Kulturaustausch

Buchmesse: „Tschechen und Deutsche sitzen im selben Boot“

Tschechien ist Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse ab 7. Oktober. Tomáš Kafka untersucht, wie es um die Kontakte zwischen den Literaten beider Länder steht.

Tomáš Kafka
8 Min
Tschechische Literatur in Übersetzung

Tschechische Literatur in Übersetzung

© Arne Dedert/dpa

Weder Tschechien noch die ehemalige Tschechoslowakei waren jemals Gastland der berühmten Frankfurter Buchmesse. Umso größer muss daher die Erwartung an die diesjährige Messe sein, die vom 7. bis 11. Oktober stattfindet und bei der die tschechische Literatur ihre große Premiere als Ehrengast feiern wird.

Dies bedeutet allerdings keineswegs, dass die tschechische Literatur in Frankfurt am Main bislang keine Sternstunden erlebt hätte. Zu sozialistischen Zeiten beruhte das Interesse an ihr jedoch nicht allein auf ihrer unbestrittenen literarischen Qualität. 1968 hatte die Tschechoslowakei nur wenige Wochen vor Beginn der Buchmesse die berüchtigte sowjetische Invasion erlebt, die den Prager Frühling gewaltsam beendete.

Eine nächtliche Begegnung

Es verwundert daher kaum, dass sich die Aufmerksamkeit der internationalen Öffentlichkeit damals stark auf tschechische und slowakische Autoren richtete. Die Frankfurter Buchmesse wurde so auch zu einem Ort der Solidarität.

An dieser Stelle sei zumindest an eine der Lieblingsgeschichten des späteren tschechischen Botschafters in Deutschland, František Černý, erinnert, der die Frankfurter Buchmesse 1968 als junger Germanist und Journalist besuchte.

Bei einem nächtlichen Spaziergang durch die Stadt diskutierte er gemeinsam mit seinem Freund, dem Redakteur Vladimír Kafka, die politischen und literarischen Ereignisse jener bewegten Zeit. Unterwegs wurden die beiden von zwei Prostituierten angesprochen, die sich den Herren zunächst aus rein geschäftlichem Interesse näherten. Als die Frauen jedoch erfuhren, dass ihre Gesprächspartner aus der Tschechoslowakei stammten, verlor das Geschäftliche schlagartig an Bedeutung. Stattdessen wollten sie unbedingt über Alexander Dubček und den Prager Frühling sprechen.

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Doch nicht nur in Frankfurt und in seinen Gassen stieß die tschechoslowakische Literatur auf außergewöhnliches Interesse. Verlage wie Suhrkamp, S. Fischer, Luchterhand, Rowohlt oder Hanser verfolgten auch woanders aufmerksam die kulturellen und gesellschaftlichen Entwicklungen in der Tschechoslowakei und waren ganz Ohr für deren literarische Stimmen. Was zur selben Zeit in der DDR passierte, steht auf einem anderen Blatt. Offiziell wurde der Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen begrüßt. Wer dagegen protestierte, bekam es mit der Staatsmacht zu tun.

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Die Gruppe 47 auswärts

Im Oktober 1968 trafen sich rund dreißig tschechische und slowakische Autoren mit etwa gleich vielen deutschsprachigen Kollegen in Rüschlikon bei Zürich. Die Einladung durch die Schweizer Schriftsteller Max Frisch, Friedrich Dürrenmatt und Peter Bichsel war als Versuch gedacht, eine eigentlich im Schloss Dobříš bei Prag geplante Tagung der Gruppe 47 zu ersetzen.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtete damals in anerkennendem Ton über diese „Auswärtsspiele“ der tschechischen und slowakischen Literaten. Die Zeitung stellte fest, dass ihre Literatur, teils aus eigener Kraft, teils durch die politischen Umstände, in den Brennpunkt des internationalen literarischen Lebens gerückt sei und damit gleichsam eine Feuertaufe auf der Weltbühne erlebe. Sie musste lernen, mit den Herausforderungen ihrer Zeit umzugehen und diese produktiv zu verarbeiten, anstatt klein beizugeben. Genau darin liegt schließlich ein Kennzeichen bedeutender Literaturen: Sie wachsen an den Umständen, denen sie ausgesetzt sind, und bleiben sich treu und widerstandsfähig, ungeachtet dessen, unter welchen Bedingungen die Autoren zu schaffen haben.

Die Lesergemeinde

Ob die tschechische und die slowakische Literatur diese Feuertaufe langfristig bestanden haben, lässt sich zumindest im Falle der tschechischen Literatur bei der diesjährigen Frankfurter Buchmesse beurteilen. Die Zahl der tschechischen Autorinnen und Autoren, die nach Frankfurt kommen werden, übersteigt jene von 1968 bei Weitem. Die Organisatoren rechnen mit insgesamt rund 75 Repräsentantinnen und Repräsentanten der tschechischen Literatur- und Kulturszene. Zum Vergleich: Als die kleinere, publikumsnähere Leipziger Buchmesse 2019 unter der Überschrift „Ahoj Leipzig!“ Tschechien zu Gast hatte, kamen bereits 55 Autorinnen und Autoren.

Diese Zahlen verdeutlichen, welchen Weg die tschechische Literatur seit den dramatischen Ereignissen des Jahres 1968 zurückgelegt hat. Es ist gut, dass die tschechische Literatur diesmal keine „brüderliche“ Hilfe von wem auch immer benötigt, um ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken. Sie muss es heute aus eigener Stärke schaffen, das Interesse von etwas dermaßen Ephemeralem und Unberechenbarem wie der Lesergemeinde zu rechtfertigen.

Eine nicht unerhebliche Frage dabei wird sein, wie das bevorstehende Auswärtsspiel der tschechischen Autoren neben der gegenwärtigen Szene der deutschsprachigen Autoren abschneiden wird. In der Vergangenheit ergaben sich – den beiderseitigen Sympathiebekundungen zum Trotz – offensichtlich unüberschaubare Differenzen. In ihrer Studie über das bereits erwähnte inoffizielle Treffen in Rüschlikon stellt die Literaturwissenschaftlerin Anne Hultsch fest, dass sowohl dieses Treffen als auch die erst 1990 nachgeholte Begegnung im Schloss Dobříš, die gewissermaßen das eigentliche Treffen der Gruppe 47 mit den tschechischen Autoren darstellte, einen grundlegenden Unterschied zwischen den beiden literarischen Gemeinschaften sichtbar machten.

Die deutsche Langeweile

Einerseits war vom „Neid der deutschsprachigen Kollegen auf das gesellschaftliche Prestige der tschechischen Autoren“ die Rede, ein Phänomen, das sowohl 1968 als auch 1990 beobachtet wurde, in den folgenden Jahren der Freiheit jedoch deutlich an Bedeutung verlor. Andererseits wird die „Langeweile“ hervorgehoben, mit der die tschechischen Autoren angeblich auf die Stilübungen und literaturtechnischen Etüden ihrer deutschsprachigen Kollegen reagierten. Welchen Befund mag die bevorstehende Konfrontation in Frankfurt nahelegen? Sind wir nun als Demokraten glücklicherweise zum gleichen Maße in der zu beklagenden Langeweile vereint?

Und wie wird sich die Chemie zwischen deutschen und tschechischen Autoren anfühlen, vorausgesetzt, dass sie, wie bereits 1968 beziehungsweise 1990, wieder ins Gespräch finden? Man darf gespannt sein, auch wenn es eher unwahrscheinlich erscheint, dass die gegenseitige Wahrnehmung und Empathie jemals so weit reichen werden wie im Falle des prominenten deutschen Romanciers Thomas Brussig, der 2015 in einem Interview für eine tschechische Zeitung erklärte, er fühle sich eigentlich wie ein Tscheche im Körper eines Deutschen.

Allerdings hat bisher wohl niemand seine Verbundenheit mit der tschechischen Literatur so weit getragen wie der ursprünglich aus Ostdeutschland stammende Reiner Kunze, der sich sogar zu der Behauptung verstieg, er habe die tschechische Sprache geheiratet. Seine Liebe gilt nämlich nicht nur seiner tschechischen Ehefrau, sondern auch der tschechischen Dichtung, insbesondere dem mährischen Poeten Jan Skácel. Doch man muss nicht gleich aufs Ganze gehen.

Jáchym Topol sagt: Es ist vielleicht fünf Minuten vor zwölf

Eins ist aber klar. Wir sitzen nun, in guten wie in schlechten Zeiten, gemeinsam im selben Boot. Das lässt sich zumindest aus dem Zwischenruf von Jáchym Topol lesen, einer der markantesten Stimmen der modernen tschechischen Literatur. Der Autor des mittlerweile als Kultroman geltenden Werks „Die Schwester“ und zuletzt bei Suhrkamp mit dem Titel „Die Hölle gibt es nicht“ vertreten, ist sich dieser Herausforderung, des Kampfes der Literatur für die eigene Berechtigung, sehr bewusst.

Auf die Frage nach seinen Erwartungen und Ambitionen im Hinblick auf den tschechischen Auftritt bei der Frankfurter Buchmesse betonte er, dass die tschechische Literatur diesmal ohne das russische „Trommelfeuer“ im Rücken nach Frankfurt komme, auch wenn dieses in der unmittelbaren Nachbarschaft nach wie vor große Schäden anrichte. Dennoch glaubt der gebürtige Prager, geprägt von Kafka, Hrabal und Hašek und selbst möglicherweise wider seinen Willen von einer apokalyptischen Sichtweise beeinflusst, dass tschechische Autorinnen und Autoren auch unter den gegenwärtigen, noch immer demokratischen Bedingungen vielleicht „fünf Minuten vor zwölf“ nach Frankfurt kommen.

Zahlreiche Bücher von Jáchym Topol liegen auf Deutsch vor.

Zahlreiche Bücher von Jáchym Topol liegen auf Deutsch vor.

© Katerina Sulova/imago

Der schwarze Witz bestehe nämlich darin, dass das Wesen der Literatur heutzutage nicht primär durch von Menschen geschaffene Diktaturen bedroht werde, sondern paradoxerweise durch eben jenes menschliche Vermögen und jene Wissbegierde, die zur Entwicklung der Künstlichen Intelligenz geführt haben. Diese könne dazu beitragen, dass die Literatur mit all ihren menschlichen Stärken und Schwächen eines Tages verschwindet.

Dieser Tag mag zwar noch in relativ weiter Ferne liegen, doch er könnte durchaus kommen. Deshalb sollten die tschechischen Autorinnen und Autoren nach Topols Wunsch in Frankfurt alles daransetzen, dass die Menschen auch künftig Freude an der Literatur und mit der Literatur haben können. Auf jeden Fall fühlt er sich privilegiert, dabei sein zu dürfen.

Man kann Jáchym Topol und seinem literaturbezogenen Enthusiasmus nur zustimmen. Er ist in einer Zeit, in der nicht nur weniger gelesen wird, sondern auch die Neugier geringer ausgeprägt ist als noch 1968, sehr ernst zu nehmen. Denn eine Welt, die liest und zugleich neugierig bleibt, hat deutlich bessere Chancen, mit sich selbst im Reinen zu sein, als eine Welt, die dies nicht tut. In diesem Sinne kann man Tschechien für seinen Auftritt in Frankfurt nur viel Erfolg und den Besuchern viel Spaß wünschen.

Tomáš Kafka ist Übersetzer und Schriftsteller, leitete den Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds in Prag, war Botschafter der Tschechischen Republik in Irland und bis 2024 in Deutschland.

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