Die Sächsische Zeitung behauptet in einem aktuellen Artikel unter Berufung auf den Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk, der Liedermacher Tino Eisbrenner habe in Moskau im Mai 2026 uniformierte Kinder mit militärischen Tapferkeitsmedaillen ausgezeichnet. Das Foto, auf das sich der Vorwurf stützt, zeigt aber nachweislich etwas anderes. Der Fall ist vor allem ein lehrreiches Beispiel für fehlende journalistische Sorgfalt.
Am Mittwochabend steht im Konzertsaal H42 neben der Dresdner Whisky Manufaktur im historischen Alberthafen eine Band auf der Bühne, die 1984 zur beliebtesten Newcomer-Band der DDR gewählt wurde: Jessica. Vierzig Jahre nach der 100-Tage-Tour zum Album „Spieler“ spielen Sänger Tino Eisbrenner, Gitarrist André Drechsler und Schlagzeuger Olaf Becker wieder zusammen. Dazu kommt Bassist Oliver Siegmann. Er gehörte nicht zur damaligen Besetzung, spielt aber seit 1988 mit Eisbrenner.
Eine Vorschau auf das Wiedersehen sucht man in der Sächsischen Zeitung (SZ) vergeblich. Stattdessen erschien dort am 10. Oktober ein Text über „Querdenker“ bei den Jazztagen Dresden, geschrieben vom stellvertretenden Feuilletonchef Oliver Reinhard. Darin heißt es, Eisbrenner habe „laut dem Historiker Ilko Sascha Kowalczuk unlängst uniformierte Kinder mit Tapferkeitsmedaillen“ ausgezeichnet, „wie auf einem Foto zu sehen ist“. Online steht dazu ein Foto mit der Bildzeile: „Tino Eisbrenner zeichnet ein uniformiertes russisches Kind mit einer Medaille aus.“
Was das Foto tatsächlich zeigt
Das Foto liegt dieser Zeitung vor, Eisbrenner hatte es selbst auf Facebook veröffentlicht. Es zeigt eine Straßenszene im Frühlingsgrün. Der Sänger in Cordjacke und mit Umhängetasche beugt sich zu einem Mädchen von vielleicht fünf Jahren hinunter und befestigt etwas an ihrem Kragen. Das Kind trägt eine nachgeschneiderte Rotarmisten-Uniform mit Feldmütze und Koppel, dazu eine rosa Schleife im Zopf. Dahinter lächelt die Mutter, am Bildrand lacht ein Begleiter. Der Gegenstand zwischen Eisbrenners Daumen und Zeigefinger ist kaum größer als eine Fingerkuppe, nach Augenmaß ein bis zwei Zentimeter. Ein Ordensband ist nicht zu sehen, ebenso wenig Podium, Publikum oder Zeremoniell.
Schon das passt nicht zur Darstellung der SZ. Die Medaille „Für Tapferkeit“ wurde 1938 in der Sowjetunion gestiftet. 1994 übernahm die Russische Föderation sie nahezu unverändert. Sie ist eine Silberscheibe von 37 Millimetern Durchmesser und hängt an einem Ring unter einer fünfeckigen Spange mit grauem Band. Zwischen zwei Fingerspitzen würde ein solches Ehrenzeichen nicht verschwinden. Eine Tapferkeitsmedaille kann der Gegenstand also nicht sein. Die SZ zeigt dasselbe Foto, die „Medaille“ bringt erst ihre Bildzeile ins Spiel.
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Was Tino Eisbrenner sagt
Eisbrenner hatte den Hergang bereits am 6. Juni auf Facebook geschildert. Am 9. Mai, dem russischen Tag des Sieges, sei er mit Freunden vor dem Karl-Marx-Denkmal gegenüber dem Bolschoi-Theater mit einer Mutter und ihrer Tochter ins Gespräch gekommen. Die beiden hätten sich sichtlich gefreut, Deutsche zu treffen. „Ich hatte die Friedenstaube an der Jacke und habe sie dem Kind angemacht“, sagt Eisbrenner dieser Zeitung. Er räumt allerdings ein, dass es kein Foto gibt, auf dem zu erkennen ist, was er in der Hand hält. Das Bild widerspricht seiner Schilderung also nicht, beweisen kann es sie aber auch nicht. Eisbrenner verweist auf seine Umhängetasche, „wo alles drin ist“, und auf den lachenden Freund neben ihm: „So sehen keine Tapferkeitsmedaillenverleihungen in Russland aus.“
Zur Fairness gehört: Das Kind trägt ein Uniformkostüm nach dem Vorbild von 1945, wie es am 9. Mai unzählige Kinder tragen. Diesen Brauch muss man nicht gutheißen. Das Portal Dekoder hat dokumentiert, wie in der Region Krasnodar Kindergartenkinder in Uniform an einer Militärparade teilnahmen. Auch wirkt das Bild auf den ersten Blick mehrdeutig. Ein deutscher Sänger, ein Kind in Uniform, der 9. Mai: Wer Eisbrenner ohnehin für einen Kremlpropagandisten hält, findet darin, was er sucht. Gerade deshalb hätte die SZ-Redaktion genau hinsehen müssen. Stattdessen widerspricht sich die SZ auf engstem Raum. Die Bildzeile spricht von einem Kind und „einer Medaille“. Unmittelbar darunter machen Zwischenzeile und Text daraus „uniformierte Kinder“ und „Tapferkeitsmedaillen“. Aus einer Begegnung unter Passanten wird eine „Auszeichnung“. Auszeichnen kann aber nur, wer dazu befugt ist. Eisbrenner war ein Besucher mit einer Anstecknadel.
Auszug aus dem SZ-Artikel vom 10. Oktober: Aus einem Kind werden Kinder, aus einer Medaille Tapferkeitsmedaillen, und das auf wenigen Zentimetern. Woher das Foto stammt, schreibt die Sächsische Zeitung auch nicht.
© Screenshot: sächsische.de, „Verschwörungs-Star Ken Jebsen kommt zu den Jazztagen in Dresden“, 10.10.2026, abgerufen am 13.10.2026
Ein unverpixeltes Kind als Beweisstück
Schwerer wiegt etwas anderes: Die SZ zeigt Mädchen und Mutter unverpixelt und klar erkennbar. Nach Richtlinie 8.3 des Pressekodex sollen Kinder in der Regel nicht identifizierbar sein. Straftaten und Unglücksfälle nennt der Kodex dabei als besonders wichtige, nicht als einzige Fälle. Dritte, die mit dem eigentlichen Gegenstand eines Berichts nichts zu tun haben, dürfen nach Richtlinie 8.4 in der Regel ebenfalls nicht im Bild gezeigt werden. Das trifft auf die Mutter zu, denn der Artikel handelt von Eisbrenners Haltung und nicht von einer Moskauer Familie. Der Presserat nimmt solche Fälle ernst. So rügte er Bild, weil die Zeitung eine Fünfjährige ohne zeitgeschichtlichen Anlass bloßgestellt hatte. In der SZ steht nun ein kleines Mädchen unter der Zeile „Tapferkeitsmedaillen für uniformierte Kinder“, als Beleg für Kremlpropaganda. Dass Eisbrenner das Foto einst selbst unverpixelt gepostet hat, war unbedacht. Von ihren eigenen Standards entbindet das eine Redaktion aber nicht.
„Quelle: Screenshot“
Auch die Herkunft des Bildes bleibt im Dunkeln. Alle anderen Fotos im SZ-Artikel tragen den Namen des Fotografen oder der Agentur. Unter dem Bild, das den Vorwurf belegen soll, steht nur: „Quelle: Screenshot“. Das ist keine Quellenangabe, sondern ein technischer Vorgang. Wer das Foto gemacht hat, erfahren die Leser nicht, obwohl das Urheberrecht bei Zitaten eine deutliche Quellenangabe verlangt. Und ein Screenshot wovon? Stammt er aus Kowalczuks Beitrag, hat die SZ eine fremde Deutung samt Bild übernommen. Stammt er aus Eisbrenners Profil, war dessen Richtigstellung nur wenige Klicks entfernt. Sie war bei Erscheinen des Artikels seit vier Monaten öffentlich. In der SZ wird sie nicht erwähnt.
Verstoß gegen den Pressekodex
Nach Ziffer 2 des Pressekodex sind Informationen in Wort und Bild sorgfältig auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen. Ihr Sinn darf „durch Bearbeitung, Überschrift oder Bildbeschriftung weder entstellt noch verfälscht werden“. Gerade in Bildzeile und Zwischenzeile stellt die SZ den Vorwurf aber ohne Einschränkung als Tatsache dar. Das „laut dem Historiker“ steht nur im Fließtext. Ob ein Gegenstand von der Größe einer Fingerkuppe ein Orden ist, erfordert keine historische Expertise, sondern einen prüfenden Blick und einen Anruf.
Diesen Anruf gab es nach Eisbrenners Aussage nicht. „Die Sächsische Zeitung ist nicht auf mich zugekommen“, sagt er gegenüber dieser Zeitung. Eine ausdrückliche Pflicht, Betroffene anzuhören, steht nicht im Wortlaut des Pressekodex. Der Presserat leitet sie aber aus der Sorgfaltspflicht ab. Wiederholt hat er Redaktionen gerügt, die Betroffenen bei ehrverletzenden Vorwürfen keine Gelegenheit zur Stellungnahme gaben. So erhielt die Märkische Allgemeine eine Rüge, weil sie eine Familiengutachterin nicht angehört hatte. Die Redaktion hatte argumentiert, eine Anfrage hätte nur Alibicharakter gehabt. Das überzeugte das Gremium nicht. Eisbrenner plant nach eigenen Angaben, über seine Anwälte rechtliche Schritte gegen die SZ in die Wege zu leiten.
Die Gelegenheit, Eisbrenners Darstellung zu widerlegen, hat die SZ verstreichen lassen. Diese Zeitung bat den Autoren des Stücks, Oliver Reinhard, die Feuilletonredaktion und die Chefredaktion um Stellungnahme. Gefragt wurde, woher der Screenshot stammt und wer das Foto aufgenommen hat und wie die Redaktion geprüft hat, dass es sich um eine Tapferkeitsmedaille handelt. Außerdem wollte diese Zeitung wissen, ob Eisbrenner vor der Veröffentlichung Gelegenheit zur Stellungnahme hatte, warum Kind und Mutter nicht unkenntlich gemacht wurden und ob eine Korrektur geplant ist. Bis zum Ablauf der Frist am Dienstagmittag blieb die Anfrage unbeantwortet.
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Der Kronzeuge der SZ
Kowalczuk ist ein ausgewiesener Kenner der DDR-Geschichte. In sozialen Netzwerken trat er ab 2021 jedoch vor allem als streitbarer politischer Kommentator auf. Das ist sein gutes Recht. Ein solcher Beitrag wie im vorliegenden Falle über Eisbrenners Tätigkeit in Moskau ist daher aber die Wortmeldung eines politischen Aktivisten und kein Fachgutachten. Auch Kowalczuk habe ihn nicht gefragt, sagt Eisbrenner auf Anfrage dieser Zeitung: „Er hat natürlich damals nicht nachgefragt, was ich da mache, sondern hat einfach was behauptet.“
Bemerkenswert ist, wie die SZ mit dieser Wortmeldung umgeht. Wo und wann Kowalczuk sich geäußert hat, schreibt sie nicht. Die Leser können die Quelle also nicht einmal finden. Stattdessen verleiht der Zusatz „Historiker“ einer Deutung aus sozialen Netzwerken wissenschaftliche Autorität, obwohl sie mit Kowalczuks Fachgebiet nichts zu tun hat. Hier spricht kein Forscher über Quellen, sondern ein politischer Kommentator über ein Foto. Der Presserat hat Redaktionen auch dafür gerügt, Inhalte aus sozialen Netzwerken ungeprüft zu übernehmen, etwa die Neue Osnabrücker Zeitung im Fall von Telegram-Meldungen. Wer eine solche Wortmeldung ungeprüft weitergibt, verwechselt akademische Reputation mit einem Faktencheck.
Auch Kowalczuk selbst hatte Gelegenheit, seine Deutung zu erläutern. Eine Anfrage dieser Zeitung ging über sein Management an ihn, das Originalfoto war angehängt. Gefragt wurde, wo und wann er sich zu dem Foto geäußert habe, woran er eine Tapferkeitsmedaille erkannt habe und ob er an seiner Einschätzung festhalte. Eine Antwort lag bis zum Ablauf der Frist am Dienstagmittag nicht vor.
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Meinung ja, falsche Tatsachen nein
Der übrige SZ-Text bewegt sich weitgehend im Rahmen zulässiger Wertung. Eisbrenners emotionale Nähe zu Russland ist belegt, und er hat sie nie verborgen. Beim Festival „Weg nach Jalta“ in Moskau etwa belegte er den zweiten Platz. Auch Medaillen spielen in seiner Russland-Biografie eine Rolle, nur in umgekehrter Richtung. 2024 verlieh ihm Botschafter Sergej Netschajew die Puschkin-Medaille. 2025 ehrte ihn ein russischer Veteranenverband für seine Arbeit für die Völkerverständigung. All das darf man scharf kritisieren, und die Pressefreiheit schützt auch zugespitzte Polemik. Eine unwahre Tatsachenbehauptung deckt sie aber nicht, schon gar nicht, wenn ein Blick auf das Ausgangsmaterial genügt hätte, um sie zu vermeiden.
Bei jenem Treffen mit den Veteranen sang Eisbrenner übrigens die „Kleine weiße Friedenstaube“, das Kinderlied, das Generationen in der DDR auswendig kannten. Dass ausgerechnet dieses Symbol in einer Dresdner Feuilletonredaktion zur Tapferkeitsmedaille wird, ist die eigentliche Pointe dieser Geschichte. Eine Richtigstellung nach Ziffer 3 des Pressekodex wäre das Mindeste. Am Mittwochabend jedenfalls wird im Alberthafen gesungen. Ausgezeichnet wird niemand.
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