Es hat mir nicht gefallen", sagt der tschechische Student Daniel Masar. Er vermisse eine ernsthafte historische Bestandsaufnahme zum 50. Jubiläum der Bundesrepublik. Beim Bier, im Schatten des Martin-Gropius-Baus, denkt er über die eben gesehene Ausstellung "Einigkeit und Recht und Freiheit" nach. Die deutschen und tschechischen Studenten, die neben ihm sitzen, sind sich bewußt, daß wenige Meter von ihnen die Mauer verlief und man in die Keller der einstigen Gestapozentrale blicken kann.Etwa vierzig Studenten aus Prag, Düsseldorf und Bonn haben sich in diesem Monat in Berlin getroffen, um "Schlüsselschauplätze" der deutschen Geschichte kennenzulernen. Exkursionen dieser Art sind bekannt, mitunter nur ein Abklappern von Stätten vom Pariser Platz zum Nikolaiviertel, vom Reichstag zum Checkpoint Charlie. Doch diese Begegnung sollte einen anderen Anspruch haben als den der pflichtschuldigen Beschäftigung mit der Vergangenheit und des unverbindlichen Austauschs. Sie war Teil eines Programms zwischen dem Institut für internationale Beziehungen der Karls-Universität Prag und dem Institut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.Symbole des KonsumwahnsDer Studentenaustausch ist äußerst beliebt unter den Prager Studenten, die sich auf eine "Tätigkeit im Schnittfeld Tschechien-Deutschland" vorbereiten. Nur jeder zehnte Bewerber kann genommen werden. Die deutschen Teilnehmer studieren überwiegend Geschichte. "Solche Treffen sind ein guter Weg, eigene Sichtweisen in Frage zu stellen", sagt der Düsseldorfer Dozent Thomas Brockmann, der in Prag Vorlesungen über die Geschichte der Bundesrepublik 1969-1982 gehalten hat. Bereits im Gespräch mit einem der Ausstellungsgestalter im Martin-Gropius-Bau, Wilfried Rogasch, wird klar: Der Blick der Prager Studenten ist äußerst kritisch. Zwar fällt der Besuch in der Ausstellung recht kurz aus, aber schon dieser fordert sie zu Einwänden heraus. Daniel Masar, der auch an einem Projekttutorium der Humboldt-Universität über deutsch-tschechische Beziehungen teilnimmt, erläutert, was ihn an der Ausstellung stört: daß vor allem oberflächliche Eindrücke bleiben der VW Polo und beleuchtete Plastikeimer , Symbole des "Konsumwahns". Der "normale Bürger" schaue nicht hinter die Dinge. Masar vermißt Fragen nach der Verantwortlichkeit für die Teilung Deutschlands oder eine ausreichende Darstellung der europäischen Integration. Mehrmals spricht ein anderer Student aus Prag über sein Unbehagen angesichts des Ausstellungstitels "Einigkeit und Recht und Freiheit". Das sei zwar eine Zeile der Nationalhymne, aber doch nicht der DDR, sagt er. Also werde hier die westdeutsche Sicht auf die geteilte deutsche Entwicklung schon im Titel festgeschrieben. Rogasch gibt zu, daß die Ausstellung "irgendwie ein Werk der Westdeutschen" sei. Die Deutschen haben sich aber nun unter dieser Hymne geeinigt. Zudem könne man, wenn man nur aufmerksam durch die Ausstellung gehe, viele der angesprochenen Fragen beantwortet sehen. Die Bonner Republik sei übrigens alles andere als nationalistisch gewesen. Adenauer und Kohl hätten die Deutschen immer "als unsichere Kantonisten" gesehen und auf die Westintegration gesetzt.Es geht jedoch um ein Gefühl. Viele der Tschechen stören sich an der "deutschen Erfolgsstory" der Nachkriegszeit, vermissen ein kritisches Verhältnis der Deutschen zu sich selbst. Dieses sei nur am Rande zu entdecken, etwa an der Darstellung des Verhältnisses zu den Gastarbeitern im Westen in den Sechzigern oder der Übergriffe gegen Ausländer im Osten in den Neunzigern.Auch deutsche Studenten stimmen in die Kritik ein, wie der Bonner Holger Impekoven. Er sagt: "Man sieht nur das, was man weiß." Die Ausstellung biete eine Fülle von Ansätzen für Erinnerungen, aber nur wenig Informationen. Sie gebe die Möglichkeit, sich aus vielen Wegen der Aneignung seinen eigenen zu suchen, eben auch kritische Momente zu entdecken, lasse aber viele Besucher draußen, die nicht in Deutschland großgeworden oder einfach zu jung seien, bei denen der "Effekt des Wiedererkennens", von dem Wilfried Rogasch spricht, also nicht funktioniert. Als "Skandal" empfinden beide Seiten, daß Untertitel nur in deutscher Sprache existieren. Immerhin sei fast jeder dritte nachmittägliche Besucher Ausländer. Die Deutschen bleiben unter sich, fühlen die Prager Studenten. Daß sie so sensibilisiert sind, liegt auch daran, daß sie ähnliche Erfahrungen wie die Ostdeutschen haben. Zur Umbruchzeit in der Tschechoslowakei 1989 waren sie zwölf bis 18 Jahre alt. Der Prager Student Roman Niebauer ist durch die Ausstellung gegangen, auf der Suche nach dem, was "ostmäßig" war. Er beobachte sehr genau, was im Osten Deutschlands passiere, sagt er. Von 1988 bis 1992 habe er hier gelebt. Vor dem Ausstellungs-Regal mit den Ostprodukten, die den Sprung in die neue Konsumwelt schafften, entspinnt sich ein kleiner vergleichender Disput über "Club-Cola" in der DDR und "Kofola" in der CSSR. Eine Studentin entdeckt die Ost-Wäscheschleuder, die die Eltern zu Hause hatten. Man spricht über Trabis und Skodas."Wir haben nicht gekämpft"Die tschechischen Studenten nutzen den Aufenthalt in Berlin auch, um sich selbst zu befragen. Jede Nation müsse zunächst die Frage ihrer eigenen Identität lösen, bevor sie in einer Integration aufgehe, sagt die Prager Magisterstudentin Sarka Dankova. Slowaken und Tschechen müßten sich klarmachen, woher sie kommen, wer sie sind und ob sie Grund haben, auf ihre Geschichte stolz zu sein. Das habe sie erkannt, als sie vor vier Jahren in den Vereinigten Staaten studierte. "Münchener Abkommen. Haben wir gekämpft? Wir haben nicht gekämpft", sagt sie. 1968 hätten sie zwar protestiert, sich dann aber niederringen lassen. "Wir haben nicht durchgehalten wie die Polen." Die Suche nach dem Kompromiß sei ein Teil der tschechischen Mentalität, erwidert ihr Kommilitone Masar. 1968 hätten die Tschechen ihre Illusionen über die Reformierbarkeit des Systems verloren, sich aber dann ihrem Schicksal ergeben. Heute finde er es eigenartig, daß man so lange als selbstverständlich akzeptiert habe, doppelzüngig zu leben, zu Hause das eine, in Schule oder Betrieb das andere zu reden. Auch eine Erfahrung, die sie mit vielen Ostdeutschen gemeinsam haben.
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