Am heutigen Tag hat sich ein merkwürdiger Vorfall ereignet." Mit diesen Worten beginnt eine der schrägsten Erzählungen der Weltliteratur: Nikolaj Gogols "Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen". Kürzlich nun ist wieder etwas Merkwürdiges passiert. Ort des Geschehens: das Russische Theater in der Kulturbrauerei.Mein Kumpel Dirk und ich hatten einen unbekümmerten Tag verbracht, bis sich der Sonntagabendblues meldete. Also buchten wir das passende Programm: Gogol, den Heiligen aller Verlierer und Verrückten. Gegeben wurden "Die Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen", gespielt von Dirk Sikorski.Dazu kann, muss man aber nicht wissen, dass die Erzählung die Form eines Tagebuch hat, mit verrückten Datumsangaben: 86. Martober, Am Nullten, Im Januar des gleichen Jahres, das auf den Februar folgt.Ein kleiner Petersburger Beamter, der hauptsächlich Bleistifte anspitzt und allenthalben wie ein Hund behandelt wird, fantasiert sich ins Schlafgemach der entzückenden Tochter seines Chefs. Dort entdeckt er den Briefwechsel ihres Hundes mit dem Köter eines Kammerjunkers. Aus den Briefen geht hervor, dass die Dame nur Spott für unseren Beamten übrig hat und den Junker heiraten wird. Der Gedemütigte strebt darauf die Ergreifung des spanischen Throns an.Das Russische Theater liegt ziemlich versteckt, hinten links auf dem klaffenden Gelände der Kulturbrauerei an der Knaackstraße. Es regnete. Um acht Uhr sollte das Stück beginnen, eine Minute vorher erreichten wir durchnässt und atemlos den Aufführungsort.An der Kasse saß eine entzückende, junge russische Frau, doch mit unendlich traurigen Augen. Anscheinend hatte sie geweint. Was war passiert? Wir trauten uns nicht zu fragen, versuchten aber, sie aufzuheitern. Hatte sie etwas Tragisches erlebt, oder lag es daran, dass wir die einzigen Gäste waren? In der Halle war außer dem Beleuchter, dem Tonmischer und einer anderen reizenden Dame, vermutlich die Regisseurin, niemand.Auf der Bühne befand sich, die Spielfläche quadratisch begrenzend, eine Reihe von Stühlen. Auf einem dieser Stühle entdeckten wir einen weiteren Mann, der, nun ja, einen leicht irren Eindruck machte. Wir wussten nicht recht, ob wir bleiben sollten, denn wir fühlten uns verloren. Wir fragten die Theaterleute, ob es sich denn lohne, dass Stück nur für uns zwei aufzuführen. Für 24 Euro.Man bejahte und bat uns Platz zu nehmen. Die traurige Kassiererin verließ darauf das Haus. Wenn sie diese Zeilen liest, möge sie wieder lächeln. Nach zehn Minuten waren auch die anderen verschwunden, bis auf den Irren und den Beleuchter, der sich ebenfalls auf einen Stuhl setzte. Doch es passierte nichts. Der Irre guckte noch irrer, verstärkt in unsere Richtung. Wir warteten mit einem mulmigen Gefühl."Würde mich nicht wundern, wenn wir gleich David-Lynch-mäßig in irgendwas rein gezogen werden", sagte Dirk hinter vorgehaltener Hand. Und tatsächlich. Aus dem Off erschall eine Stimme: Wir könnten uns doch auch auf die Stühle auf der Bühne begeben. Wir müssten nicht, aber es sei besser für uns. Zu widersprechen wagten wir nicht. Wieder verstrichen einige Minuten. Plötzlich ging das Licht aus. Ein Schatten bewegte sich. Es war der Irre, der auf uns zukam .Okay, Sie haben es vielleicht erraten, es war Sikorski, der den russischen Beamten gab. Eine Stunde irrte er wie ein Wahnsinniger auf der Bühne herum, monologisierend und turnend, nur für uns zwei. Sein Spiel, erzählte er uns später, und ebenso die Ausrichtung der Requisiten hatte er spontan auf uns eingestellt.Sicherlich kann man Gogol professioneller, mit mehr Aufwand auf die Bühne bringen. Aber so, wie ich den tragischen Freund Puschkins immer gelesen hatte, war die Aufführung perfekt. Es geht nämlich darum, den Wahnsinn als langsam sich steigernde Ausgeburt des Normalen vorzuführen. Und je wahnsinniger der Wahnsinnige wird, desto mehr schließt man ihn in sein Herz. Denn der Wahnsinn, das ist das Menschliche an sich.Demnächst, wenn vielleicht Sie das Russische Theater suchen, wird etwas anderes Aberwitziges passieren. Das muss so sein bei Gogol. Die nächsten Aufführungen sind am 27. und 28. Märzember. Und bald gibt es den 200. Geburtstag Nikolaj Gogols zu feiern. Wann genau? Selbstverständlich am 1. April.
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