Geschichte

Tempelhofer Feld: 350 Hektar voller Geschichten

Der Historiker Bjoern Weigel hat ein neues Buch über das Tempelhofer Feld geschrieben, das überraschende Fakten zutage fördert.

Susanne Rost
Susanne Rost
6 Min
Buchautor Bjoern Weigel auf dem  Tempelhofer Feld, im Hintergrund die 1987 verunglückte Propellermaschine

Buchautor Bjoern Weigel auf dem  Tempelhofer Feld, im Hintergrund die 1987 verunglückte Propellermaschine

© Emmanuele Contini/Berliner Zeitung

Bjoern Weigel schreitet zielstrebig voran: Flugs vorbei an Hangars, Tower, Feuerwache – hinaus auf die Wiesen des Tempelhofer Felds. Sein Ziel ist eine seiner Lieblingsstellen auf dem Areal, natürlich ein Ort mit Flugzeug. Denn der 46-Jährige bezeichnet sich als Flugzeug-Nerd. „Ich kann einen Peugeot nicht von einem Porsche unterscheiden“, sagt er selbstironisch. „Aber ich erkenne jedes Flugzeug am Himmel.“

Allerdings war die Maschine, die der gebürtige Berliner an diesem sonnigen Herbstvormittag anpeilt, schon fast 40 Jahre nicht mehr in der Luft. Das Propellerflugzeug rutschte im Oktober 1987 über die Landebahn des Flughafens Tempelhof hinaus; ein Unglück, bei dem niemand zu Schaden kam – nur die Maschine blieb danach störanfällig.

350 Hektar deutsche Geschichte

1988 wurde die „Nord 262“ ausgemustert, fortan trainierte die Flughafen-Feuerwehr an dem Wrack die schnelle Evakuierung von Passagieren – bis zur Schließung des Airports 2008. Heute dämmert die ihrer Propeller beraubte Maschine hinter einem Zaun vor sich hin. Man muss wissen wo sie steht, eine Gruppe von Bäumen überragt die kuriose Sehenswürdigkeit.

Bjoern Weigel hat kein Problem, sie zu finden. Mit dem früheren Airport-Gelände kennt sich der promovierte Historiker aus, für sein neuestes Buch hat er sich monatelang intensiv damit beschäftigt. „Das Tempelhofer Feld – 350 Hektar deutsche Geschichte“ heißt das soeben erschienene Werk.

Als der Bebra-Verlag mit der Idee für das Buch auf ihn zukam, sei er sofort begeistert gewesen, erzählt der Mann, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Museum Karlshorst tätig ist. Denn Flugzeuge begleiten ihn von Kindesbeinen an, sein Vater ist gelernter Luftfahrzeugmechaniker, später war er Verantwortlicher für einen Flugsimulator in Schönefeld. So kam Klein-Bjoern in das Cockpit eines Airbus A310. Und später auch in den Flugsimulator.

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Ohnmächtig im Fesselballon

Dass ihn die Technik fasziniert und er sich damit auch auskennt, merkt man dem Buch an – etwa wenn er über die Lautstärke der verschiedenen Motoren sinniert. Natürlich fehlen in dem Buch die schon ikonisch gewordenen Fotos der knapp über den Dächern der Häuser in der Neuköllner Oderstraße einschwebenden US-Maschinen aus der Zeit der Berlin-Blockade nicht.

Aber Weigels Buch geht über die hinlänglich bekannten Erzählungen von dem Nazi-Monumentalbau und der Luftbrücke hinaus. „Auf dem Tempelhofer Feld verdichtet sich auf (heute) rund 350 Hektar eine jahrhundertealte Geschichte: von Militär bis Migration, von Volksfest bis Volksentscheid, von Fußball bis Fesselballon, von Zentralflughafen bis Zwangsarbeit, von KZ bis Konzert“, heißt es im Vorwort.

Der Autor geht in dem Buch nicht chronologisch vor, sondern thematisch. So erfährt man etwa im Kapitel „Natur“, wie wichtig das Tempelhofer Feld im 19. und 20. Jahrhundert für die Lebensmittelversorgung der Menschen in der Umgebung war. „Kartoffeln, Bohnen, Erbsen, Gemüse und Futter für Kleintiere“ wurden dort beispielsweise 1915 angebaut. Weil das Feld dem Militär gehörte, sei es anders als andere Freiflächen vor Bodenspekulanten geschützt gewesen.

Buchvorstellungen

  • Premiere ist an diesem Donnerstag, 22. Oktober, um 19.30 Uhr in der Buchhandlung Menger (Tempelhofer Damm 186).
  • Eine zweite Lesung findet am Freitag, 23. Oktober, um 18 Uhr in der Helene-Nathan-Bibliothek (Neukölln-Arcaden, Karl-Marx-Straße 66) statt.
  • Eine dritte Veranstaltung ist für Mittwoch, 25. November, um 19 Uhr im Kurt-Mühlenhaupt-Museum (Fidicinstraße 40) geplant.

Im Kapitel „Luftfahrt“ schildert der Autor, dass Fesselballone die ersten Fluggeräte waren, die von hier aus in die Luft gingen. 1871 verlegte die preußische Armee ihre Ballon-Versuchsanstalt hierher, später ging es dann dort um die Luftschiff-Technik, die auch von ziviler Seite forciert wurde. So startete im November 1897 auf dem Tempelhofer Feld das weltweit erste Starrluftschiff, wobei die Alu-Konstruktion sogleich eine astreine Bruchlandung hinlegte.

Eine Pioniertat vollbrachten auch die beiden Meteorologen, die sich 1901 mit einem riesigen Fesselballon bis in eine Höhe von mehr als 10.000 Metern begaben. Die beiden wurden zwar in der dünnen Luft ohnmächtig, aber sie trugen mit ihrem Experiment letztlich zur Entdeckung der Stratosphäre bei.

Johannisthal und Staaken zunächst beliebter

Trotz dieser Großtaten hatte es Tempelhof nicht leicht, den Flughäfen in Johannisthal und Staaken war Anfang des 20. Jahrhunderts zunächst größerer Erfolg beschieden. Aber nach der Gründung von Großberlin beschloss der Senat 1923, auf dem zentral gelegenen Tempelhofer Feld einen Flughafen zu bauen.

Der ursprüngliche Zentralflughafen Tempelhof wurde im Oktober 1923 eröffnet.

Der ursprüngliche Zentralflughafen Tempelhof wurde im Oktober 1923 eröffnet.

© imago

In den Jahren des zunehmenden Flugverkehrs hielten dann auch Schafe auf dem Tempelhofer Feld Einzug. Denn in der Frühzeit der Fliegerei waren die Maschinen für den Start und die Landung auf Gras- und Sandpisten ausgelegt, sie besaßen noch kein Heckfahrwerk, sondern einen Hecksporn. Ebenmäßiges Gelände war hilfreich. Und die Schafe hielten das Gras überall gleich kurz.

Später, als die provisorischen Holzbauten und Graspisten befestigten Gebäuden und Landebahnen gewichen waren, erfreute sich der mit der U-Bahn erreichbare Zentralflughafen mit seinem Restaurant und der Besucherterrasse als Sehenswürdigkeit großer Beliebtheit: „1927 verzeichnete man 650.000 Eintritt zahlende Gäste – bei 40.000 Flugpassagieren“, heißt es in dem Buch.

Der 1927 eröffnete Vorgängerbau der monumentalen Nazi-Anlage befand sich übrigens ungefähr dort, wo heute das eingangs erwähnte Flugzeugwrack steht. Die letzten Überreste der Gebäude im Stil der Neuen Sachlichkeit wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört.

Überreste der 1946 mit Lochblech befestigten ursprünglichen Start- und Landepiste

Überreste der 1946 mit Lochblech befestigten ursprünglichen Start- und Landepiste

© Emmanuele Contini/Berliner Zeitung

Die ursprünglichen Flugpisten verliefen – wie man im Buch erfährt – völlig anders als die heute bekannten. Die Amerikaner hatten sie nach 1945 zunächst provisorisch ertüchtigt, bevor für die Luftbrücke dann die noch heute existenten Betonpisten angelegt wurden. „Die ursprüngliche Start- und Landebahn wurde mit Lochblechen befestigt“, erzählt Bjoern Weigel auf dem Spaziergang; vereinzelt seien sie auch heute noch unter der Grasnarbe zu sehen. Es dauert ein bisschen, aber dann findet er sie. Wer nicht weiß, was das silbrige Metall im Boden ist, läuft achtlos darüber. „Wovon es keine Bilder gibt, das wird schnell vergessen“, sagt Weigel. Er bezieht das auch auf andere Begebenheiten.

Wiege des deutschen Fußballs

Im Kapitel „Sport“ schildert der Autor, dass es im südwestlichen Teil des Areals ab 1830 die erste wirkliche Pferderennbahn Berlins gab und dass das Tempelhofer Feld die Wiege des deutschen Fußballs war. 1885 habe sich hier ein Fußballverein gegründet, der nicht nur der erste in Berlin, sondern sogar der erste von Deutschen gegründete Fußballverein gewesen sei. Nur ein 1873 von Engländern in Dresden ins Leben gerufener Fußballverein sei noch älter.

Zunächst wurde auf einem freihändig markierten Spielfeld auf der Wiese gekickt, später gab es sogar zwei Fußballstadien. Das Stadion im Sportpark Neukölln gibt es noch heute, das des BFC Preussen musste aber gänzlich dem Monumentalbau der Nationalsozialisten weichen; jenem bis heute prägenden Gebäude also, das bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs unfertig blieb und in der NS-Zeit nie als Flughafen, sondern der Rüstungsproduktion diente.

Der Spaziergang endet an dem riesigen Baudenkmal, genauer am Hangar H5B. Im dortigen Keller befindet sich Weigels zweite Lieblingsstelle: Hier probte er in den Nullerjahren mit seiner Band – wie viele andere Musiker zuvor, darunter in den 80er-Jahren auch Die Ärzte. Aber das ist eine andere Geschichte.

Bjoern Weigel: Das Tempelhofer Feld. Bebra-Verlag, Berlin 2026. 208 Seiten, circa 30 Abbildungen, 24 Euro

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