"Trittschall im Kriechkeller", das neue Album von Heinz Strunk

Wenn die Milch überkocht

Nils Michaelis
3 Min

Sind sie zu stark, bist du zu schwach", so lautete dereinst ein Werbeslogan für sinnlos scharfe Hustenbonbons. Wer es schafft, besagte Mentholpastillen in einem Stück auf der Zunge zergehen zu lassen, der wird vielleicht auch die 28 Hörspiele aushalten, die Heinz Strunk unter dem Titel "Trittschall im Kriechkeller" versammelt hat: ein Meilenstein offensiv betriebener Selbstentblößung.Dabei beginnt alles recht harmlos. Es sind wieder die Strunk-typischen Notizen aus der Provinz, bevölkert von Typen, deren mühsam erlangte Normalität immer auch ein brodelndes Verlangen nach Ausbrüchen deckelt. Im ersten Stück führt uns Strunk durch seine Wohnung, in der zunächst ein Gartenzwerg-Spalier wartet ("ich freue mich jedes Mal auf ihre freundliche, unkomplizierte Art") und dann die pflegebedürftige Mutter, um die sich der längst erwachsene Sohn kümmert. Zum schrägen Vogel ist er darüber geworden, einer, der vom anderen Geschlecht geflissentlich übersehen wird. Was folgt, sind Triebstau und dem Surrealismus zuneigende Techniken der Kompensation: Milch überkochen lassen, wenn einem langweilig ist, oder Drähte isolieren - der ganz normale Wahnsinn mancher Hobbykellerparallelwelten. Schon Max Goldt und Helge Schneider begründeten ihre Karrieren damit, sich um diesen Weltenausschnitt zu kümmern.Längst spielt Heinz Strunk in deren Liga. Mit einer wöchentlichen Sendung für das Berliner Jugendradio Fritz, dem "Fleischmann-TV" für Viva, vor allem aber seinen Beiträgen für das hochbizarre Telefonstreich-Trio Studio Braun avancierte er zu einer Art Underground-Star. Vorläufiger Höhepunkt war die Theateradaption seines Bestsellers "Fleisch ist mein Gemüse" durch das Hamburger Schauspielhaus. Eigenwillige Gags für Leute mit Abitur. So hätte es getrost weiter gehen können, geht es aber nicht. Zu Strunks aktuellem Werk hätte eigentlich der Titel einer älteren Studio Braun-Platte gepasst: "Fear Of A Gag Planet". Wie Studio-Braun-Mitglied Rocko Schamoni schon vor Jahren davon sprach, aus dem "Ironie-Knast" ausbrechen zu wollen, schlägt einem jetzt auch bei Strunk das Unbehagen an Witz- und Pointenhaftigkeit entgegen.Ausbruch aus dem Ironie-KnastDer neue Ernst betrifft dabei insbesondere das Verhältnis des Erzählers zum Erzählten: Hier wird eher aus einer Protagonisten- denn aus einer ironisierenden Reporterperspektive berichtet. Darüber könnte zunächst das beeindruckende Schauspieler- und Beobachtertalent Strunks hinwegtäuschen, mit dem er verschiedenste Unterschichtentypen zu imitieren vermag. Die Weise, wie er stottert, wie er verschämt gluckst, notdürftig Rülpser unterdrückt, debil über misslungene Gags hinweg lacht, ist präzis, ja virtuos dem Leben der Hobbykellermenschen abgeschaut.Oder vielleicht sollte man besser sagen: Strunk hat sich seinen Typen anverwandelt - denn einige Themen beginnen, sich auf zwangsneurotische Weise zu wiederholen. Die Onanistennöte des verpickelten jungen Mannes ("immer nur melken, melken, melken - und die Biester stolzieren einem vor der Nase herum") münden in Motive dunkelster Agonie ("die schönste Sekunde ist, wenn der Schuss fällt und mein erlöster Leib in die erhabene polnische Erde fällt").Für den Ausbruch aus dem Ironie-Knast hat Strunk einen Stollen durch den Kriechkeller seiner eigenen Traumata und Neurosen gegraben. So schmerzlich persönlich das bisweilen ist, so ungemein treffend porträtiert Strunk das Denken, Fühlen und Ausbrechen derer, die von den bürgerlichen Medien allenfalls unter ethnologischen Aspekten begutachtet werden - Stichwort "Unterschichtenfernsehen". Ein erhellendes, ein verstörendes und manchmal sogar ein lustiges Werk. Wenn man es durchsteht.Heinz Strunk: Trittschall im Kriechkeller (Trikont/Indigo)

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