Gysi sei der Schill des Ostens, und eine Ausgrenzung der PDS sei legitim, "wenn sie im Interesse der demokratischen Ordnung geboten scheint", schreibt der Bremer Historiker Paul Nolte in der FAZ. Er schreibt dabei nichts von einer Ausgrenzung Schills. Im Ostteil wählte jeder Zweite sozialistisch, kaum einer rechts, dieser substanzielle Unterschied in der demokratischen Willensbekundung macht deutlich, dass Noltes Betrachtungswinkel ausufernd barock ist, etwa dem Demokratieverständnis eines Beraters des Fürsten von Schaumburg-Lippe vor 1848 entspricht. Solche Experten meinte Heiner Müller vermutlich, als er auf Westreisen aufstöhnte: "Von Idioten umzingelt".Und Nolte weiß mehr, und schreibt es auch. Er macht bei seinen bremischen Ermittlungen die PDS als "eine neuproletarische Klassenpartei" aus (und also gibt es auch wieder Klassenkampf?). Das Dilemma des Ost-West-Verhältnisses liege darin, dass "das eigentliche Ost-Berlin nach wie vor unberührt von westlichen Kontakten" sei, einfach bloß so in die "östliche Peripherie weiterwuchs". Die "Menschen" in Ost-Berlin (Bürger können es ja nicht sein) wären nach 1990 mit der amerikanischen Kultur ja noch gar nicht in Berührung gekommen, "keine Verwestlichung des Lebenstils" habe sich vollzogen. Und so war es immer. "Schon im späten Kaiserreich und in der Weimarer Republik gab es unsichtbare Grenzen in der Stadt, die trotz dichter werdender Netze der S- und U-Bahnen kaum überschritten wurden - in jeder zeitgenössischen Beschreibung Berlins, von Alfred Kerr bis Alfred Döblin, tritt das deutlich hervor. Schon 1920 war der Alexanderplatz, ganz wie heute, der Punkt, der für das westliche Berlin den äußersten Osten markierte: Hinter ihm begann das unbekannte Land. Die Trennung galt nicht nur für Wohnen und Arbeiten, sondern auch für Freizeit und Konsum." 1945 sei sie von den Besatzungsmächten "geerbt", später das "Gefälle der sozialen Schichtung" in die neuen Plattenbaubezirke nur verlängert worden.Seltsam, dass Nolte zwischen West- und Ost-Berlin ein Sozialgefälle sehen will, wo die ärmsten Viertel heute in West-Berlin liegen: Wedding, Kreuzberg, Neukölln. In Hellersdorf geht es den Leuten beinahe so gut wie denen in Zehlendorf, sagt die Statistik. Noltes historisch-literarischer Abgrenzungsversuch ist der Wunsch nach Glück allein, schöner alter Zeit, Geborgenheit. Erich Kästner ließ 1932 seine Romanfigur Jakob Fabian aus der Schaperstraße 17, bürgerlicher Westen, die Berliner Teilungen so klassifizieren: "Im Osten residiert das Verbrechen, im Centrum die Gaunerei, im Norden das Elend, im Westen die Unzucht".
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