Podcast, Dokuserie und bald auch „Wetten, dass..?“ Da die Kaulitz-Zwillinge Bill und Tom seit Jahren die Bespaßer der Nation in allerlei Formaten sind, vergisst man schon mal, dass die schon lange in Kalifornien prachtvoll hausenden Magdeburger ihren Ruhm ursprünglich mal ihrer Musik zu verdanken hatten: der ihrer Band Tokio Hotel, samt Georg Listing (Bass) und Gustav Schäfer (Schlagzeug) im Bunde.
Zwar kann nun wirklich fast jeder nach dem dritten Schnaps „Durch den Monsun“ mitkreischen (nicht bloß in Deutschland, viele Menschen aus anderen Ländern haben eigens dafür Deutsch am Goethe-Institut gelernt), aber: Viele werden sich jetzt trotzdem fragen: Tokio Hotel, gibt’s die noch? Machen die noch Mucke?
Tokio Hotel klingen nach Goo Goo Dolls und Bon Jovi
Die Antwort ist: Jein. Das siebte Tokio-Hotel-Album „2001“ (aus dem Jahre 2022) wagte zwar ein paar elektronische Experimente; wirkte insgesamt aber doch eher wie ein Sammelsurium aus Stücken, die über die Jahre hinweg beiläufig entstanden und abgefallen waren.
Im direkten Vergleich ist die neue Platte, „Encore“ (zu Deutsch: Zugabe) deutlich stringenter und aus einem Guss. Wahnsinnig aufregend sind die Arrangements nun trotzdem nicht, aber auch überhaupt nicht schlecht. Tokio Hotel klingen schlichtweg nach kuscheligem Konsensradiorock der 1990er mit vorhersehbaren Power-Akkordwechseln. Ein bisschen nach Bon Jovi, Aerosmith und Goo Goo Dolls. Und damit irgendwie auch nach sich selbst.
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Apropos sie selbst: In „Memory Lane“, dem vielleicht anrührendsten Stück der Platte, begegnen Tokio Hotel auch den jüngeren Versionen ihrer selbst: In dem im Ballhaus Wedding gedrehten Musikvideo sehen wir Tokio Hotel (gemimt von Doubles) noch einmal als Teenager, wie sie aus dem Dorf heraus einen städtischen Ball entern, um dort mitzufeiern und das Büfett zu plündern. Zugleich performen die älteren, also jetzigen Tokio Hotel dort auf der Bühne.
Kurzum: Es ist ein Lied über Erinnerung, über die verlorene und die gewonnene Zeit. Im Text sinniert das lyrische Ich (mutmaßlich Bill Kaulitz persönlich) darüber nach, wie das war, das Dorf der Kindheit mit den zerbrochenen Fenstern und dem Wein von der Tanke zurückzulassen – und dabei auch ein lyrisches Du, das vielleicht irgendwann auch dort rausgekommen ist, man weiß es aber nicht, „we never said goodbye“.
Champagnerflaschen, Hasch und One-Night-Stands
Und wenn wir schon vom Tanken-Wein sprechen: Auf „Encore“ wird wie verrückt gesoffen. Dieses Spannungsverhältnis aus glatt polierter Poprock-Klangoberfläche und dem gebrochenen lyrischen Ich in den Liedern ist das eigentlich Aufregendste der Platte. „Wir ertränken die Sorgen in Champagner“, sagte Tom Kaulitz 2022 im Tokio-Hotel-Interview mit der Berliner Zeitung.
Was damals sofort mit lautem kollektivem Lachen des Tokio-Hotel-Quartetts als Spaß abgetan wurde, ist aber tatsächlich so etwas wie das „Encore“-Leitmotiv: saufen, um sich weniger zu sorgen. Fast in jedem der zwölf Lieder singt Bill Kaulitz davon. „Chugging bottles of champagne / Taking puffs to ease the pain / Until I end up on the ground“: Es werden Champagnerflaschen geleert und es wird fleißig gequarzt, „um den Schmerz zu lindern“, bis zum Absturz.
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Kein Einzelfall. In „Memory Lane“ war man permanent auf Drogen, um die Probleme zu verdrängen („high all day to forget our problems“), in „Shout to the Universe“ hat man die Taschen voller Hasch und ordert kalte Drinks gleich stapelweise. „Sip by sip i drown all these sounds“, singt Bill Kaulitz in „Changes“: Schluck für Schluck ertränke ich all diese Stimmen in mir. Die sorgenden, vielleicht auch selbstkritischen Stimmen dürften wohl gemeint sein.
All dies kommt beschwingt im Poprockpelz daher. Aber nur witzig und spaßig ist der Rausch auf „Encore“ mitnichten. All die Partys, die One-Night-Stands, die geistig immer noch im Kopf spukenden Lover und die allgegenwärtigen Alkoholika und anderen Drogen: „Encore“ ist auch die mollmelodische Beichte eines lyrischen Ichs, das um eigene Verfallenheit genau Bescheid weiß – um die Abhängigkeit von Stoffen und Personen. Ganz so leicht war der kometenhafte Aufstieg aus dem Dorf heraus wohl doch nicht mental zu bewältigen. Von (homophobem) Mobbing dort und anderen Traumata ganz zu schweigen.
Auch im Podcast „Kaulitz Hills“ und in der Netflix-Dokuserie „Kaulitz & Kaulitz“ kommen solche Themen zur Sprache. Aber auf „Encore“ noch mal in einer ernsteren Tonlage, ohne all die ablenkenden Lacher. Vielleicht ist Musik eben doch das Medium, in dem sich Tokio Hotel am besten auszudrücken wissen.
So gesehen wäre auch die makellose Oberfläche ihrer altbewährten, neu entdeckten Soft-Gitarren-Sounds konzeptuell stimmig: Die groß angelegten Melodiebögen mit den Power-Refrains kaschieren die Sorgen temporär, so wie ein teures Glas Champagner – gemixt mit etwas Billo-Wein von der Tanke.
Tokio Hotel live am 25.10. im Velodrom Berlin (Record-Release-Konzert), am 7.11. in der Uber-Arena Berlin und am 13.11. in der Quarterback-Arena Leipzig.
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