Die EU importiert immer weniger Flüssigerdgas (LNG). Laut Daten des europäischen Netzbetreiberverbands Entsog lagen die LNG-Einfuhren in die EU im August bei 95.785 Gigawattstunden (GWh). Das waren zwar knapp acht Prozent mehr als beim Jahrestief im Juli mit 88.855 GWh. Gegenüber Januar sind die Importe jedoch um mehr als 41 Prozent eingebrochen.
Gleichzeitig fließt wieder mehr russisches Pipeline-Gas über Turkstream in die EU. Im August waren es den Entsog-Daten zufolge 17.337 GWh – 7,25 Prozent mehr als im Juli. Damit gewinnt die letzte verbliebene Pipeline-Route für russisches Gas nach Europa wieder an Bedeutung. Im April 2022, wenige Wochen nach Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine, lagen die Lieferungen über Turkstream noch bei 9502 GWh.
Der Anstieg ist politisch brisant: Anfang 2027 greift das vollständige EU-Verbot für russisches LNG, im Herbst 2027 folgt der Anstieg aus dem Pipeline-Gas. Warum steigen die Lieferungen über Turkstream kurz vor dem geplanten Ausstieg wieder?
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Darum rückt russisches Pipeline-Gas in der EU wieder vor
Eine einfache Verlagerung von LNG zu russischem Pipeline-Gas lässt sich aus den Zahlen nicht direkt ableiten. LNG wird flexibel auf dem Weltmarkt gehandelt. Die Einfuhren schwanken deshalb stärker mit Temperaturen, Preisen und der Nachfrage in Asien. Pipeline-Lieferungen beruhen dagegen häufig auf längerfristigen Verträgen und versorgen bestimmte Länder kontinuierlich.
Turkstream führt russisches Gas durch das Schwarze Meer in die Türkei. Von dort gelangt es über Bulgarien weiter nach Südost- und Mitteleuropa. Zu den wichtigsten Abnehmern gehören Ungarn und die Slowakei. Außerdem kann das Gas unter anderem nach Serbien, Rumänien, Griechenland und Nordmazedonien fließen.
Die Bedeutung der Route ist seit Anfang 2025 gewachsen. Damals endete der Transit russischen Gases durch die Ukraine. Nord Stream liefert bereits seit 2022 kein Gas mehr, auch die Jamal-Pipeline über Belarus und Polen spielt für Lieferungen nach Westeuropa keine Rolle mehr. Turkstream ist damit die einzige verbliebene Pipeline-Verbindung, über die Russland noch direkt Gas nach Europa liefert.
Bereits im August berichtete die Berliner Zeitung, dass russisches Pipeline-Gas in der EU wieder vorrückt. Laut Daten des Centre for Research on Energy and Clean Air (CREA) stieg der Wert der russischen Pipeline-Gasimporte in die EU von 379 Millionen Euro im Juni auf 561 Millionen Euro im Juli. Gleichzeitig brach der Wert der russischen LNG-Importe von 993 Millionen auf 526 Millionen Euro ein.
Damit verschob sich auch das Verhältnis innerhalb der russischen Energieimporte der EU: Der Anteil von LNG sank von 52 auf 38 Prozent, während der Anteil von Pipeline-Gas von 25 auf 36 Prozent stieg.
Russisches Pipeline-Gas gewinnt in der EU an wieder Bedeutung: Der Wert der russischen Pipeline-Gasimporte in die EU stieg im Juli um elf Prozent auf 561 Millionen Euro.
© Robert Nemeti/imago
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Der starke Rückgang der gesamten LNG-Importe in den vergangenen Monaten bedeutet allerdings nicht automatisch, dass die EU auch entsprechend weniger russisches LNG bezieht. Die Entsog-Daten erfassen die Anlandungen an europäischen Terminals, unterscheiden dabei aber nicht durchgehend nach Herkunftsland. Für Aussagen speziell über russische Lieferungen sind deshalb zusätzliche Schiffs- oder Handelsdaten erforderlich.
Diese Daten zeigen für das erste Halbjahr einen gegenteiligen Trend: Die EU bezog in den ersten sechs Monaten 2026 so viel LNG aus der russischen Arktisanlage Jamal wie nie zuvor. Nach Daten des Analyseunternehmens Kpler waren es 9,89 Millionen Tonnen – 18 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Von insgesamt 140 Ladungen aus Yamal gingen demnach 136 in europäische Häfen. Die EU erhielt damit im Schnitt alle 1,3 Tage eine Lieferung. Größte Abnehmer waren Frankreich mit 3,74 Millionen, Belgien mit 2,7 Millionen und Spanien mit 2,5 Millionen Tonnen. Nach Berechnungen der Umweltorganisation Urgewald zahlte die EU dafür bis zu sechs Milliarden Euro.
Anders als die Lieferungen aus Russland gingen gingen die gesamten Importe von Flüssigerdgas in die EU jedoch stark zurück. Bereits im Juli waren die Einfuhren der EU mit 88.855 GWh auf den niedrigsten Stand seit August 2024 gefallen. Die leichte Erholung im August konnte den starken Rückgang seit Jahresbeginn nur teilweise ausgleichen.
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Gasspeicher-Krise in Europa spitzt sich zu
Der Einbruch der gesamten LNG-Importe kommt für die EU zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Denn Europas Gasspeicher sind derzeit historisch schlecht befüllt. Laut Daten von Gas Infrastructure Europe (GIE) liegt der Füllstand der EU-Speicher aktuell bei 65,6 Prozent – so niedrig wie zu diesem Zeitpunkt noch nie seit Beginn der Datenerfassung im Jahr 2011. In Deutschland sind die Speicher sogar nur zu rund 53,6 Prozent gefüllt. Im Durchschnitt der Jahre 2011 bis 2025 lag der Füllstand zu diesem Zeitpunkt fast 30 Prozentpunkte höher.
Um die Speicher bis Anfang November wenigstens auf 80 Prozent zu füllen, benötigt Europa laut einer Analyse der Energieplattform Montel News mehr als 420 zusätzliche LNG-Ladungen. Das reguläre EU-Speicherziel für den Winter liegt sogar bei 90 Prozent.
Zu einem ähnlichen Ergebnis kam das Energiewirtschaftliche Institut an der Universität zu Köln (EWI). Nach dessen Gasbilanzanalyse fehlten der EU und Großbritannien Ende Juli rund 275 Terawattstunden Gas, um bis Anfang November einen Speicherstand von 80 Prozent zu erreichen. Dafür müsste Europa seine LNG-Importe mehr als verdoppeln.
Das dürfte teuer werden. Europa konkurriert auf dem LNG-Markt vor allem mit asiatischen Abnehmern. Zahlen diese höhere Preise, können Tanker ihre Route kurzfristig ändern. Montel-Gasmarktexperte Joachim Endress warnte im August, Europa könnte Gaspreise von mehr als 60 Euro je Megawattstunde benötigen, um ausreichend LNG für die weitere Speicherbefüllung anzulocken.
Die europäischen Gasspeicher sind mit 65,6 Prozent aktuell so schlecht befüllt wie noch nie seit Beginn der Datenerfassung im Jahr 2011.
© Peter Kneffel/dpa
Woher soll der Ersatz für russisches Gas kommen?
Ab Januar 2027 verschärft sich das Problem. Dann dürfen die EU-Staaten kein russisches LNG mehr importieren. Im Oktober folgt das Verbot für russisches Pipeline-Gas. Woher die dafür notwendigen Ersatzmengen kommen sollen, ist bislang offen. Die EU-Kommission konnte auf Anfrage der Berliner Zeitung keine konkreten Mengen nennen.
Für europäische Unternehmen mit langfristigen Verträgen hat Brüssel zwar eine Ausnahme geschaffen. Sie dürfen ihre vertraglich gebundenen russischen LNG-Mengen noch bis zum 25. Juli 2027 kaufen, sofern sie das Gas anschließend an Abnehmer außerhalb der EU weiterverkaufen.
Die Hoffnung, diese Mengen gegen Lieferungen aus den USA, Katar oder anderen Ländern zu tauschen, dürfte sich jedoch kaum erfüllen. Mehrere Branchenexperten bezeichneten solche Geschäfte wegen logistischer, wirtschaftlicher und rechtlicher Hürden als „unwahrscheinlich“. Die Ausnahme helfe damit vor allem dem russischen Yamal-Terminal und dessen europäischen Vertragspartnern – nicht aber der europäischen Gasversorgung.
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Gas aus Russland: Türkei stellt EU-Kontrollen infrage
Auch bei Turkstream ist die Umsetzung des Verbots ungeklärt. Die EU will Gas aus der Türkei künftig nur noch dann einführen, wenn dessen nichtrussische Herkunft nachgewiesen werden kann. Das bestätigte der türkische Energieminister Alparslan Bayraktar Anfang August.
Die Türkei bezieht Gas aus verschiedenen Ländern. Ein Teil davon fließt in dasselbe Leitungsnetz. Ankara hält den geforderten Herkunftsnachweis deshalb für schwer umsetzbar und will weiterhin russisches Gas beziehen. Bayraktar verteidigte Turkstream zuletzt als wichtigen Bestandteil der türkischen Energieversorgung. Die EU könne nicht vorschreiben, aus welchen Ländern die Türkei ihr Gas beziehe, berichtete die Berliner Zeitung.
Die EU steht damit vor einem doppelten Problem: Sie muss innerhalb weniger Monate Ersatz für russisches LNG finden und bis Oktober 2027 auch die Pipeline-Lieferungen über Turkstream ersetzen. Die aktuellen Entsog-Daten zeigen jedoch, dass die russischen Lieferungen über die letzte verbliebene Pipeline-Route bislang nicht zurückgehen – sondern kurz vor dem geplanten Verbot wieder steigen.
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