Wer zählt die Orte, kennt die Namen? Das möchte man mit Schillers „Kraniche des Ibykus“-Ballade sagen angesichts der unzähligen Ausstellungen in Museen, Galerien, Projekträumen, angesichts der Pop-up-Offerten in Clubs, der privaten Messeformate wie „Positions Art Fair“ im Flughafen Tempelhof und mit „The Fairest“ erstmals im Kühlhaus am Gleisdreieck. Dazu kommen Kunsthändler- und Museums-Kooperationen, offene Ateliers und Kunstpreisverleihungen, Kunstspaziergänge und Kunst-Radtouren.
Und Überraschungen: Der in Berlin lebende aus Nürnberg stammende Maler Tim Trantenroth hat im als Lounge gebauten Treppenhaus im Ostflügel des Humboldt-Forums im neuen Stadtschloss mit dem Blick auf den Schlüterhof die Fassade des abgerissenen Palastes der Republik wiedererstehen lassen, dessen lichtabweisende gelb-orangene Glasscheiben, das konstruktivistische Muster der geschleiften DDR-Moderne aus den 1970er-Jahren. Der Künstler hatte den vom Bundesamt für Bauwesen ausgelobten Kunst-am Bau-Wettbewerb gewonnen. Nun ist Trantenroth zur Eröffnung des Ostflügels eine so schöne wie denkwürdige, aber gar nicht nostalgische Referenz an das Verschwundene gelungen.
Über 1000 Akteure an über 150 Kunstorten laden ein, Neues zu entdecken oder Bekanntes abermals zu sehen und zu erleben. Mindestens ein Dutzend neue Galerien und Ausstellungsplätze beteiligen sich. Es wird performt im Stadtraum, in der Neuen Nationalgalerie, im HAU. Klanginstallationen beschallen den öffentlichen Raum. Die Ifa-Galerie lädt unter anderem zum Schachspielen auf der Monbijou-Brücke. Und die Berlin Biennale holt an ihren fünf Orten zum Finale aus. Galerien zeigen da Best-of, Museen und Institutionen ebenso. Die Namen der ausstellenden Künstlerinnen und Künstler stehen für internationale Klasse: Mona Hatoum, Anna Uddenberg, Leila Hekmat, um nur etwas Frauenpower auf dieser Art Week zu erwähnen.
Kunst ist immer auch Leidenschaft: Flammen-Emoji im Hof des Uferhallen-Areals in Wedding, das zur Art Week deren Festival-BAW-Garten und Treffpunkt-Zentrum ist.
Und doch klingt das Aufgebot ziemlich atemlos, und es ist freilich auch utopisch, das alles zu sehen, zu hören, zu goutieren, sich gar kontemplativ zu vertiefen und mit geistigem wie emotionalem Mehrwert mit nach Hause nehmen zu können. Das ist nicht zu schaffen an nur vier Tagen, also hat man die Qual der Wahl. Das Verschwenderische an Kreativität, Material, Energien, Kraft und Geld ist halt einbegriffen bei solchen Massenkunst-Festivals. Doch die Kunstszenen Berlins gieren nach der heißen Luft aus der Event-Maschine, betrieben von der Kulturprojekte GmbH und Hunderten von Partnern. Zwei entbehrungsreiche Corona-Jahre, die Verunsicherung durch Ukraine-Krieg und drohende Energiekrise scheinen den Druck zu verstärken, alles, aber auch alles noch mal auf diesen Kunstherbst-Termin zu konzentrieren, gleichzeitig auf einen riesigen Veranstaltungshaufen und auf geraden wie verschlungenen Wegen durch die ganze Stadt.
Wie immer dockt sich zur Art Week alles und jedes, was mit K wie Kunst beginnt, an das Schwungrad an, auch wenn zahllose Angebote gar nicht zur Organisationsstruktur des Festivals gehören. Selbst zwölf Erdbeerhäuschen von Karls Hof, wo den Sommer über Früchte verkauft wurden, werden nun bespielt von zwölf Künstlerinnen unter anderem am Bahnhof Zoo, am Nordbahnhof, am Hackeschen Markt, an der Jannowitzbrücke. Die Verkaufsstände des Rostocker Groß-Agrariers dienen als Mikro-Museen und titeln mit „Musée de la Fraise“ . Bessere Werbung für die nächste Saison kann Erdbeerkönig Karl sich gar nicht wünschen. In den in den Häuschen gezeigten Werken geht es um Begierde und Sinnlichkeit, assoziiert mit der „göttlichen“ Frucht.
Berlin, das ist zwar Mangel an bezahlbaren Ateliers und Wohnungen, an Verkaufschancen, solventen Sammlern und Ankaufsetats in den Museen, an Infrastruktur und an politischer Zügelung der Investorenwillkür. Doch dafür hat Berlin Potenzial: unüberschaubare Mengen an Kunst, produziert vor allem von 40.000 Kreativen aus allen Welteilen, die hier leben und arbeiten, auf Förderung angewiesen sind. Darum ist es so wichtig, dass bei dieser aufgeblähten Art Week diesmal die Uferhallen in Wedding das Festival-Zentrum sind. Das einstige Gelände der Berliner Verkehrsbetriebe ist Atelier-Heimat von über 150 Künstlern, mit Ausstellungshallen und Werkstätten, ein idealer Ort für Kunst mitten im bevölkerungsreichen, multikulturellen und sozial durchaus problematisch durchmischten Stadtbezirk.
Bunte Abwehr von allem, was die Kunst gefährdet, vor allem von Investorenplänen: Zur großen Uferhallen-Ausstellung geht es durch den symbolhaften Fliegenvorhang der Künstlerin Karin Sander.
Die Uferhallen-Künstler fühlen sich bedroht von Kündigungen und steigenden Mietpreisen. Teile des Areals wurden von der Uferhallen AG an Investoren verkauft, die dadurch die Mehrheit an der AG besitzen. Und die wollen profitabel bauen, nachverdichten, das ganze Areal attraktiv und hochpreisig umgestalten. Die Zukunft der Ateliergemeinschaften und Ausstellungsflächen ist also ungewiss. Und so ist die Wahl des Hallenquartiers als Art-Week-Zentrum auch ein Statement. Auf dem Hof steht ein vier Meter hohes Flammen-Emoji. Es weist den Weg in die Ausstellung „On Equal Terms“, deren Werktitel und Urheber man sich leider mühsam auf einem Lage-Handzettel zuordnen muss, weil die Kuratoren offensichtlich hilfreiche kleine Schildchen an den Podesten oder Wänden verabscheuen. Publikumsfreundlich ist das allerdings nicht, wirkt eher arrogant.
Das markanteste, auch lautstärkste Werk ist eine absurde ironische Maschine des Bildhauers Benedikt Braun: ein vertrackt konstruiertes Förderband, das zentnerweise 1-Cent-Münzen transportiert, verkippt, weitertransportiert bis zur Sinnentleerung. Dieses Monstrum lehrt uns, dass man Geld nicht essen kann. Und es fordert auf zur Debatte bis zum Ende der Art Week im BAW-Garten der Uferhallen.
Schon am Eingang hat Rosa Barba eine Soundinstallation angebracht, die auf den unwiederbringlichen Wert, den Sinn und Zweck des Kunstortes verweist. Karin Sander brachte am Haupthallentor einen bunten Fliegenvorhang an. Als charmantes Symbol, Ungewolltes und Ungemach von der Kunst abzuhalten. Die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller postierte am nächsten Tor denkwürdige Gedicht-Collagen. Und die Documenta-Künstlerin Maria Eichhorn, die ihr Atelier schon lange in den Uferhallen hat, macht das übernächste Tor zur Plakatwand. Es ist die passende Einführung zur lapidar-satirischen Dokumentation „Uferhallen Kunstaktien“ des Neuen Berliner Kunstvereins. Die Schau versammelt die „Aktien“ aller 132 beteiligten Kunstschaffenden, die hier hoffnungsvoll um ihre Arbeitsräume und damit die Zukunft bangen. Und mutig und trotzig kämpfen. Mit ihrer Kunst.
Berlin Art Week, 14. bis 18. September. Alle Infos: www.berlinartweek.de
Die Ausstellung „On Equal Terms“ in den Uferhallen, Uferstr. 8, Wedding, läuft bis 25. September.
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