Deutsche Terrorexperten sind beunruhigt. Islamistische Drohvideos geistern durchs Internet, Drohvideos in deutscher Sprache - das ist neu. Deutschland befinde sich im Fadenkreuz der Terroristen, meinen die Experten, und es gibt gute Gründe, ihre Warnungen ernst zu nehmen. Aber der Chef des Bundeskriminalamts Jörg Ziercke sagt noch mehr: Er sieht deutliche Parallelen zur Situation in Spanien vor den Madrider Attentaten vom 11. März 2004, als Islamisten Bomben in vier Vorortzügen explodieren ließen und so 191 Menschen töteten.Doch was haben die deutschsprachigen Drohvideos mit den Anschlägen von Madrid zu tun? Als die Bomben von Madrid explodierten, regierte die rechte Volkspartei (PP) unter José María Aznar. Er war einer der engsten Verbündeten des damaligen US-Präsidenten George W. Bush, und als enger Verbündeter unterstützte Aznar Bushs Irak-Krieg. Er schickte ein paar Hundert Soldaten in den Irak, die hauptsächlich damit beschäftigt waren, sich selbst zu schützen. Mehr politische als militärische Solidarität. Aber ihre Anwesenheit war Osama bin Laden Anlass genug, Spanien wie allen anderen Besatzungsmächten im Irak mit Terroranschlägen zu drohen.Die deutsche Parallele: In Afghanistan sind Bundeswehrsoldaten stationiert, und Osama Bin Laden und seine Freunde bedrohen alle, die Truppen nach Afghanistan geschickt haben. Das ist keine Neuigkeit. Ungewöhnlich war, was in Spanien nach den Attentaten vom 11. März geschah: Bei den Parlamentswahlen drei Tage nach den Anschlägen verlor die Regierung - und der Sozialist José Luis Rodríguez Zapatero wurde Premier. Er zog die spanischen Truppen wie im Wahlkampf versprochen aus dem Irak ab, was für manchen nach einem Erfolg der Terroristen aussah. Auch in Deutschland wird 2009 gewählt. Vielleicht würde ein Terroranschlag die politische Landschaft ähnlich verändern wie in Spanien.Wer sich solche Gedankenspiele erlaubt, ist den Terroristen schon in die Falle gegangen. Er macht sie zu politischen Akteuren, die sie nicht sind. Denn die Madrider Attentäter wollten nicht, die Aznar-Regierung aus dem Amt bomben - auch wenn Aznar und die spanische Rechte das bis heute glauben. Es gibt kein Indiz dafür, kein Video, keinen Aufruf, kein Zitat, kein späteres Eingeständnis, das einen solchen Zusammenhang nahe legt. Die Bomben waren gegen die westliche Zivilisation gerichtet und als Strafe für Aznars Irak-Politik gedacht. Dass er mit seiner Partei danach die Wahlen verlieren würde, war nicht zu erwarten: In Augenblicken nationaler Bedrohungen schart sich das Wahlvolk gewöhnlich um die Regierenden.Doch egal, ob die Attentäter den Regierungswechsel im Auge hatten oder nicht - sie haben ihn erreicht. Der Grund dafür ist ziemlich klar: Viele Wähler fühlten sich von der Aznar-Regierung in die Irre geführt, weil sie die Attentate hartnäckig der ETA zuschreiben wollte. Zapateros Wahlsieg war eher eine Antwort auf Aznars Politik als auf die Attentate. Einige Wochen später übrigens versuchten die Terroristen des 11. März, einen Schnellzug auf der Strecke Madrid-Sevilla in die Luft zu sprengen. Da hatte Zapatero längst den Rückzug der spanischen Truppen aus dem Irak angekündigt.Solange El Kaida aktiv ist, wird sich der Westen vor dem Terrornetzwerk schützen müssen. Irreführende politische Analysen tragen dabei nicht zu unserer Sicherheit bei.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]