TÜRKEI - Premierminister Recep Tayyip Erdogan kann künftig weiter alleine regieren. Die Opposition im Land ist nach der Niederlage ohne politischen Einfluss.

"Ein Sieg auf ganzer Linie"

Marlies Emmerich
3 Min

BERLIN. "Das Wahlergebnis ist eine Katastrophe" - mit dieser Ansicht steht Ali Yildirim, der in Berlin den privaten TV-Sender AYPA betreibt, ziemlich allein. Anders als noch vor fünf Jahren scheinen viele der rund 190 000 in Berlin lebenden Türken zufrieden zu sein, dass Regierungschef Recep Tayyip Erdogan erwartungsgemäß weiter regieren kann. "Das ist nur gut für den Weg in die Europäische Union", sagt ein Imbiss-Betreiber am Kreuzberger Oranienplatz.Sonntagabend - gleich nach Bekanntgabe des Ergebnisses - haben sich rund um den Oranienplatz immer wieder kleine Gruppen gebildet, die diskutieren - darunter viele junge Leute. In den Cafés laufen die Fernseher mit türkischen Sendern. Es gibt drinnen nur noch Stehplätze. "Ein Sieg auf ganzer Linie", freut sich ein älterer Mann. In ziemlich schlechtem Deutsch erklärt er, dass mit Erdogan die Demokratie gestärkt werde. "Die AKP ist eine stabile Mehrheitspartei", urteilt ein anderer.Erwartungen an den ReformerSelbst seit Jahrzehnten in Berlin lebende liberale Türken wie Safter Cinar finden positive Worte für Erdogan: "Ich selbst würde die AKP nicht wählen. Aber es ist eine eindeutige Antwort, nämlich eine Absage an das alte System, eine Linie vorzugeben." Erdogan habe die größte Reform seit dem Militärputsch durchgeführt und nie etwas gemacht, was den Gesetzen entgegenstehe. Auch der Kaufmann Mümtaz Ergün betont, dass er kein AKP-Anhänger sei. "Andere Parteien haben versagt", sagt Ergün. Er verweist darauf, dass die AKP signalisiert habe, für eine politische Lösung der Kurdenfrage einzutreten. Der Wahlsieg bedeute jedenfalls nicht, dass die Türkei vor einer Islamisierung stehe.Am Montagmittag ist es naturgemäß ruhiger geworden. Taxifahrer Mustafa Gül sagt: "Das war doch vorauszusehen." Gewählt hat Gül nicht und mit seiner Meinung hält er sich zurück.Einen Wahltourismus von Berlin in die Türkei gab es nicht. Weder Öger noch Turkish Airlines verzeichneten nach Angaben ihrer Sprecher eine besonders große Nachfrage. Sonderflüge seien nicht nötig gewesen, so ein Sprecher von Turkish Airlines. Bei Öger wird darauf verwiesen, dass das Unternehmen zusammen mit einem Tochterbetrieb ohnehin nahezu alle Ziele in der Türkei anfliege. "Schon wegen der Schulferien sind viele türkische Berliner in ihre alte Heimat aufgebrochen", sagt ein Sprecher. Experten schätzen, dass bis zu 120 000 in Deutsachland lebende Türken von ihrem Wahlrecht Gebrauch gemacht haben.Wer in der Hauptstadt geblieben ist, hatte aber keine Möglichkeit zur Stimmabgabe. Anders als in der Bundesrepublik gibt es in der Türkei keine Briefwahl. Wer in Deutschland nicht eingebürgert ist, wählt an den Grenzübergangsstellen. "Den viel angeflogenen Küstenort Bodrum hat man aber vergessen", kritisiert der Journalist Yildirim. Und der Fährhafenort Izmir sei erst als Wahlort aufgenommen worden, als dies türkische Medien angemahnt hatten. Yildirim spricht mit Blick auf die AKP von einer nicht-säkularen "Ein-Mann-Partei".

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