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Kürzlich trafen sich zum gemeinsamen Billardspiel im ehemaligen Haus der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft, dem heutigen Logenhaus der Freimaurer „Teutonia zur Weisheit“ in Potsdams Mitte, zwei ältere Herren.
Einer der beiden war mit der DDR-Staatsdoktrin in Konflikt geraten, setzte sich mutig für freie Meinungsäußerungen ein, emigrierte mit einem Ausreiseantrag in die Bundesrepublik Deutschlands. Dort lebte er mit seiner Familie in der Nähe Hamburgs und kam nach der Einheit wieder in die Stadt seiner Jugend zurück. Er verdiente seine Brötchen in der schriftstellerischen Zunft.
Der andere war im Staatssystem der DDR involviert. Er engagierte sich in der Gewerkschaft, war Vorsitzender eines Komitees zum Neuaufbau des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes in der Wendezeit. Später überführte er die Industriegewerkschaft Druck und Papier der DDR in die IG Medien der Bundesrepublik. Nachdem die Einheit Deutschlands in trockenen Tüchern war, lenkte ihn sein arbeitssuchender Weg ins Rheinland. Von dort kehrte er nach 20 Jahren in seine Heimat zurück.
Mit dem Glück des Anfängers
Bei ihrem Treffen umarmten sich beide, was an sich nichts Außergewöhnliches war, weil sie sich bei ihrem kürzlichen Kennenlernen sympathisch fanden. Beide sind sie auf verschiedenen Straßenseiten des Lebens ihren Weg gegangen, waren Suchende, dem Lebensglück auf der Spur.
Nunmehr standen sie an einem Billardtisch, den Billardstock zögerlich in den Händen. Wer führte den ersten Stoß? Wolfgang übernahm den Anstoß. Seine Spielweise wirkte auf mich doch schon etwas professionell. Leicht beschwingt vom Vergnügen unseres Treffens, verbunden mit dem Glück des Anfängers, hatte ich endlich eine Kugel in die Seitentasche des Spieltisches versenkt.
In einer Ecke nahmen wir nach erfolgreichem Spiel, einer gewann, der andere war Sieger, entspannt zum ersehnten Gespräch Platz. Wolfgangs Fragen forderten zum Nachdenken heraus, nicht vordergründig vom Standpunkt des Wanderers der vermeintlich richtigen Straßenseite. Er beherrschte das Hinterfragen. Woher nahm dieser Mann, den ich erst kürzlich kennenlernte, diese Ruhe? Provokant angenehm. Da hört einer zu!
Es waren unsere Lebenserfahrungen in Ost und West, die eine Kommunikation bereicherten. Welche Gefühle haben ihn in den Achtzigerjahren im Schnellzug in den Westen bewogen? Der eine verlässt diesen Staat, der andere vertritt ihn. Keiner hatte die Wahrheit gepachtet. Mehr noch: Selbst wo Zweifel keimten, blieb eine Rechthaberei aus.
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Die Macht der demonstrierenden Straße
Als die Mauer fiel war ich in Hamburg, die Wende erlebte ich aus westdeutscher Perspektive. Wie hast du in Berlin die Ereignisse erlebt? Hattest du auch nach der Grenzöffnung noch Hoffnungen auf eine Verbesserung dieses Staates?
Selbst 1990 im Februar auf dem Gewerkschaftskongress im Palast der Republik in Berlin hatte ich noch die Vision von einer besseren DDR. Meine Vorstellungen am Pult des Palastes zerbröselten an der Realität. Zwei Ereignisse brachten mich auf den Boden der Tatsachen.
Berliner Müllmänner in ihren knalligen Arbeitsklamotten stürmten in den Saal und skandierten, dass sie ihre Familien nicht mehr ernähren können, weil ihre Löhne nicht reichten. Die Angst in den Gesichtern der gestandenen Mannsbilder werde ich nicht vergessen.
Das Zweite war der Anruf, der meine Rede unterbrach, als der damalige Ministerpräsident Hans Modrow nach seinem Gespräch in Moskau verkündete, dass die DDR nach dem Anschlussverfahren zur Einheit Deutschlands gelänge. Aus dem Ruf der Straße „Wir sind das Volk“ drang recht schnell „Wir sind ein Volk“.
Überhaupt gestehe ich ein, dass ich die Macht der demonstrierenden Straße unterschätzte. Auf der Großdemonstration am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz in Berlin kippten meine bisherigen Vorstellungen, obwohl ich auch hier noch hoffende Stimmen auf Veränderung der DDR vor Ort heraushörte.
Den kleinen Spalt eines offenen Fensters der Weltlage haben dann vernünftige Akteure genutzt. Mit der entstandenen weltpolitischen Lage, den polnischen Stürmen, den Verwerfungen in der UdSSR, der Politik der friedlichen Koexistenz des Westens hatten sie den notwendigen Rückenwind ihres Handelns. Das alles traf auf eine wirtschaftlich kaum mehr zu beherrschende Lage im östlichen Teil Deutschlands, gepaart mit einer diesen Umständen entsprechenden Grenzöffnung.
Demonstration für freie Wahlen auf dem Alexanderplatz am 4. November 1989.
© Sven Simon/imago
Eine Beschleunigung, die staunen lässt
Gemeinsam mit den Veränderern habe ich eingesehen, dass dieses Momentum eine Chance beinhaltete. Dafür lohnte es sich, die Vision von einer besseren DDR in meinem Kopf gedeckelt zu haben. Diese Vorgänge vollzogen sich gleichwohl mit einer Beschleunigung, über die ich selbst erstaunte. Dem verschloss ich mich nicht, weil auch das veränderte Umfeld die Richtung vorgab. Vielleicht war die Anerkennung der Realität, das Nichtfesthalten an den Irrtümern schon etwas respektvoll zu Nennendes? Das Heute glättet, spitzt zu, verdrängt. In der Gegenwart stehen Erinnerungen wie im gleißenden Licht. Da verschieben sich manche Anschauungen, zugegeben.
Wenn ich indes über Unterlassungen, Versäumnisse nachdenke, dann drängt sich mir meine viel zu hingebungsvolle Haltung im Einigungsprozess auf, die ich als Gewerkschaftsfunktionär, immerhin mit etwas internationaler Erfahrung, einging. Von den Ereignissen gefangen, die Existenzangst im Nacken, kritiklos, blieb ich schweigsam über den sozialen Absätzen im Einigungsvertrag hängen. Mir erschienen die Kapitel alternativlos. Der Prozess beherrschte das Nachdenken darüber.
Warum bin ich den Einheitsschacherern aus dem Westen zu zaghaft, fast untertänig begegnet? Sie nutzten den Vorgang der Einheit Deutschlands zum Durchsetzen ihrer Ansprüche. Sie entzogen den Gewerkschaftsmitgliedern ihr Eigentum. Sie verstärkten die sozialen Konflikte in Ostdeutschland. Mit übermäßiger Rücksicht gehörte ich mit vielen ostdeutschen Gewerkschaftern zu den in der Verharrung Liegenden, wo selbstbewusstes Mitwirken eines Einigungsprozesses dringend erforderlich war. Mein Leitspruch war damals: „Lieber der Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach.“ Ironisch füge ich an, dass selbst mein erhofftes Spätzlein vor den Gegebenheiten wegflog, die hohle Hand blieb.
Was ist das für eine verklärende Rückschau
Ebenso freundlich, wie ich Wolfgang antraf, verabschiedeten wir uns für das nächste Treffen. Sein Weg hat meinen nicht gekreuzt, aber berührt. Angekommen sind wir beide im Heute mit der Erfahrung des miteinander Redens, des Zuhörens, des einander Respektierens.
In einem Interview antwortete ich kürzlich, ob Deutschland nach nunmehr 35 Jahren ein vereintes Land sei, mit einem klaren Nein. Ich lebte 40 Jahre im Osten und fast 40 Jahre im vereinten Deutschland, davon 20 im Westen: arbeitete, liebte, lernte Menschen kennen mit unterschiedlichen sozialen Herkünften, kulturellen Ansprüchen. Ihre differenzierten Lebenserfahrungen empfand ich als eine Bereicherung. Meine Identität schöpfte ich aus dem realen Leben in beiden Teilen.
Daher erregen mich Ungerechtigkeiten, über die ich noch immer den Kopf schüttle. Warum werden die Lebensleistungen der Menschen im Osten wie im Westen immer noch nicht gleichermaßen respektiert? Da höre ich das Palavern in ostalgischen oder westalgischen Tönen. Was ist denn das für eine verklärende Rückschau? Ein menschliches Miteinander wäre doch das Gebot der Stunde in Zeiten wo die Angst, die Zwietracht, die Gewalt zu dominieren beginnen.
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Ungerechtigkeiten sind menschengemacht
Aus meinen Erfahrungen ist erklärbarer, dass Gerechtigkeitsempfinden dort stärker ausgeprägt ist, wo der Rückgriff auf Vermögen und Eigentum geringer vorhanden, wo unterschiedliche Rentenberechnungen Menschen kategorisieren, wo Löhne ungerecht berechnet, wo Frauen weniger verdienen, wo Integration vernachlässigt wird. Mosaiksteine, die für mich kein anständiges Bild ergeben. Ungerechtigkeiten sind menschengemacht und nicht von göttlicher Unantastbarkeit.
Eine weitere sehr sensible Frage, die oft umgangen wird, ist die Aussöhnung der Ostdeutschen untereinander. Sie wird oft mit Schuldzuweisungen, Sühnevorstellungen belastet. Straftaten in der SED-Diktatur sind zu Recht verurteilt. Es wäre doch denkbar, dass die Aufarbeitungsinstitute bzw. eine Enquetekommission ihre Berichte den Parlamenten mit den entsprechenden Wiedergutmachungen abschließend vorlegen. Die Bundesarchive würden ihre Aufgabe erfüllen, indem sie das Gewissen der Nation präsentieren. Historiker könnten die Geschichte Deutschlands aufarbeiten. Zugegeben, dass es Anstrengungen sind, die über Jahrzehnte wirken, mühsam, mit Anstand und Vernunft lösbar – ich bin optimistisch.
Auch wenn ich heute sage, Deutschland steht am Anfang eines Einigungsprozesses. Die Vereinigung beider deutscher Staaten ist für mich eine großartige historische Leistung von vernünftigen Menschen, vor allem denen in Ostdeutschland. Sie vollzog sich ohne Blutvergießen, den Erdenbürgern, die daran Anteil hatten, gebührt mein Respekt. Friedenstiften und Versöhnen sind die höchsten menschlichen Leistungen.
Werner Peplowski, 1944 in Dresden geboren, studierte Biologie und Grundlagen der landwirtschaftlichen Produktion in Potsdam. Danach war er Vorsitzender der Industriegewerkschaft Druck und Papier der DDR. In der Wendezeit wurde er zum Vorsitzenden des Vorbereitungsausschusses für den Außerordentlichen FDGB-Kongress 1990 gewählt und überführte im Sommer 1990 die IG Druck und Papier der DDR in die IG Medien der BRD. Nach einer Zeit der Arbeitslosigkeit fand er 1991 eine Anstellung als Handelsvertreter an einem Schulmittelverlag im Kölner Raum.
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