Am Dienstag empfängt Bundeskanzler Friedrich Merz den kasachischen Präsidenten Kassym-Schomart Tokajew in Berlin. Im Vier-Augen-Gespräch soll es um den Ausbau der bilateralen Energie- und Rohstoffpartnerschaft, um regionale Zusammenarbeit und um internationale Sicherheitspolitik gehen, anschließend ist eine gemeinsame Pressekonferenz geplant.
Der hohe Besuch fällt in eine Zeit, in der Zentralasien für Europa strategisch an Gewicht gewinnt: als Rohstofflieferant, aber auch als Transit- und Wachstumsraum für den sogenannten Mittleren Korridor unter Umgehung Russlands. Die europäische Sanktionspolitik gegenüber Russland wird bei der deutsch-kasachischen Zusammenkunft ebenso zur Sprache kommen.
Zugleich pflegt Tokajew enge Beziehungen zu Moskau und Peking. Im Mai empfing er Wladimir Putin zum Staatsbesuch – Kasachstan ist Mitglied der Eurasischen Wirtschaftsunion, des Militärbündnisses OVKS und der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit. Vor wenigen Wochen nahm Astana am Brics-Gipfel in Neu-Delhi teil. Zu den deutsch-kasachischen Beziehungen haben wir mit Wilder Alejandro Sánchez gesprochen, Präsident der Beratungsfirma Second Floor Strategies in Washington und Non-Resident Fellow beim Thinktank CFive in Astana.
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Herr Sánchez, was ist Tokajews wichtigstes Ziel in Berlin, und was erwartet Kasachstan von Deutschland?
Präsident Tokajew wird vor allem versuchen, Verträge abzuschließen, die Handel und Investitionen deutscher Unternehmen ausbauen. Wahrscheinlich wird er sich außerdem auf Partnerschaften in Wissenschaft und Technologie konzentrieren, vielleicht auch auf den Bildungsbereich, etwa neue Abkommen zwischen Universitäten, damit kasachische Studenten in Deutschland studieren können, oder die Eröffnung eines Campus einer deutschen Hochschule in Kasachstan.
Ich glaube allerdings nicht, dass es hier um ein Entweder-oder exklusiver Partnerschaften geht. Kasachstans Außenpolitik beruht auf dem Konzept der Multivektorpolitik. Das bedeutet im Kern: Das Land will mit allen befreundet sein, ohne sich in Bündnissen festzulegen.
Zur Person
Können Sie das ausführen?
Kasachstan unterhält bereits enge Beziehungen zu Washington und zur Europäischen Union. 2024 reiste Präsident Tokajew nach Frankreich, 2025 fand in Astana der erste C5+1-Gipfel mit Italien statt. Nebenbei bemerkt wurde kürzlich auch ein wirtschaftsorientiertes Format B5+Italien ins Leben gerufen. Im selben Jahr, 2025, gab es zudem den ersten Gipfel zwischen Zentralasien und der EU. Wir sehen also bilaterale Kontakte, Gipfel zwischen einem Block und einzelnen Staaten und Gipfel zwischen Blöcken.
Ein stärkeres Engagement mit Deutschland hilft Kasachstan, sein internationales Image zu verbessern und die Beziehungen zu Berlin zu festigen. Der Besuch ist eine notwendige Fortsetzung des C5+Deutschland-Gipfels von 2023 und hilft, den Austausch auf höchster Ebene aufrechtzuerhalten.
Aserbaidschan hat im Juli eine strategische Partnerschaft mit Deutschland unterzeichnet. Ist ein ähnlicher Rahmen mit Kasachstan zu erwarten?
Die beiden Staatsführungen werden Abkommen und Dokumente unterzeichnen, um die bilateralen Beziehungen zu stärken. Dennoch glaube ich nicht, dass wir kurz davorstehen, eine besondere Beziehung zwischen beiden Regierungen entstehen zu sehen. Zumindest noch nicht. Wie gesagt, fand der erste C5+Deutschland-Gipfel 2023 statt. Ein Jahr später besuchte der damalige Bundeskanzler Olaf Scholz Kasachstan und Usbekistan. Es gab in den vergangenen drei Jahren also durchaus Treffen auf höchster Ebene.
Eine deutsche Hinwendung zu Zentralasien habe ich seither aber nicht beobachtet. Die bilateralen Beziehungen laufen weiter, Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche war etwa im Juni in Kasachstan. Aber eine „besondere Beziehung“ zwischen Astana und Berlin ist nicht entstanden. Dieser Präsidentenbesuch könnte nun einen Neustart markieren, bei dem beide Regierungen einander besondere Aufmerksamkeit widmen.
Kasachstan war auch auf dem Brics-Gipfel in Indien vertreten, Tokajew ist ganz links im Bild.
© Alexander Kazakov/imago
Warum werden die deutsch-kasachischen Beziehungen nicht auf die nächste Stufe gehoben?
Die Beziehungen sind keineswegs schlecht, Reiches Besuch zeigt, dass beide Seiten gute diplomatische Kontakte pflegen. Die Frage ist, wie man sie ausbauen kann. So wie andere Länder Verteidigung oder historische Verbindungen als Grundlage für besondere Beziehungen nutzen, sind Handel und Investitionen derzeit die wahrscheinlichsten Säulen für engere Beziehungen zwischen Astana und Berlin. Ein jährlicher deutsch-kasachischer Gipfel auf Ebene der Staats- und Regierungschefs etwa würde die Beziehungen auf die nächste Stufe heben.
Welche Rolle spielt der Mittlere Korridor bei diesem Besuch? Ist Deutschland bereit, ernsthaft in die transkaspische Infrastruktur zu investieren, statt sie nur rhetorisch zu unterstützen?
Die Bedeutung des Mittleren Korridors dürfte wachsen, da der Krieg zwischen Russland und der Ukraine kein Ende nimmt. Hinzu kommen die Krise um die Straße von Hormus und die Krise in der Meerenge Bab al-Mandab wegen des Krieges im Jemen. Ein verlässlicher Korridor für den Transport von Energie, Mineralien und anderen Gütern ist heute von entscheidender Bedeutung.
Andererseits ist umstritten, wie viel Wachstumspotenzial der Korridor noch hat. Investitionen fließen weiter, und soweit ich mich erinnere, wollte Kasachstan unbedingt Investitionen aus den Golfstaaten anziehen. Mir ist aber unklar, wie viele golffinanzierte Projekte im Korridor angesichts der Zerstörungen durch den Krieg mit Iran vorankommen werden und wie die arabischen Regierungen ihre Prioritäten und Ausgaben neu ordnen.
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Haben Sie nicht auch das Gefühl, dass im Westen die Potenziale des Mittleren Korridors bisher nicht vollständig ausgeschöpft werden?
Präsident Tokajew wird den Mittleren Korridor wahrscheinlich ansprechen und um deutsche Investitionen werben. Ob sie kommen, ist jedoch offen. Am Korridor sind mehrere Länder beteiligt, und ich gehe davon aus, dass Tokajew Investitionen in die Hafeninfrastruktur auf der kasachischen Seite des Kaspischen Meeres oder in die Modernisierung von Bahn und Straßen anstrebt. Selbst eine Modernisierung der Zollsysteme und -verfahren mit neuer Software kann sehr hilfreich sein.
Deutsche Unternehmen sollen Berichten zufolge Interesse an Investitionen in turkmenische Häfen und Eisenbahnen haben. Es ist also nicht undenkbar, dass das auch in Kasachstan geschieht, konkret in den Häfen Aktau und Kuryk.
Tokajew hat Putin im Mai zum Staatsbesuch empfangen, reiste dann nach Brüssel und jetzt nach Berlin. Wie vereinbart die Führung in Astana ihre Verpflichtungen in der Eurasischen Wirtschaftsunion und der OVKS mit engeren Beziehungen zu Europa, und wo liegen Moskaus rote Linien?
Wie gesagt, die Multivektorpolitik ist der Grundpfeiler der kasachischen Außenpolitik. Im November vergangenen Jahres reiste Präsident Tokajew nach Washington, um an einem Treffen aller zentralasiatischen Präsidenten mit Präsident Trump teilzunehmen. Eine Woche später flog er nach Moskau zu Präsident Putin. Aus meiner Sicht muss die kasachische Regierung Moskau immer wieder versichern, dass die Annäherung an Deutschland, das übrige Europa und Washington die Beziehungen zwischen Astana und Moskau nicht beeinträchtigt.
Hat Moskau eine rote Linie? Verteidigung, ganz sicher. Wenn irgendein Land auch nur andeuten würde, eine Militäreinrichtung in Kasachstan zu eröffnen, wäre das eine rote Linie für Putin. Dasselbe gilt für militärische Ausbildung. Die USA hielten früher mit Steppe Eagle eine große Militärübung in Zentralasien ab, die letzte fand meines Wissens 2019 statt. Heute sind internationale Übungen zwischen den USA und Zentralasien überwiegend Planspiele am Tisch.
Wie sieht es bei Rüstungsgütern aus, etwa Waffenkäufen?
Waffenkäufe sind ein heikles Thema. Kasachstan kauft neues Gerät, um seine Streitkräfte zu modernisieren, vor allem Drohnen. Berichte über US-Waffenverkäufe an Kasachstan habe ich aber nicht gesehen. Handel und Investitionen wird Moskau tolerieren, solange neue Verträge etwa zwischen Kasachstan und Deutschland der russischen Industrie nicht schaden.
Und natürlich ist die Ukraine eine weitere rote Linie. Kasachstan hat zu Frieden in der Ukraine und zur Achtung der territorialen Integrität aufgerufen. Erst kürzlich schlug Präsident Tokajew bei einem Treffen mit Putin vor, den Istanbuler Friedensprozess wiederzubeleben, um den Krieg zu beenden. Kasachstan hat seinen Bürgern verboten, für eine der beiden Seiten zu kämpfen, und Astana betont immer wieder, neutral zu sein und keine Kriegspartei zu unterstützen. Das ist eine heikle diplomatische Lage, die Kasachstan meistern muss.
Auch für die EU wird Kasachstan immer wichtiger.
© EU Council/imago
Deutschland und die EU drängen die zentralasiatischen Staaten dazu, die Umgehung von Russland-Sanktionen zu unterbinden. Welchen Hebel hat Berlin gegenüber Kasachstan?
Eine Regierung zu einem bestimmten Verhalten zu drängen oder zu bewegen, ist eine heikle Angelegenheit, bei der viele Faktoren zu bedenken sind. Ein aktueller Fall gibt uns aber Hinweise darauf, wie sich Astana verhalten könnte, falls Berlin oder Brüssel mehr Einsatz bei den Russland-Sanktionen verlangen.
Kasachstan ist Mitglied sowohl der von den USA geführten Initiative Pax Silica als auch der von China geführten WAICO, zweier Koalitionen, die sich mit Künstlicher Intelligenz befassen. Washington drängt Kasachstan Berichten zufolge, sich für einen der beiden Blöcke zu entscheiden. Angesichts der engen Handels- und Investitionsbeziehungen zwischen Astana und Peking glaube ich nicht, dass Kasachstan sich für die USA und gegen China entscheiden würde.
Astana steht also bereits unter Druck, sich beim Thema KI für eine Seite zu entscheiden, so wie Armenien von Moskau gedrängt wird, zwischen EU und Eurasischer Wirtschaftsunion zu wählen. Wie Astana im Fall Pax Silica und WAICO handelt, wird uns eine bessere Vorstellung davon geben, wie es sich in anderen Situationen verhalten könnte.
Man darf geografische Aspekte nicht außer Acht lassen: Kasachstan und Russland teilen sich eine mehr als 7600 Kilometer lange Grenze, eine der längsten Landgrenzen der Welt.
Letztlich wird die kasachische Regierung Russland versichern müssen, dass starke Beziehungen zu Europa am Status quo zwischen Astana und Moskau nichts ändern. Kasachstan wird ohnehin keine EU-Mitgliedschaft oder assoziierte Mitgliedschaft beantragen.
Können Brüssel und Berlin Astana zu einer härteren Haltung bei den Sanktionen drängen? Sie können das Thema mit Astana sicherlich besprechen. Ob es wirkt, ist eine heikle Frage, die mehr Raum bräuchte, um sie richtig zu beantworten. Die kasachische Regierung hat in der Vergangenheit erklärt, die Sanktionen gegen Russland zu respektieren, den sehr wichtigen bilateralen Handel mit Russland aber nicht zu gefährden. Ich verstehe, warum Europa Russlands Nachbarn zu einer härteren Linie bewegen will. Ich muss aber auch darauf hinweisen, dass es für Länder, die weit von Europa und der Nato entfernt liegen, generell keine gute Idee ist, Moskau zu verärgern.
Kasachstan hat am Brics-Gipfel in Neu-Delhi teilgenommen. Wie bewerten Sie die sogenannte Multivektor-Außenpolitik zwischen Ost und West?
Kasachstan will nicht nur als Führungsmacht Zentralasiens oder als Mittelmacht wahrgenommen werden, sondern als globaler Akteur. Dafür will das Land in globalen Blöcken eine Rolle spielen. Die Mitgliedschaft in der SOZ ist natürlich unverzichtbar, um gute Beziehungen zu China und Russland zu pflegen.
Ich verstehe die deutsche Perspektive durchaus: Wie kann sich Kasachstan einen Freund Europas nennen und zugleich in Blöcken mitwirken, die von Peking und Moskau angeführt werden? Aber angesichts seiner geografischen Lage und des Ausmaßes an Beziehungen und Verflechtungen mit seinen beiden riesigen Nachbarn hat Astana in manchen Fragen kaum eine Wahl. Tokajews Besuch soll zeigen, dass sein Land frei ist, seine Freunde und Partner selbst zu wählen, etwa indem es eine führende Rolle im Mittleren Korridor übernimmt.
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Wie bewerten Sie nach den Kurultai-Wahlen im August die innenpolitischen Reformen in Kasachstan, und inwieweit sollte Berlin Fragen der Regierungsführung und der Menschenrechte ansprechen?
Deutschland muss Kasachstan selbstverständlich weiterhin an die Bedeutung der Wahlfreiheit erinnern und darüber sprechen, dass Menschenrechtsverletzungen nicht toleriert werden können.
Was die inneren Reformen angeht, bin ich beim Kurultai zurückhaltend. Wie ich schon früher gesagt habe, halte ich eine Regierung für einen lebendigen Organismus, der sich weiterentwickeln und an neue Realitäten anpassen muss. Letztlich müssen Veränderungen an der Regierungsstruktur den Menschen in Kasachstan zugutekommen, nicht Oligarchen und Politikern. Wenn ich sehe, dass der Kurultai bessere Entscheidungen im Sinne der Bevölkerung trifft, werde ich ihn unterstützen. Wenn nicht, werde ich ihn kritisieren. Die Menschen in Kasachstan verdienen eine gute Regierungsführung.
Zum Schluss: Ist das Format C5+Deutschland noch relevant, oder setzt Deutschland inzwischen auf bilaterale Abkommen mit einzelnen zentralasiatischen Staaten, mit Kasachstan als Schlüsselpartner?
Als Befürworter ständigen diplomatischen Dialogs und des Multilateralismus werde ich das C5+-Format immer unterstützen. Es hilft, alle Staatschefs in einem Raum zu haben, damit sie über das sprechen können, was ihnen wichtig ist, und gemeinsame Projekte beraten. Auch Aserbaidschan hat sich dem C5-Format angeschlossen, wegen seiner Lage, seiner Rolle im Mittleren Korridor und seiner historischen Verbindungen zu Zentralasien. Wenn Deutschland also über den Mittleren Korridor sprechen will, ist das C5+-Format, oder vielleicht C6, ein idealer Rahmen dafür.
Seien wir aber ehrlich: C5+-Gipfel finden nicht oft statt, daher sind ihre Relevanz und Bedeutung wohl begrenzter. Gäbe es jedes oder jedes zweite Jahr einen C5+Deutschland-Gipfel, wären Relevanz und Wirkung deutlicher. Wir sprechen aber über zwei Länder, die geografisch weit voneinander entfernt liegen, und der Grundpfeiler der Beziehungen sind derzeit Handel und Investitionen. Das heißt, wir müssen über Logistik, Eisenbahnen, Häfen, Straßen und Flughäfen reden. Deshalb ist ein Format wie C5+Deutschland oder sogar ein Gipfel Mittlerer Korridor plus Deutschland hilfreich, um zu verstehen, welche Akteure an bestimmten Projekten beteiligt sein müssen.
Kasachstan hat letztlich die zukunftsorientierteste Außenpolitik in Zentralasien. Wenn Deutschland aber auch mit den anderen zentralasiatischen Staaten enger zusammenarbeiten will, ist das C5+-Format ein Weg, um zu verstehen, was alle in der Region wollen und brauchen, und Gemeinsamkeiten zu finden.
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