Bethany Hickman liebt Musiktheater. Sie ist eine klassisch ausgebildete Mezzosopranistin, lebt im amerikanischen Bundesstaat Tennessee, der Heimat der Country-Musik (Nashville) und von Elvis Presley (Memphis). Hickman arbeitet als Gesangslehrerin. Große Bekanntheit erlangte sie aber vor allem durch ihre YouTube-Videos. Auf ihrem Kanal „The Vocalyst“ analysiert sie die Performances berühmter Gesangsstars. Pop im weitesten Sinne, von Alanis Morissette bis Queen. Aber auch Till Lindemann und Rammstein.
467 solcher Videos sind bislang online erschienen. Stilbildend ist dabei der Splitscreen: Als Zuschauer sieht man parallel das Musikvideo eines Sängers, auch mal eine Liveperformance – und daneben Hickmans Reaktionen, sozusagen in Echtzeit. Das Format kommt sehr gut an. 631.000 Menschen haben Hickmans Kanal abonniert. Immer wieder erreicht sie mit ihren Videos mehr als eine Million Klicks.
Drei dieser Videoclips hat Hickman inzwischen der Berliner Schockrock-Band Rammstein gewidmet. Einen großen Reiz entwickelt diese collagierte Gesangskritik vor allem daraus, dass Hickman ziemlich unbedarft herangeht; ausgerüstet zwar mit ihren klassischen Gesangsskills und einer großen Offenheit für Pop und Rock – aber ohne dabei Rammstein-Fan zu sein. Oder sonderlich viel über die Band zu wissen.
Rammstein und ihr Image in den USA: „Lindemann – wie ein Opernsänger aus der Klapsmühle“
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Eigenen Angaben zufolge hat Hickman Rammstein nie zuvor gehört. Bis sie sich in einem Video der Pianoversion von Rammsteins „Mein Herz brennt“ widmet. Später dann auch Livemitschnitten von „Du hast“ und „Engel“. Direkt bei „Mein Herz brennt“, wo Till Lindemanns Stimme mangels Gitarrendonner, einzig puristisch begleitet vom Klavier, besonders stark hervortritt, ist Hickman hin und weg: „Das ist anders als alles, was ich je zuvor gehört habe“, meint sie. „Was für ein unglaublicher Ton!“
Und Hickman geht noch mehr in die Details: Bei allem Stimmknarren von Lindemann lobt sie sehr seinen dunklen Resonanzraum:„basslastig“, „rund“ und „opulent“. Während sie Lindemann begutachtet und dieser von Dämonen, Geistern, schwarzen Feen brummelt, blickt Hickman skeptisch-fasziniert drein.
Lehrerin zu Lindemann: „Als ob er in meine Seele blickt“
Immer wieder legt Hickman den Kopf aufmerksam bis nachdenklich zur Seite, zieht die Stirn in Falten, kneift die Augen irritiert zusammen, reißt sie wieder auf – nur um dann abermals viel Lob zu spenden. Etwa: „Was für ein wunderschöner Sound! Oh mein Gott, was für ein herrlicher Ton!“ Sie schwärmt von Lindemanns „Klangreichtum“, „Nuancen“ und „Textur“, auch dank „angehobenem, weichem Gaumen“, „großer Vokale“ und einer „warmen Klangwolke“.
Obendrein, so hebt Hickman hervor, sei „Mein Herz brennt“ auch meisterhaft auf Lindemanns Stimme hin komponiert. Das Klavier und Lindemann würden einander geradezu umgarnen. Und sogar wenn Lindemann stellenweise bloß spreche, wohne dem so eine „reife Eleganz“ inne: „sehr mysteriös, verführerisch“. „Das ist einzigartig!“, schwärmt die Gesangslehrerin. „Und wie er in die Kamera guckt – als ob er in meine Seele blickt!“ Sie wisse aber selbst nicht, ob sie „dieses beunruhigende Lächeln“ noch mal sehen wolle, schiebt sie lachend hinterher.
Beim Pariser Livemitschnitt vom großen Rammstein-Hit „Du hast“ scheint Hickman nicht nur von dem gigantomanischen Feuerwerk gebannt zu sein – das ihr sichtlich imponiert und Spaß macht. Die Performance baue ihre Vorurteile gegenüber Metal-Musik ab, gibt Hickman offen zu. Sogar einen gewissen „wirklich coolen Techno-Vibe“ meint sie herauszuhören.
„Ich genieße, dass es sich nicht zu chaotisch anfühlt.“ Die Band, so Hickman, wirke vergleichsweise ruhig und gefasst – dafür, dass ihre Musik so einen starken Puls habe. Lindemann sei in der Lage, im Stimmregister schlagartig von „knurrig“ zu „fast schon klassisch schön“ zu wechseln. „Und sein Gesicht wirkt so entspannt – als würde er nur etwas zu sich selbst murmeln.“ Gerade angesichts des großen Effektgewitters um Lindemann herum, von dem er sich offensichtlich nicht aus der Fassung bringen lässt, erkennt sie sogar in den „monotonen“ Gesangspassagen eine besondere Leistung.
Hickmans Blick aus Klassikperspektive wirkt einerseits überraschend, andererseits wurden Lindemann und Rammstein von der Musikkritik auch schon in der Vergangenheit mit der Welt der Klassik in Verbindung gebracht.
So schrieb David Fricke, leitender Redakteur beim amerikanischen Musikmagazin Rolling Stone, Rammstein hätten ihn an eine Wagner-Oper erinnert, für die Nine Inch Nails als musikalische Begleitung verpflichtet wurden: „Lindemann ließ zwischen seinen grunzenden Urlauten zwar jede Melodik vermissen, wirkte mit seinem melodramatischen Auftreten aber dennoch wie ein Opernsänger – ein Opernsänger aus der Klapsmühle.“
Hickman urteilt da sehr viel wohlwollender. Sie sei „voller Ehrfurcht“, heißt es in ihrem dritten, jüngsten Rammstein-Clip, der sich einer Liveperformance von „Engel“ widmet. Zumal Lindemann während dieses Auftritts, passend zum Titel, ein mutmaßlich sehr schweres Paar Kunstflügel trägt, mit bestimmt vier Metern Spannweite, die später noch in Flammen gesetzt werden. „Seine Aussprache ist kristallklar“, lobt Hickman vollauf begeistert. „Und die Bühnenpräsenz ist auf dem nächsten Level.“ So wird eine Klassik-Mezzosopranistin also doch noch Metal-Fan! Den Berlinern und ihrem Ost-Schockrock sei Dank.
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