BERLIN, 18. Oktober. Deutschland tut laut Experten zu wenig gegen die wachsende Korruption in der Wirtschaft. "Die Häufung der Korruptionsfälle in Dax-Unternehmen hat manche überrascht. Uns hat sie nicht überrascht", sagte der stellvertretende Vorsitzende des deutschen Büros von Transparency International (TI), Peter von Blomberg am Dienstag. Die Zahl der Fälle, die an die Öffentlichkeit dringen würden, werde weiter steigen. Im neuen Korruptionswahrnehmungsindex der Organisation, der sich auf Befragungen von Unternehmern und Analysten stützt, fiel Deutschland zudem von Platz 15 auf 16 zurück.Im internationalen Vergleich der Liste mit 158 Ländern schnitt Deutschland damit zwar besser ab als die USA (Platz 17), Japan (21) oder Spanien (23), aber schlechter als Großbritannien (11) oder die Schweiz (7). Von Blomberg verglich das Abschneiden mit einem halbvollen Glas: "Es ist aber eben auch halbleer." Der TI-Vorsitzende Hansjörg Elshorst meinte zudem, nur fünf Prozent der Korruptionsfälle in Deutschland würden aufgedeckt.Kronzeugenregelung gefordertAngesichts der jüngsten Skandale bei VW, BMW, DaimlerChrysler, Infineon und Siemens und einem Anteil der Privatwirtschaft an allen Korruptionsfällen von über 60 Prozent sagte von Blomberg, die Bestechung von Privat zu Privat habe erheblich an Bedeutung gewonnen. Darauf müsse mit neuen Gesetzen reagiert werden.Er forderte ein Zentralregister, das Unternehmen, die in schwere Korruptionsfälle verwickelt wurden, von öffentlichen Aufträgen zeitweilig ausschließt. Die Wirtschaft wehre sich aber dagegen, weil das für manche Unternehmen existenzgefährdend sein könne. "Transparency International hält dagegen korrupte Unternehmen und deren Arbeitsplätze nicht für schutzwürdiger als konkurrierende Unternehmen, die auf Korruption verzichten."Zudem müsse es eine Kronzeugenregelung geben, die Beteiligte zur Aussage ermutige. Auch Hinweisgeber müssten besser gegen Repressalien geschützt werden. "Sorgen machen uns auch Schwierigkeiten bei der Verfolgung von Auslandsbestechung", sagte von Blomberg. Zwar werde Bestechung im Ausland seit Jahren auch hier bestraft, es habe aber beispielsweise 2003 nur drei Verfahren gegeben: "Der Verdacht liegt nahe, dass der Informationsaustausch nicht funktioniert." Eine Lösung auf OECD- oder EU-Ebene sei deshalb erstrebenswert.Die nordeuropäischen Länder belegten im Korruptionswahrnehmungsindex wie bereits in den letzten Jahren die Spitzenplätze. Viel beachtet dürfte angesichts der Diskussion um die EU-Mitgliedschaft der Türkei zudem sein, dass die Türken sich deutlich auf Platz 65 verbesserten und noch vor dem bereits beigetretenen Polen lagen. Russland fiel vom 90. auf den 126. Rang zurück - hinter extrem arme Länder wie Uganda, Namibia oder Ruanda.Der entwicklungspolitische Sprecher der Union, Christian Ruck, forderte, die Korruptionsbekämpfung müsse Schwerpunkt deutscher Entwicklungspolitik sein. "Korruption stellt ein unvermindert hohes Risiko für die Entwicklung dar, insbesondere beim Wiederaufbau nach Krisen und Katastrophen wie im Irak und nach dem Tsunami in Asien."------------------------------Weltweites ProblemZiel: Herausgeber des Korruptionswahrnehmungsindex ist Transparency International. Die Organisation (Sitz in Berlin) sieht Korruption als Grund für Armut und setzt sich weltweit für die Bekämpfung von Vetternwirtschaft und Bestechung ein.Methode: Die Studie misst nicht die tatsächliche oder strafverfolgte Korruption, sondern basiert auf Befragungen von Geschäftsleuten und Wissenschaftlern. Bei einem Wert von 3 oder darunter besteht ein schweres Korruptionsproblem. Dies trifft auf fast die Hälfte der Länder zu.------------------------------Grafik: Rangfolge der Unbestechlichen 2005------------------------------Foto: Allianz-Arena in München: Der Bau wurde von einem Schmiergeld-Skandal begleitet.
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