Ein Name, den man sich merken sollte: Zu Jahresbeginn wurde Til Schindler mit dem Bayerischen Filmpreis in der Kategorie „Entdeckung“ ausgezeichnet. Im Zwei-Personen-Kammerspiel „Scham“ um die intensive Auseinandersetzung zwischen Mutter und Sohn schaffe das Zusammenspiel zwischen ihm und Heike Hanold-Lynch „eine unglaublich dichte und authentische Atmosphäre, der man sich als Zuschauer nicht entziehen kann“, hieß es zur Begründung.
In Berlin ist Til Schindler derzeit in zwei Produktionen am Deutschen Theater zu sehen: in „Automatenbüfett“ sowie in „Sonne und Beton“, basierend auf Felix Lobrechts autobiografisch inspiriertem Roman, der vom Aufwachsen in der Neuköllner Gropiusstadt erzählt.
Die mobile Produktion hat Til Schindler in Jugendzentren, Klassenzimmer und Fußballklubs in ganz Berlin gebracht – und seinen Blick auf die Stadt entscheidend mitgeprägt.
1. Herr Schindler, Sie sind 1993 in München zur Welt gekommen. Wann und warum hat es Sie nach Berlin verschlagen?
Ich bin Anfang 2012 nach Berlin gezogen, mit 18 Jahren aus meinem Elternhaus heraus. Damals habe ich erste Schauspielprojekte gemacht und mich parallel politisch engagiert. Für beides war Berlin der richtige Ort. Um einen konkreten Grund für einen Umzug zu haben, habe ich ein Praktikum gemacht, eine Dramaturgie-Hospitanz am Maxim-Gorki-Theater. Ich hatte mir offengehalten, wie lange ich bleibe – seit 14 Jahren bin ich nun hier (inklusive der vier Jahre, in denen ich hauptsächlich in Wien gelebt habe).
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2. Wie war Ihr erster Eindruck von Berlin?
Aus einem jugendlichen Distinktionsbedürfnis heraus stand München damals für mich für Konservatismus und Snobismus, Berlin stand für das Gegenteil und versprach Freiheit, Akzeptanz von alternativen Lebensentwürfen und ein riesiges kulturelles Angebot. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich durch die Straßen gelaufen bin und Berlin erkundet habe. Das war sehr aufregend.
3. In welchen Berliner Stadtteilen haben Sie schon gewohnt?
Am Anfang an vielen verschiedenen Orten – in Lichtenberg, Neukölln, Kreuzberg, im Prenzlauer Berg. Den überwiegenden Teil der Zeit habe ich im Wedding verbracht. Der Wedding hat sich in den letzten Jahren sehr positiv verändert, so richtig gekommen ist er aber immer noch nicht. Vielleicht muss das aber auch gar nicht sein. Dass er jetzt mit dem Silent Green und dem neuen Kino Arsenal zwei Berlinale-Spielstätten hat, ist auf jeden Fall eine schöne Entwicklung.
Zur Person
4. Eines der größten Probleme in der Stadt ist es mittlerweile, eine passende Wohnung zu finden. Wie war das bei Ihnen?
Ich hatte bei dem Thema immer Glück, und Wohnungen sind mir oft über Freunde zugeflogen. Ich weiß aber, dass das eine extreme Ausnahme ist. Der Wohnungsmarkt ist furchtbar und die Situation eine der größten politischen Herausforderungen Berlins. Die Kapitalinteressen der großen Wohnungsgesellschaften zählen hier leider mehr als die Grundbedürfnisse von Millionen von Menschen. Ich finde es unmoralisch, so viele Wohnungen zu besitzen und aus der Not von Menschen Profit zu schlagen.
5. Vermisst man aus dem recht wohlhabenden München kommend, das als eine der sichersten und saubersten Großstädte in Europa gilt, nicht ganz schön viel in Berlin?
Anfangs, wie gesagt, gar nicht. Damals fand ich das cool. Jetzt, mit 33, schätze ich an München gerade die beiden von Ihnen genannten Punkte – Sicherheit und Sauberkeit. Es gibt inzwischen viele Orte in Berlin, an denen ich mich leider nicht mehr wohlfühle. Sei es aufgrund der extremen Vermüllung oder aufgrund der Gewaltkriminalität. Dass sich schwulenfeindliche Gewalt, wie auch antisemitische und rassistische, auf einem nie dagewesenen Höchststand befindet, zeigt, dass Berlin das Label der Weltoffenheit nicht mehr verdient hat. Wenn ich in München S-Bahn fahre, denke ich: „Ah, so könnte das ja auch sein!“ Es ist schlimm, in welcher Verwahrlosung viele Menschen hier leben müssen.
6. Was nervt Sie momentan in Berlin besonders?
Die Kulturkürzungen, die eben nicht nur abstrakte Zahlen sind, sondern im Kunstbetrieb an jeder Ecke merklich spürbar. Berlin verspielt damit seinen Status als Kulturweltstadt. Und Theater ist eben nicht einfach nur Unterhaltung, sondern für eine Gesellschaft extrem wichtig – als Spiegel und Kritiker der Verhältnisse.
7. Gibt es auch etwas, das Sie wieder aufheitert?
Die riesige Bandbreite, die Berlin trotzdem (noch?) kulturell zu bieten hat. Das ist schon unvergleichbar mit allen anderen Orten in Deutschland. Sei es die große Theaterlandschaft von Staatsoper bis Gefängnistheater, oder auch die Clubkultur – die gilt überall auf der Welt als besonders, und selbst in New York sagen einem die Menschen, wie toll sie Berlin deswegen finden.
8. Welcher ist Ihr Lieblingsort in der Stadt?
Der Gleisdreieckpark, das Tempelhofer Feld, das Kino International und das Delphi Lux Kino, die Königliche Gartenakademie, das Deutsche Theater, der Alte St.-Matthäus-Kirchhof und das Berghain.
9. Ihre persönliche No-go-Area?
Seit ich mit dem Stück „Sonne und Beton“, einer mobilen Produktion des Deutschen Theaters, in ganz Berlin unterwegs bin und an über 100 verschiedenen Orten gespielt habe, gibt es keine No-go-Areas mehr für mich. Ich habe gelernt, dass viele Klischees über die Stadtteile nicht stimmen, oder zumindest überall auch das Gegenteil des Klischees existiert. Beispielsweise die Gropiusstadt, in der das Stück in den Nullerjahren spielt, hat sich seitdem extrem verändert. Die ist inzwischen eine ruhige Wohngegend mit sozialen Vorzeigeprojekten und vielen alten Menschen.
10. Ein Abend mit Freunden: In welchem Restaurant wird reserviert?
Ich liebe gutes Essen und gute Restaurants: das Tianfuzius am Viktoria-Luise-Platz, Monsieur Vuong nahe der Weinmeisterstraße, das Jemenitische Restaurant in Moabit, Wen Cheng in der Schönhauser. Und neulich habe ich Insekten im Mikrokosmos in Kreuzberg gegessen – empfehlenswert!
11. Einkaufen in der Stadt: In welchem Laden kennt Ihre Kreditkarte kein Limit?
Im Moment im Bauhaus-Baumarkt. Fürs Renovieren gebe ich gerne Geld aus.
12. Der beste Stadtteil Berlins? Und der schlimmste?
Ich glaube, vier Jahre Wien haben mich verändert: Man sagt mir jetzt einen Rentnergeschmack nach. Ich mag Steglitz und Pankow, habe da aber leider nie gewohnt. Orte wie der Florakiez oder der Rüdesheimer Platz strahlen eine gemütliche Ruhe aus. Der schlimmste: Neukölln. I don’t get the hype.
13. Kommen vs. Gehen: Nach Berlin ziehen oder es lieber bleiben lassen?
Ich würde mir nicht anmaßen wollen, das für andere Leute zu entscheiden. Berlin hat viele Vorteile und viele Nachteile. Wäre nicht der Großteil meines privaten und beruflichen Umfelds hier, könnte ich mir inzwischen auch sehr gut vorstellen, mal wieder in einer anderen Stadt zu leben.
14. Wie sieht Ihr perfektes Berlin-Wochenende aus – vom Frühstück am Morgen bis zum letzten Drink in der Nacht?
An den oben genannten Orten, oder ich fahre raus ins Umland: im Winter in die Havel-Therme in Werder, im Sommer an den Großen Stechlinsee in Neuglobsow. Ein perfektes Wochenende kann aber auch bei mir zu Hause in der Wohnung stattfinden. Hauptsache, meine Freundinnen und Freunde sind bei mir.
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