"Wir treten der EU bei, da gehört Saufen zur Zivilisation." Sätze wie dieser reißen das Publikum von Müserref Öztürk Çetindogans "Migrantenhochzeit" ins Vergnügen. Lachen über das Zerrbild der eigenen Kultur, wie es sich in den Klischees einer anderen Kultur darstellt - das hat etwas Befreiendes. Im Stück der Dramatikerin aus Izmir missverstehen sich die Figuren aufs Fröhlichste. Ästhetisch ein ziemlich schwachbrüstiger Text, thematisch aber relevant.Um der Kunst die Reflexion beizugeben, wurde im Anschluss an die szenische Lesung beim Stückemarkt eine Diskussion veranstaltet: "Das Theater um die kulturelle Identität". Auf dem Podium saßen der Autor Ilija Trojanow, Werner Schiffauer, Kulturanthropologe, und der Film- und Theaterregisseur Neco Çelik. Wie sie denn die "Komödie" von Öztürk Çetindogan fanden, fragte der moderierende Dramaturg Joachim Lux. Werner Schiffauer lobte den Humor und die Selbstironie, die für die türkische Kultur so wichtig seien und in Deutschland nicht wahrgenommen würden. Der Islam gelte als humorfeindlich, doch zu Unrecht, wie auch Trojanow bestätigte.Und schon war man mitten drin in der "Farce", als die Çelik die deutsche Debatte bezeichnet: Kann man an einem Theaterstück die Verfasstheit einer Kultur ablesen? Ist türkische Identität automatisch mit dem Islam verbunden? "Bis zum Jahr 2001 waren wir Türken, jetzt sind wir Muslime - wann werden wir Deutsche sein?" brachte Çelik die politische Instrumentalisierung der Debatte auf den Punkt. Für ihn persönlich spielten die Zuschreibungen "Türke", "Deutscher" keine Rolle. Er mache Kunst.Wer sich auf die Debatte einlässt, wagt sich auf vermintes Gelände. Schwammige Begriffe allerorten. Keine Sprecherposition scheint legitim zu sein, alle Aussagen wirken interessengeleitet. Man spricht "über" ein Problem, "über" Migranten. Und statt "über" kulturelle Identität zu reden, sollte man miteinander reden, schlägt Çelik vor. Vielleicht ermögliche die Kunst die Kommunikation.Und das kann die Kunst? Çelik sagt ja. Am Berliner Hebbel Am Ufer (HAU) hat er im letzten Jahr "Schwarze Jungfrauen" inszeniert, Muslima-Monologe von Feridun Zaimoglu. Fünf muslimische Frauen, darunter auch eine konvertierte Deutsche, reden frei Schnauze über ihr Leben, tough, sehnsuchtsvoll, sexbesessen, voller Hass und Stärke. Keine Kopftuch-Opfer, sondern bis zum Anschlag selbstbewusste Frauen. Regisseur Neco Çelik ist sich der aufklärerischen Wirkung des Stückes gewiss: "Es sprechen die Frauen, über die man sonst spricht." Das Stück provoziere. Und verändere vielleicht das Bild der Zuschauer von muslimischen Frauen. "Das ist doch das Beste, was Theater leisten kann."Bewusstseinsveränderung durch Theater? Nachfrage beim Experten, Matthias Lilienthal, Leiter des HAU: "Theater kann da überhaupt nichts leisten." Aber es könne etwas bieten: Treffpunkte, Diskussionsräume, die Möglichkeit, Kultur zu produzieren. "Ein Theater ist immer auch eine Identitätsmaschine. Es macht Identitätsangebote, die natürlich, würde man sie im intellektuellen Diskurs reflektieren, nicht haltbar sind. Mit welcher Begründung umwirbt man denn Leute aus der deutsch-türkischen Szene? Trotzdem ist das kulturelle Angebot, der Diskussionsraum überhaupt nicht zu unterschätzen." Erfrischender Pragmatismus, der irgendwann zur Normalität im Miteinander führen könnte. Aber reicht es aus, Orte zu schaffen, an denen Kommunikation zwischen Kulturen stattfinden kann?Shermin Langhoff, Kuratorin des Festivals "Beyond Belonging Migration", trennt zwischen Sozialem, Kunst, Bildung und Politik. Biete man Menschen unterschiedlicher Kulturen einen gemeinsamen Raum, könne daraus etwas Neues entstehen. Eine gemeinsame Identität vielleicht. Angebote sind also wichtig. Aus Bildungsgründen sind Projekte mit Migranten oder Jugendlichen höchst sinnvoll. Denn Theater ist als Hochkultur definiert und setzt eine ästhetisch-kulturelle Bildung voraus, die den Meisten nicht vermittelt wird. Einübung schadet also nicht. Laut Çelik waren die Besucher der "Schwarzen Jungfrauen" vorwiegend Deutsche. Ein Beleg für Langhoffs These, dass das Theater noch weit davon entfernt ist, Migrantinnen und Migranten gleichwertige Zugänge zu bieten, sei es auf Produzenten- oder Rezipientenseite. Im Jahr 2007, nach über 45 Jahren deutsch-türkischen Zusammenlebens, ist Nurkan Erpulat, der erste türkische Regieabsolvent der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch", noch eine Sensation.Zugänge schaffen, Partizipation ermöglichen, das sieht Langhoff als kulturelle, vor allem aber als eine politische Aufgabe. Lilienthal sieht das genauso: Er fände es indiskutabel, sein Theater über die Köpfe der Migranten in diesem Bezirk hinweg zu leiten. Schließlich kämen die Fördergelder für Theater von der Gesamtgesellschaft. Also müsse man auch denjenigen Angebote machen, die erst einmal keinen selbstverständlichen Zugang zum Theater haben.Theater als Sozialarbeit also? Theaterprojekte, die mit Marginalisierten arbeiten oder in die Stadt hinausgehen, fördert seit 2006 auch die Bundeskulturstiftung, was Matthias Lilienthal glücklich macht und Shermin Langhoff als Schritt zur Institutionalisierung von kultureller Vielfalt begrüßt. Ob gesellschaftliche Relevanz und künstlerisches Gelingen so gut zusammengehen, darüber ist man sich nicht ganz einig. Das Theater hat seinen Ort in der Debatte noch nicht gefunden, aber es ist auf der Suche. Shermin Langhoff macht klar, warum: "Die Demographie erzwingt es ja geradezu, sich mit solchen Themen zu beschäftigen." Der Bevölkerungsanteil von Menschen mit Migrationshintergrund steigt, das Bildungsbürgertum stirbt aus. Die Migranten von heute sind die Zuschauer von morgen. Zeit für die Theater, sich neu zu positionieren und sich ihrer Umwelt anzupassen. Und Identität bleibt besser Sache des Einzelnen. Elena Philipp------------------------------Foto: Er macht Kunst. Über das Theater um die kulturelle Identität kann Neco Çelik nur lachen. Foto: Nina Urban
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