Günter Fischbach macht in diesen Tagen unbezahlte Überstunden, genau wie seine 38 Kollegen von der Schöneicher-Rüdersdorfer Straßenbahn. Auch gestern stand der Betriebsratsvorsitzende von 10 bis 14 Uhr am S-Bahnhof Berlin-Friedrichshagen und sammelte Unterschriften zum Erhalt der Tram 88. Denn der Kreis Märkisch-Oderland - einer der vier Gesellschafter der Bahn - will seinen Zuschuss in diesem Jahr um 360 000 Mark auf 120 000 Mark kürzen. Das würde spätestens zum Jahresende das Aus der über 90-jährigen Straßenbahn bedeuten. Die anderen drei Gesellschafter sind die Gemeinden Schöneiche (Oder-Spree) und Rüdersdorf (Märkisch-Oderland) sowie der Kreis Oder-Spree. "Krisen hatten wir seit 1990 schon mehrmals, aber jetzt ist die Situation sehr bedrohlich", sagt Fischbach, der seit 22 Jahren bei der Schöneicher-Rüdersdorfer Straßenbahn beschäftigt ist. Er sieht keine andere Möglichkeit für die Mitarbeiter, als durch diese ungewöhnliche Aktion um die Tram und damit um die Arbeitsplätze zu kämpfen. Fast jeder Fahrgast, den Fischbach anspricht, setzt seine Unterschrift auf die Liste. Viele unterschreiben ohne Aufforderung. "Ich brauche täglich die Bahn, um nach Berlin zur Arbeit zu kommen", sagt die 20-jährige Stefanie Maylahn. Auf ständige ärztliche Betreuung ist die 62-jährige Eva Funke angewiesen. "Wenn die Bahn nicht mehr fährt, dann müsste ich mir ein Taxi nehmen, um ins Krankenhaus zu kommen", sagt sie. Bezahlen könnte das die Rentnerin nur schwer. Dreimal in der Woche fährt sie ins Rüdersdorfer Krankenhaus. "Wenn die Bahn eingestellt wird, dann brauche ich statt eineinhalb Stunden zweieinhalb bis drei Stunden zur Arbeit im Postfrachtzentrum in Rüdersdorf", sagt Sascha Blomann aus Berlin-Wedding. Sie haben alle unterschrieben.30-Minuten-Takt"Ich hätte nie gedacht, dass die Leute so zu ihrer Bahn stehen", sagt Fischbach, der sich über die Resonanz der Aktion freut. In der vergangenen Woche sammelten die Mitarbeiter schon mehr als 1 900 Unterschriften. Noch bis zum 20. Mai soll die Aktion fortgeführt werden. Die Listen liegen in den Straßenbahnen, in den Rathäusern der beiden Gemeinden, in Kitas, Sparkassen und in den Schulen aus. Fischbach hofft auf insgesamt 4 500 Unterschriften. Die sollen dann dem Kreistag Märkisch-Oderland in Seelow übergeben werden. "Wir kämpfen um den Erhalt der Straßenbahn, und wenn wir nach Potsdam gehen müssen." Durch die Sparpolitik des Landes sei auch der Öffentliche Nahverkehr betroffen. Wurden noch 1999 rund 96 Millionen Mark bereitgestellt, so sind es in diesem Jahr nur noch 38 Millionen Mark. Im nächsten Jahr sollen es lediglich 30 Millionen Mark sein. "So wollen uns Land und Kreis kaputtsparen." Das Argument, die Straßenbahn sei zu teuer, lässt Fischbach nicht gelten. "Wir haben abgespeckt, wo es nur ging", sagt er. So habe die Tram 1990 noch mehr als doppelt so viele Mitarbeiter beschäftigt als jetzt. Und es wird weiter gespart. Ab 28. Mai werden die Bahnen an den Wochenenden nicht mehr im üblichen 20 Minuten-Takt, sondern im Abstand von 30 Minuten fahren. Seit 1994 wurden mehr als 20 Millionen Mark investiert, vor allem in den Gleisbau und die Oberleitungen.Ein Streik für den Erhalt der Straßenbahn kommt für Fischbach allerdings nicht in Frage. "Wir müssen jede Mark einfahren. Vor allem wollen wir unsere vielen Fahrgäste nicht verärgern." Deshalb werden er und seine Kollegen weiter in ihrer Freizeit und während der Arbeit Unterschriften sammeln. "Noch habe ich Hoffnungen, dass die Bahn überlebt."TRAM 88 20 Haltestellen // Die Tram 88 ist eine von drei so genannten Landstraßenbahnen in Brandenburg. Die beiden anderen verkehren in Strausberg und von Woltersdorf (Oder-Spree) nach Berlin-Rahnsdorf.1,1 Millionen Menschen nutzen jährlich die Tram zwischen Alt-Rüdersdorf und Berlin-Friedrichshagen.Die Strecke ist 14,5 Kilometer lang und hat 20 Haltestellen. Eine Fahrt von Friedrichshagen bis Alt-Rüdersdorf kostet drei Mark.
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