Wer die Stöpsel eines Walkman in die Ohren steckt und Richtung Osten S-Bahn fährt, der hört das öffentlich-rechtliche Inforadio 93,1 in Charlottenburg noch gut. Es verlässt ihn der Sender schon kurz hinter dem Bahnhof Zoo. Ab Friedrichstraße ist Geprassel zu hören, ab Hackescher Markt schlägt ein anderes Programm durch, was daran liegt, dass die Leistung der Sendeantenne am Alex die Leistung der SFB-Antenne vom Olympiastadion wegdrückt. Zwischen Lichtenberg, Ostkreuz, Treptow, Neukölln, Tempelhof, Papestraße, Bundesplatz schwankt Inforadio hin und her. Die Alternative ist: Weiterdrehen. Gleicht daneben sendet das private Informationsprogramm der FAZ.Eine Radiostation ist FAZ Businessradio 93,6 Berlin eigentlich nicht. Es handelt sich eher um eine Telefongesprächsvermittlung mit angeschlossener Rundumverbreitung auf UKW. Auf Telefongebühren wird bei den lang anhaltenden, ungebremsten Gesprächen mit Gott und aller Welt über Alles und Nichts nicht geachtet, denn je länger das Telefonat von Meister Wichtig am Studiomikrofon und Meister Bedeutsam am Ende der Leitung dauert, desto mehr Sendezeit vergeht. Telefonieren ist billig, gutes Radio wäre teuer. Drei bis fünf Telefongespräche die Stunde, dazwischen so genannte Nachrichten, das ist wie einmal von Westhafen nach Gesundbrunnen. Werden Kulturnachrichten gelesen, erklingt Musik. Als Kommentator tauchte der Multifunktionsträger Klaus Siebenhaar auf, abgewickeltes Deutsches Theater. Bevorzugt aber werden Professoren der FU an die Strippe geholt. Letzte Woche hörten wir auch diverse aktuelle Bundespolitiker, zum Beispiel den achtzehnprozentigen Kanzlerkandidaten aus dem Guidomobil. Sein Parteifreund Lambsdorff klingt erwachsener. Es gab einen Vertreter des Bundesverbandes deutscher Detektive und eine Dame vom neu gegründeten Bundesverband sexueller DienstleisterInnen im Gespräch. Der Jerusalemer Korrespondent der FAZ war nicht uninteressant, aber Zeitungsleute wirken im Radio stets wie Oberlehrer. Die telefonisch gequasselten Neuigkeiten klingen natürlich wie durch das Ofenrohr übertragen, werden trotzdem in Stereo gesendet. Doppeltes Ofenrohr. Diese Methode ist so, als würde die Mutter FAZ nur Presseerklärungen unredigiert und unlayoutet ins Blatt heben.Es gibt auch Reporter. Hallo Sven, ruft die Moderatorin in der Stunde vor Mitternacht in aufgestylter Munterkeit in das Mikrofon. Sven, den Nachnamen erfahren wir am nächsten Tag, hat auch nicht die rechte Frische fürs Programm, obwohl Svens Berichterstattungsereignis anmoderiert wurde, als sei die Bundesrepublik durch Martin Walsers Ansichten in die Staatskrise geraten. Sven war beim Kanzler, der Kanzler hatte den Dichter zu Gast, sie sprachen über etwas, was sich Nation nennt. Das Wort ist Sven nicht geheuer. Sven lässt den Kanzler vom Band einspielen, gibt eine knappe Probe von Walsers süddeutscher Stimmlage dazu, mehr wäre schon Rechtsextremismus. Sven sagt, Walser sei ältlich und schrullig, habe über deutsche Flüsse geredet, als hätten Rhein und Elbe was zu bedeuten. Dann gab es "Nachrichten". Da wurde wieder der Kanzler zitiert, und ohne Martin Walser gleich Michel Friedman, der auch meinte, es wäre besser, Walser schwiege. Fassen wir zusammen: Martin Walser ist senil, dieses Radio juvenil.Am Vormittag war Sven wieder am Mikrofon. Er heißt Köster (oder ähnlich?) und ist der Parlamentsberichterstatter, heute im Interview ohne Fragen, mit Wolfgang Schäuble, ohne Antworten. Die Moderatoren reden, weil für Sprechausbildung kein Geld ist, in ihren Dialekten. Berlinert wird nicht, das wäre ja nun prollig. Sonntagnachmittag hielt eine Dame aus Österreich, wahrscheinlich die Wirtschaftsredakteurin, wieselflink, in aller Eile, als schlössen alle Schalter, eine Sparkassensprechstunde ab. Sie besprach mit Bankern Finanzprobleme, die Businessleute mit vierzehn lernen.Wieso Businessradio? Geschäftsleute haben nicht die Zeit, Bramabarsierereien zu folgen. Die wahre Adressatin des FAZ Radios ist Oma Kulikowski und ihr Sparbuch. Oma setzt sich gemütlich nach dem Abwasch an den Küchentisch, sich zu wundern, was es wieder so gibt.Diese preiswerte Methode ist, als würde die Mutter FAZ nur Presseerklärungen unredigiert und unlayoutet ins Blatt heben.
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