Der geplante Windpark in der Niederen Börde nördlich von Magdeburg treibt die Menschen vor Ort weiter um. Eigentlich sollte die Infoveranstaltung am vergangenen Montag mehr Klarheit bringen und Zweifel unter den Anwohnern zerstreuen. Die Initiatoren einer Petition gegen das Vorhaben bewerten den Abend jedoch eher als Verkaufsevent denn als Versuch der Aufklärung. Der Gemeindebürgermeister hält trotz Gegenwinds an dem Projekt fest, wenn auch unter Vorbehalt.
„In meiner Brust schlagen zwei Herzen“, sagt Stefan Müller, seit 2018 Bürgermeister der Niederen Börde. „Ich kann sowohl die Positionen der Befürworter als auch die der Gegner nachvollziehen.“ Die Sorge um die gewohnte Aussicht, um Einschnitte bei der Lebensqualität und um einen möglichen Preisverfall der angrenzenden Grundstücke sei aus seiner Sicht verständlich.
Minus im Haushalt
Als Gemeindeoberhaupt müsse er jedoch auch die Finanzlage im Blick behalten. „Die ist angespannt, wir schwimmen nicht im Geld“, sagt er im Gespräch mit dieser Zeitung. Die Niedere Börde habe die Haushaltskonsolidierung zwar jüngst überwunden, der aktuelle Haushalt weise aber dennoch ein Minus von 542.000 Euro auf. Den Windpark sieht er auch im Zusammenspiel mit dem geplanten Rechenzentrum in der Hohen Börde als Chance, die Wirtschaft in der ländlich geprägten Region anzukurbeln und Arbeitsplätze zu schaffen.
Wird das Projekt wie angekündigt umgesetzt, könnte das laut KB Renewables jährlich bis zu 290.000 Euro in die Gemeindekasse spülen. „Wir haben einen hohen Nachholbedarf bei der Infrastruktur. Straßen müssten saniert, repariert oder erneuert werden.“ Das gelte auch für die betroffene Ortschaft Gutenswegen.
Ja unter Vorbehalt
Müsste heute über den Projektstart abgestimmt werden, würde Stefan Müller seine Hand dafür heben. Das wäre jedoch nur der erste Schritt in einem langen Prozess. Danach müsste per Bebauungsplan über Details wie Zahl und Höhe der Windräder entschieden werden, mit einem Zeithorizont von vier bis fünf Jahren.
Den Infoabend habe er persönlich gemischt erlebt. Aus seiner Sicht seien die Gegner recht präsent gewesen, die Befürworter eher im Hintergrund geblieben. „Im Anschluss sind noch einige Anwohner im Raum geblieben, die das Projekt befürworten“, sagt er. Ob es sich dabei um Verpächter der Flächen gehandelt habe, könne er nicht ausschließen.
Vorwürfe gegen den Ortsbürgermeister
Ebenfalls im Fokus stand an diesem Abend der Ortsbürgermeister von Gutenswegen, Andreas Leonhardt. Manche Anwohner fragten ihn, inwiefern er ein persönliches Interesse an dem Projekt habe. „Das waren teilweise Angriffe unter der Gürtellinie“, sagt er. Alles Weitere müsse er noch sacken lassen. Er befürworte das Projekt, würde im Gemeinderat aber dagegen stimmen, sollte sich eine Mehrheit des Dorfes dagegen aussprechen. Die erwähnte Petition müsse er jedoch erst prüfen.
Neben seinem Amt als Ortsbürgermeister ist Leonhardt (Einzelbewerber) Vorsitzender der CDU-Fraktion im Gemeinderat, die mit zehn von 19 Sitzen die größte Fraktion stellt. „Einen Fraktionszwang gibt es bei uns nicht. Jeder stimmt, wie er es für richtig hält.“
Dem Ortsbürgermeister wurde zudem vorgeworfen, sich häufiger an seinem Zweitwohnsitz in Magdeburg aufzuhalten als im Ort selbst. Der Windpark habe für ihn deshalb keine Auswirkungen, so der Vorwurf. Er entgegnet: „Mein Zweitwohnsitz in Magdeburg hat private Gründe. Ich arbeite aber tagsüber in meiner Versicherungsagentur in Gutenswegen und bin am Wochenende auch kommunalpolitisch dort eingebunden. Mein Hauptwohnsitz ist und bleibt in Gutenswegen.“
Kritik am Infoabend
„Bei uns ist der Eindruck entstanden, dass der Montagabend eher als Verkaufsveranstaltung und weniger zur Aufklärung genutzt wurde“, sagt eine Anwohnerin, die zu den Initiatoren einer Petition gegen den Windpark gehört. Sie möchte anonym bleiben, ihr Name ist der Redaktion bekannt. „Auf die möglichen Nachteile ist aus unserer Sicht nicht genügend eingegangen worden.“ Gegen Ende des Abends habe man die Diskussion abgewürgt. „Auswirkungen auf die Lebensqualität und die Gesundheit wurden nicht ausreichend beleuchtet. Was passiert eigentlich, wenn eine dieser Windkraftanlagen brennt? Wer ist dafür zuständig?“
Windrad-Wirbel in Sachsen-Anhalt: Ein Dorf stellt sich quer
Ich, Don Quichotte – Wie meine Heimat durch Windräder zerstört wird
Zwar habe es die Möglichkeit gegeben, Fragen zu stellen, gibt sie zu bedenken. „Wir sind jedoch alle ganz normale Bürger, auf der anderen Seite stehen vorrangig Profis.“ So bleiben auch nach dem Montagabend viele Fragen offen, die der Petition weitere Unterschriften zutreiben. Mehr als 300 sind es laut Angaben der Gruppe bislang. „Unsere Position bleibt gleich: Wir lehnen das Projekt weiterhin ab.“
Das ist geplant
Das Unternehmen KB Renewables plant zwischen Gutenswegen und Ackendorf einen Windpark auf rund 220 Hektar. Im Gespräch sind neun Anlagen mit einer Höhe von bis zu 250 Metern, die vorrangig ein geplantes Rechenzentrum in der Hohen Börde mit Strom versorgen sollen. Der Betrieb könnte in etwa fünf Jahren starten. Der Großteil der Fläche ist bereits gepachtet, als Nächstes steht der Bebauungsplan an.
Der Niederen Börde stellt das Unternehmen jährlich bis zu 290.000 Euro in Aussicht, ein Viertel davon – rund 70.000 Euro – soll direkt an Gutenswegen gehen. Anwohner sollen sich zudem beteiligen oder einen Strombonus von bis zu 150 Euro erhalten können. Am vergangenen Montag äußerten viele Einwohner Sorgen über Lärm, Schattenwurf, sinkende Grundstückspreise und die Bebauung des Bördebodens.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]