Alle politischen Karrieren enden in Tränen, hat der konservative Politiker Enoch Powell einmal gesagt. Er bezog sich auf Margaret Thatcher, die feuchten Auges aus Downing Street befördert wurde - von ihren eigenen Parteigenossen. Tony Blair, ein bekennender Bewunderer der Eisernen Lady, hatte seinen letzten Arbeitstag immer selbst bestimmen wollen, bevor ihn Wähler oder Parteigenossen mehr oder weniger freundlich herauskomplimentieren. Der 52-Jährige wollte die politische Bühne verlassen, solange man ihn in guter Erinnerung hat. Maximal eine Legislaturperiode noch, sagte er vergangenes Jahr. Doch es ist schwierig, einen mächtigen Posten zu verlassen, wenn man sich selbst für unersetzlich hält. Er sei nie stärker von der Richtigkeit seiner Reformen überzeugt gewesen, hatte Blair noch im Dezember gesagt. Er kämpfe weiter an vorderster Front, von einem Rückzug in die "comfort zone" halte er nichts. In diesen Tagen dürfte er verwünschen, dass er sich keinen Zeitpunkt zum Abschied gesetzt hat. Das übernehmen jetzt womöglich andere.Mit der unappetitlichen Affäre um geheime Kredite - die vorbei am Labour-Vorstand angenommen wurden - ist genau das passiert, was Blair immer vermeiden wollte. Die Rücktrittsforderungen werden immer lauter. Es sind alles andere als die üblichen Verdächtigen. Selbst Blätter wie das konservative Magazin Economist, das Blair dank des Irak-Feldzuges gestützt hatte, riet dem Premier jetzt zur Übergabe an seinen wahrscheinlichen Nachfolger, Schatzkanzler Gordon Brown. Der linksliberale Guardian, treues New-Labour-Blatt, legte nach: "Neun Jahre sind genug." Der Autor des Leitartikels, Julian Glover, ist Autor einer Biografie von John Major, hat also Erfahrungen damit, wie Korruption einen Premier zerstören kann.Blairs Spendenaffäre - in der jetzt auch Scotland Yard ermittelt - wiegt darum so schwer, weil der alerte Premier 1997 angetreten war, mit den schmierigen Geschäften der Tories Schluss zu machen. Der Mann, der "reiner als rein", "weißer als weiß" sein wollte, hat jetzt selbst ziemlich viele Schmuddelflecken auf seiner Weste. Während Spenden binnen Jahresfrist deklariert werden mussten, durften Vorzugskredite in Höhe von umgerechnet 20 Millionen Euro bislang im Dunkeln bleiben. In vier Fällen wurden reiche Geldgeber vom Premier für prestigereiche Posten im Oberhaus nominiert. Blairs Beteuerung, dass das eine nichts mit dem anderen zu tun habe, ist wenig überzeugend.Der von Tony Blair autorisierte Spendeneintreiber Lord Michael Levy hat mit seinen Geheimkrediten ein Paralleluniversum in Downing Street aufgebaut, das nicht nur vor dem Labour-Schatzmeister Jack Dromey, sondern auch vor dem stellvertretenden Premier, John Prescott, geheim gehalten wurde. Die Liste der zwölf Geldgeber, die Blair im vergangenen Mai zur Wiederwahl verhalfen, liest sich wie das Who-is-Who der modernen Geld- und Businesselite; mehrere Finanzmagnaten, ein Modemogul, ein Supermarkt-Milliardär, ein Immobilienmakler. Zwar ist keiner von ihnen bislang für einen Lord-Titel vorgeschlagen worden. Aber es zeigt, wie fremd Blair den Wurzeln der traditionellen Arbeiterpartei, die jahrzehntelang von den Gewerkschaften bezahlt wurde, geblieben ist. Es zeigt auch - und das trifft die Partei und ihn deutlich mehr - wie dünn seine Machtbasis ist.Immerhin haben nicht alle im Blair-Kabinett den Humor verloren: "Ich musste kein Geld für meinen Titel zahlen", erklärte der Justizminister und Blair-Intimus, Lord Falconer, als er eine eilig herbeigeführte Reform der Vorschriften vorstellte. "Es reichte, (in den siebziger Jahren, d. Red.) mit Tony Blair eine Wohnung zu teilen." Doch es wird sich zeigen, wer zuletzt lacht.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]