Thüringens Bildungsminister Christian Tischner (CDU) will ältere Lehrkräfte deutlich länger in vollem Umfang vor die Klasse stellen als bisher. Die sogenannte Altersabminderung – also die Reduzierung der wöchentlichen Unterrichtsstunden für ältere Pädagogen – soll vom 55. auf das 60. Lebensjahr verschoben werden. Sowohl die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) als auch der Thüringer Lehrerverband (TLV) weisen die Pläne entschieden zurück.
Bislang erhalten Thüringer Lehrkräfte in Vollzeit ab dem 55. Lebensjahr eine Entlastung von zwei Unterrichtsstunden pro Woche. Nach den Plänen des Ministeriums soll diese Entlastung künftig erst mit 60 Jahren einsetzen. Dafür soll es ab dem 63. Lebensjahr drei und ab dem 66. Lebensjahr vier Abminderungsstunden geben – eine stärkere Entlastung als die bisherige pauschale Regelung von zwei Stunden in diesen Altersstufen. Das Ministerium erklärte, damit solle ein Anreiz geschaffen werden, erfahrene Lehrkräfte über das 63. Lebensjahr hinaus im aktiven Schuldienst zu halten. Die Regelung orientiere sich am Rahmen, den die Mehrzahl der Bundesländer setzt.
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Die GEW Thüringen sieht das anders. „Verfehlte Schulpolitik soll nun auf dem Rücken der Lehrkräfte ausgetragen werden“, erklärte ein Sprecher der Gewerkschaft. Die Erfahrung zeige, dass die meisten älteren Kolleginnen und Kollegen finanzielle Einbußen in Kauf nähmen, um so schnell wie möglich in den Ruhestand zu wechseln. Grund dafür seien vor allem die hohen Belastungen und schlechten Arbeitsbedingungen. Auch der TLV-Vorsitzende Tim Reukauf kritisierte: „Wer Altersentlastung nach hinten verschiebt, spart kurzfristig Stunden ein – aber auf Kosten der Gesundheit und Belastbarkeit der Lehrkräfte.“
KI-Assistent für Vorbereitung und Elternkommunikation
Die Verschiebung der Altersabminderung ist Teil eines umfassenden Maßnahmenpakets mit 20 Einzelpunkten, das zum Schuljahr 2026/2027 in Kraft treten soll. Ziel ist laut Tischner, den Unterrichtsausfall im Freistaat zu reduzieren. „Unser Maßnahmenpaket verfolgt ein klares Ziel: mehr Unterricht für unsere Schülerinnen und Schüler, spürbare Entlastung für Lehrkräfte und ein Bildungssystem, das die Erfahrung seiner Lehrkräfte besser nutzt“, sagte der Minister.
Bereits Tischners Amtsvorgänger Helmut Holter (Linke) hatte im Oktober 2023 einen ähnlichen, aber weniger weitreichenden Vorstoß unternommen. Die damalige Einigung mit den Gewerkschaften sah vor, die Altersgrenze lediglich von 55 auf 57 Jahre zu verschieben. Umgesetzt wurde das Vorhaben allerdings nie.
Zu den weiteren Maßnahmen des Pakets gehört ein sogenanntes Thüringer Ansparkonto. Dabei handelt es sich um ein freiwilliges Arbeitszeitmodell, bei dem Lehrkräfte zusätzlich geleistete Unterrichtsstunden ansammeln und zu einem späteren Zeitpunkt ausgleichen können – etwa vor dem Ruhestand oder in persönlich belastenden Lebensphasen. Bislang gab es nach Angaben des Ministeriums keine genauen Vorgaben, welche Aufgaben die Lehrkräfte in den Abminderungsstunden erledigen sollten. Künftig solle ein größerer Anteil der Arbeitszeit wieder unmittelbar den Schülerinnen und Schülern zugutekommen.
Darüber hinaus sollen Lehrkräfte von Bürokratie entlastet werden: Das System regelmäßiger dienstlicher Beurteilungen wird abgeschafft und durch anlassbezogene Bewertungen ersetzt. Dokumentationspflichten und Zeugnisformulare sollen vereinfacht werden, ein Kompetenztest in der Klassenstufe 6 entfällt. Der KI-Assistent „Telli“ soll Pädagogen bei der Unterrichtsvorbereitung und Elternkommunikation unterstützen, zudem werde eine landesweit einheitliche Schulverwaltungssoftware eingeführt.
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