Liebe Trauergemeinde, wir haben uns heute versammelt, um Abschied zu nehmen. Von Timmy. Oder Hope. Oder Fridolin.
Timmy kam nicht als Prophet. Er kam als Buckelwal. Anfang März in der westlichen Ostsee gesichtet, später bei Wismar, in der Lübecker Bucht, vor Poel. Er verfing sich in Netzen, strandete, schwamm wieder los, strandete erneut. Ein Tier, das vermutlich nur den falschen Ausgang genommen hatte, wurde binnen Wochen zum nationalen Charaktertest.
Man gab ihm einen Namen, weil der Mensch es schwer erträgt, wenn ein Wildtier einfach ein Wildtier bleibt. „Timmy“ klang nach Kinderzimmer, nicht nach zwölf Tonnen Meeressäuger. „Hope“ nach Erlösung, „Fridolin“ nach Ferienwohnung auf Usedom. Von da an war der Wal kein Wal mehr, sondern ein deutsches Gemeinschaftsprojekt: halb Ostsee-Säuger, halb Projektionsfläche, halb Instagram-Livestream. Bei drei Hälften beginnt bekanntlich die deutsche Rettungsplanung.
Influencer-Drama und PR-Krise im Flachwasser
Zuerst kam Robert Marc Lehmann – Meeresbiologe, Tierschutz-Influencer, Reichweitenarbeiter. Er stand im Neoprenanzug neben dem Wal, wollte beruhigen, helfen, nah dran sein. Dann der Streit: Verantwortliche sollen ihm Selbstdarstellung vorgeworfen haben; Backhaus, das Deutsche Meeresmuseum und das ITAW widersprachen.
Robert Marc Lehmann, Meeresbiologe, spricht mit den Medien am Strand, wo in der Nähe der gestrandete Buckelwal im Wasser gelegen hatte.
© Marcus Brandt/dpa
Das war der erste große deutsche Moment in Timmys Passionsgeschichte: Ein Wal lag im Flachwasser, und das Land führte eine Krisenkommunikationsdebatte. Früher schickte man bei Strandungen Fischer, Feuerwehr und Fachleute. Heute braucht es zusätzlich Gegendarstellungen und ein Deeskalationsteam für gekränkte Retter-Egos.
Dann trat Till Backhaus auf – Umweltminister von Mecklenburg-Vorpommern, SPD, und in dieser Geschichte: Staatsmacht unter Social-Media-Druck. Ein Gutachten von Deutschem Meeresmuseum und ITAW schätzte die Überlebenschancen als gering ein und warnte vor weiteren Eingriffen. In sozialen Medien klang das jedoch schnell wie unterlassene Hilfeleistung, am Ufer standen Menschen mit Schildern, und so gab Backhaus einer privaten Initiative grünes Licht: Der Wal sollte mit Luftkissen und Pontons in Richtung Nordsee gebracht werden, finanziert unter anderem vom Media-Markt-Gründer Walter Gunz und einer Pferdesport-Unternehmerin.
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Walflüsterer und eine absurde Netflix-Serie
Spätestens hier wurde aus dem Drama eine deutsche Netflix-Serie – eine, bei der der Algorithmus zu viel NDR, Telegram, Pferdesport und Küstenkrimi ineinandergerührt hatte.
Da war Jens Schulz, Initiator und Koordinator, von mehreren Medien als AfD-nah beschrieben, mit dokumentierten Facebook-Äußerungen, in denen er laut Medienberichten gegen Ukrainer und Muslime hetzte und Alice Weidel als Kanzlerin sehen wollte. Das ist die juristisch saubere Fassung dessen, was im Stammtischdeutsch schnell anders hieß. In der Grabrede gilt: Man muss nicht gröber formulieren, als die Fakten ohnehin sind.
Da war Danny Hilse, Ex-Rocker, von Medien als der AfD-Szene nahestehend beschrieben, der mit Booten zum Wal fuhr und eine besondere Rolle bei dessen „Beruhigung“ spielte. Wer in dieser Geschichte ernsthaft über die Frequenz einer Stimme und die „Aura“ des Rettungsteams spricht, kommt irgendwann bei Danny Hilse an. Das ist keine Pointe. Das ist Logik.
Auf einem Laptop wurde der TikTok-Account von Danny Hilse alias Danny.firstclass geöffnet.
© Bode/imago
Da waren Sergio Bambarén, peruanischer Autor spiritueller Meeresbücher, nun Walflüsterer an der Ostsee – und Jenna Wallace, Tierärztin aus Hawaii, moralisches Gewissen mit Pazifik-Flugticket. Sie reiste bald wieder ab, warf Beteiligten Fehler und Selbstdarstellung vor: „Tiere lügen nicht – Menschen schon.“
Meuterei auf hoher See: Das Rätsel um die Freilassung
Das Rettungsteam zerlegte sich derweil wie eine WhatsApp-Gruppe nach dem dritten Vereinsfest. Eine Pressesprecherin warf hin, kehrte Stunden später zurück: „Das alte Team ist wieder am Start.“ In jeder anderen Branche hieße das Kommunikationspanne. Bei Timmy hieß es: Lagebild.
Währenddessen wurde gebaggert, gespült, gesalbt und geplant. Man grub Rinnen, legte Sandsäcke aus, pinselte Zinksalbe auf kranke Walhaut und erklärte wechselweise, der Wal sei gestresst, ruhig, hoffnungsvoll, erschöpft oder „pudelwohl“. Dass ein geschwächtes Wildtier vielleicht nicht deshalb ruhig ist, weil es Vertrauen fasst, sondern weil ihm die Kraft fehlt – das war die unromantische Lesart der Fachleute.
Am 28. April der große Akt: Timmy kam in den Lastkahn, bewegt durch eine ausgebaggerte Rinne mit Gurten und Jubel. Schlepper namens „Robin Hood“ und „Fortuna B“ zogen ihn nordwärts.
Am 2. Mai war Timmy nicht mehr in der Barge. Nach Angaben der Initiative hatte er sie im Skagerrak verlassen. Was in jenen Stunden vor der dänischen Küste wirklich geschah, bleibt ein Rätsel. Öffentliche Bilder von der Freisetzung gab es nicht, stattdessen eskalierte ein bizarrer Konflikt zwischen der Schiffscrew und den Geldgebern.
„Endlich ist das Mistvieh weg“
Die Mitfinanziers warfen der Besatzung eine nicht abgesprochene und unsachgemäße Freisetzung vor. Die begleitende Tierärztin wurde offenbar isoliert und verpasste den entscheidenden Moment, als das Tier ins Meer glitt. Ein zitiertes Funkprotokoll offenbarte den vermeintlichen Tonfall an Bord: Endlich sei das „Mistvieh“ weg, das sei die Hauptsache.
Martin Bocklage, der Kapitän der „Robin Hood“, wehrte sich in den Medien vehement gegen Vorwürfe der Tierquälerei. Er berichtete von einem Wal, der in seinem Becken getobt habe und dessen Haut immer frischer ausgesehen habe. Der Kapitän beklagte den Umgang mit seiner Crew: Erst wedele man mit Geld, dann drohe man mit Anzeigen. Sein bitteres Fazit lautete schlicht, er hätte mal lieber nicht geholfen. Eigentlich habe sich die Reederei ein positives Image erhofft, nun stehe man als Tierquäler da.
Der GPS-Sender schwieg, das Umweltministerium verlangte Aufklärung, bekam keine, sprach von möglichen rechtlichen Schritten.
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Was das Drama über Deutschland verrät
Nun also Anholt. Ein toter Buckelwal. Kein gefundener Sender. Eine Gewebeprobe. Backhaus warnt vor Spekulationen – ausgerechnet am Ende einer Geschichte, in der wochenlang fast alles Spekulation war: über Timmys Willen, Timmys Vertrauen, Timmys Retter und Timmys angebliche Dankbarkeit.
Lieber Timmy, falls du es bist: Du warst vielleicht der erste Wal, der Deutschland nicht durch Gesang, sondern durch Schweigen beschrieben hat. Du hast nicht gesprochen, und trotzdem redeten alle in deinem Namen. Du hast nicht gewählt, und trotzdem gerietest du in die Nähe der AfD. Du hast keinen Account eröffnet, und trotzdem wurdest du Content. Du hast kein Konzept verlangt, und trotzdem bekamst du Luftkissen, Pontons, Walflüsterer, Millionäre, Minister und einen GPS-Sender, der am Ende ungefähr so zuverlässig war wie ein BER-Eröffnungstermin.
Du warst ein Wildtier. Wir machten dich zum Haustier.
Du warst ein Buckelwal. Wir machten dich zum Charaktertest.
Du lagst im flachen Wasser. Wir strandeten an uns selbst.
Ruhe in Frieden, Timmy.
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