TV-Reihe "Die Mauer" startet in der ARD

Verbrauchte Bilder, neue Gefühle

Klaudia Brunst
3 Min

Sein Gesicht ist praktisch reglos. Eine glatte Fassade. Eigentlich müsste er wenigstens ungläubig den Kopf schütteln, aber selbst das spart sich der Oberst der Grenztruppen, Günter Bazyli. "Es ist fast nie einer stehen geblieben. Der Gefahr ins Gesicht blickend", erinnert sich der Offizier an seinen Klassenauftrag, seien die Grenzüberschreiter einfach weitergelaufen. "Das ist mir bis heute unverständlich". 28 Jahre lang hat Oberst Bazyll mit dafür gesorgt, dass Deutschland geteilt blieb. 417 Menschen kamen bei dem Versuch um, die innerdeutsche Grenze illegal zu überwinden. Sie waren einfach nicht stehen geblieben.Die sechsteilige ARD-Reihe "Die Mauer" startet selbstverständlich mit deren Errichtung aus "Beton und Stacheldraht", wie die erste Folge von Jens Nicolai heißt. Angesichts dessen, was uns in den nächsten Wochen und Monaten an gefühligen Reviews noch erwarten wird, ist dieser Auftakt wohltuend nüchtern.Die wechselnden Autoren der Reihe bedienen sich des klassischen Genres der Fernsehdokumentation. Sie zeigen alte und ganz alte Wochenschau- und Tagesthemenbilder, präsentieren bisher unveröffentlichte Ausschnitte aus Lehrfilmen der Nationalen Volksarmee und befragen vor allem Zeitzeugen von hüben und drüben.Auch wenn Fernsehen ein Medium der Bilder ist, machen gerade diese Interviews die Dokumentation so sehenswert. Denn die Visualisierung des Unrechts gibt es längst im Überfluss. Jene dramatischen Fluchtbilder aus der Bernauer Straße 1961, die Panzertruppen am Checkpoint Charlie, euphorische Szenen am Brandenburger Tor 1989 all diese Momentaufnahmen deutsch-deutscher Geschichte haben sich in ihrer Aussagefähigkeit im Westen schon längst, im Osten doch immerhin in den Jahren nach der Wende abgenutzt. Immer wieder mussten sie herhalten, um den Zynismus der SED-Oberen zu dokumentieren, den Widerstandswillen der Bevölkerung zu beweisen, die friedliche Revolution von 1989 zu erklären.Alltägliche ReaktionenWährend die Bilder sofort vorrätig waren (schon die Errichtung der Mauer war im Fernsehen zu bestaunen), entsteht die Erinnerung der Zeitzeugen erst mit dem zeitlichen Abstand einer abgeschlossenen Epoche. So sind es vor allem die schlicht nach historischen Informationen suchenden Interviews, die die erste Folge von "Die Mauer" emotional zum Leben erwecken: Da ist der Westgrenzer, der den Aufmarsch der NVA-Truppen zunächst für eine Übung hielt und der Ostmaurer, der abends bleich seiner Frau erzählte: "Heute habe ich meine Schwester eingemauert."Oh Gott, oh Gott", will Stefan Heym 1961 gedacht haben, als sein Staat anfing, das eigene Volk vor dem Flüchten zu schützen. "Da ist doch etwas schief gegangen." Auch im Westen waren die ersten Reaktionen eher alltäglich. Kennedy war segeln, als der antifaschistische Schutzwall errichtet wurde. Kanzler Adenauer befand, dass zu Panik kein Anlass bestand und konzentrierte sich auf seinen Wahlkampf.In der persönlichen Erinnerung der Zeitzeugen von Henry Kissinger bis Egon Bahr, vom Ostmaurer bis zum West-Fluchthelfer wird das Weltereignis wieder zu einer am eigenen Leib erlebten Geschichte. Und die hat neben den großen Entscheidungen eben immer auch banale Aspekte.So soll der US-Vizepräsident Lyndon B. Johnson bei seinem Solidaritätsbesuch in Berlin ein paar Slippers erstanden haben, die ihm an den Füßen von Willy Brandt so sehr gefielen. "Er hat sie dann aber nie getragen", erinnert sich sein damaliger Pressesprecher. Man merkt, dass eine Epoche politisch verarbeitet ist, wenn jemand solche Sätze in eine Fernsehkameras sagt."Die Mauer", sechsteilige Reihe der ARD. 1. Teil: heute 21.45 Uhr

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