor dem Gericht. Nicht zuletzt dieser Druck treibt zur Flucht. "In Amerika gibt es Arbeit, wenigstens für sechs Dollar die Stunde", sagt Beganovic.
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