Seit 43 Jahren holt das Theatertreffen die zehn "bemerkenswertesten" Inszenierungen nach Berlin. Das erste von einer Regisseurin arrangierte Stück wurde 1980 eingeladen: Ellen Hammers Ernst Jandl-Abend "Aus der Fremde". Was für ein programmatischer Titel! Die Frau, das fremde Wesen, beim tt. Nach 16 Jahren Pascha-Theater! Kaum hatte die bis dahin lediglich als Schauspielerin und Organisatorin in Erscheinung getretene Bühnen-Odaliske sich den Schleier der künstlerischen Unschuld vom avantgardistischen Antlitz gerissen, erhöhte sich die Anzahl der eingeladenen RegisseurINNEN in den 80ern geradezu exorbitant. Drei Mal schwebte Pina Bausch mit ihrem Theater-Ballett ein, die Choreografin Reinhild Hoffmann ließ die Puppen mehrfach tanzen, Katharina Thalbach brachte Brecht auf die Bretter. Dennoch: Nur knapp 30 von den 430 bis heute eingeladenen Produktionen wurden von Frauen inszeniert; auch deshalb, weil es nach wie vor insgesamt wesentlich mehr Regisseure als Regisseurinnen gibt. Kaum erwähnenswert, dass die Mannschaft, die bestimmt, was aus der weiten Theaterwelt sie für "bemerkenswert" hält, sich meistens aus KritikERN zusammensetzt. "Die Bretter, die die Welt bedeuten": Jede Ähnlichkeit mit real existierenden gesellschaftlichen Umständen ist keinesfalls zufällig. An der historischen Unverhältnismäßigkeit hat sich jedenfalls auch im postemanzipierten 21. Jahrhundert nichts geändert. Es sind fünf Frauen, die beim Großereignis tt07 Regie führen - nur eben nicht auf der Bühne, sondern dahinter, in der Organisation. Immerhin saßen diesmal drei Frauen in der Jury.Außergewöhnliches aber geschieht nur alle Jubeljahre. Daran ist die Welt gewöhnt. In Elfriede Jelineks "Ulrike Maria Stuart" scheitern die Frauen dramatisch an ihrer Macht. Als Darstellerinnen allerdings triumphieren sie. Grandiose Schauspielerinnen sind in diesem Jahr überpräsent. Sandra Hüller, Judith Hofmann, Judith Rosmair, Christiane von Poelnitz, Fritzi Haberlandt: Sie erspielen sich weibliche Figuren, ohne "weibliche" Rollenklischees zu wiederholen. Geschlechterrollen sind ein Schauspiel - und dessen Regeln wandelbar.Marie Kretzschmar
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