Die Ukraine hat nach russischen Angaben die Moskauer Ölraffinerie innerhalb von drei Tagen zum zweiten Mal mit Drohnen angegriffen. In der Nacht zu Donnerstag seien mehrere Drohnen in die Anlage im Südosten der russischen Hauptstadt eingeschlagen und hätten Brände ausgelöst, teilten Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin und weitere russische Behörden mit. Unabhängig überprüfen ließen sich die Angaben zunächst nicht.
Sobjanin sprach auf Telegram von einem „massiven“ Angriff auf Moskau. Nach seinen Angaben schoss die Luftabwehr innerhalb von acht Stunden 194 Drohnen ab, die auf die russische Hauptstadt zuflogen. Die staatliche Nachrichtenagentur Tass sprach laut CNN vom größten ukrainischen Drohnenangriff auf Moskau seit zwei Jahren. Nach Angaben des russischen Verteidigungsministeriums wurden in der Nacht landesweit 555 ukrainische Drohnen abgefangen. Unabhängig überprüfen ließen sich die Angaben zunächst nicht.
„Mehrere Drohnen konnten die Moskauer Ölraffinerie erreichen“, erklärte Sobjanin nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters. Videos und Fotos in sozialen Netzwerken zeigten Explosionen und dichten schwarzen Rauch über dem Raffineriegelände im Stadtteil Kapotnja. Der US-Sender CNN erklärte, geolokalisierte Aufnahmen würden Treffer auf dem Gelände der Raffinerie zeigen. Nach einer Analyse des russischen Kanals Astra seien dort mindestens fünf Brände ausgebrochen. Eine unabhängige Bestätigung war zunächst nicht möglich.
Russlands Benzinkrise verschärft sich: Drohnenangriffe und neue Sanktionen setzen Putin unter Druck
Russlands Benzinkrise verschärft sich: Drohnenangriffe und neue Sanktionen setzen Putin unter Druck
Zweiter Angriff innerhalb weniger Tage
Der Angriff erfolgte nur zwei Tage nach einer vorherigen ukrainischen Drohnenattacke auf dieselbe Anlage. Reuters hatte am Dienstag unter Berufung auf zwei mit dem Betrieb vertraute Branchenvertreter berichtet, dass die Raffinerie nach dem Angriff ihre Arbeit einstellen musste. Demnach wurde eine zentrale Verarbeitungseinheit beschädigt, die für rund 53 Prozent der Kapazität des Werks steht. Russische Rettungsdienste hatten dies damals bestritten und erklärt, der Betrieb laufe weiter. Gazprom Neft äußerte sich zunächst nicht.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte den Angriff vom Dienstag als „gerechte Antwort“ auf russische Luftangriffe bezeichnet. Auf der Plattform X schrieb er, die Raffinerie sei aus einer Entfernung von rund 500 Kilometern getroffen worden.
Trotz neuer Luftabwehr trifft die Ukraine ihr Ziel erneut
Der erneute Angriff dürfte auch deshalb Aufmerksamkeit erregen, weil Russland die Luftverteidigung rund um Moskau in den vergangenen Monaten deutlich ausgebaut hat. Nach Angaben des Kyiv Independent wurden zusätzliche Pantsir-SMD-E-Flugabwehrsysteme auf Dächern ziviler Gebäude stationiert, um ukrainische Langstreckendrohnen abzufangen.
Nach Darstellung der russischen Behörden wurden in der Nacht 52 Drohnen auf dem Weg nach Moskau abgeschossen. Dennoch erreichten mehrere Fluggeräte die Raffinerie in Kapotnja. Bereits am Dienstag war die Anlage Ziel eines ukrainischen Angriffs geworden.
Die Treffer nähren Zweifel daran, ob die verstärkten Schutzmaßnahmen ausreichen, um strategisch wichtige Infrastruktur in der russischen Hauptstadt dauerhaft zu sichern. Die Moskauer Raffinerie zählt zu den bedeutendsten Treibstoffproduzenten des Landes und war in den vergangenen Monaten wiederholt Ziel ukrainischer Angriffe.
Ölraffinerie versorgt große Teile Moskaus
Die Moskauer Ölraffinerie zählt zu den wichtigsten Energieanlagen Russlands. Nach Angaben des ukrainischen Generalstabs deckt sie rund 40 Prozent des Treibstoffbedarfs der Hauptstadtregion und liefert Kerosin für alle vier großen Moskauer Flughäfen. Die Anlage verarbeitet nach ukrainischen Angaben mehr als zwölf Millionen Tonnen Rohöl pro Jahr. Reuters zufolge lag die Verarbeitung 2024 bei rund 11,6 Millionen Tonnen. Die Raffinerie war bereits mehrfach Ziel ukrainischer Angriffe.
Der erneute Treffer kommt zu einem Zeitpunkt, an dem Russlands Ölindustrie zunehmend unter Druck gerät. Nach Angaben von Bloomberg wurden allein im Mai mindestens acht der zehn größten russischen Raffinerien angegriffen. Weitere Attacken folgten im Juni.
Angriffe treffen Russlands Energieversorgung
Die Ukraine hat ihre Angriffe auf russische Energieinfrastruktur in den vergangenen Monaten deutlich ausgeweitet. Ziel sind Raffinerien, Öldepots, Treibstofflager und andere Einrichtungen, die für die russische Wirtschaft und Kriegsführung wichtig sind. Reuters berichtete zuletzt, dass sich die ukrainischen Angriffe auf russische Raffinerien seit Jahresbeginn verdoppelt haben. Die Folgen seien Produktionsausfälle bei Benzin, Diesel und Kerosin. Mehrere Regionen meldeten inzwischen Einschränkungen beim Treibstoffverkauf.
Der Energieexperte Sergej Wakulenko vom Carnegie-Zentrum Berlin sagte dem russischen Portal Meduza, die Auswirkungen könnten erheblich werden, falls die Angriffe über Monate anhielten. „Wenn diese Kampagne drei oder vier Monate andauert, könnten die Auswirkungen sehr deutlich spürbar werden“, sagte Wakulenko. Zugleich verwies er darauf, dass die russischen Raffinerien inzwischen stärker belastet seien als während der letzten größeren Treibstoffkrise im Jahr 2025.
Weitere Angriffe in der Region Rostow
Neben Moskau meldeten russische Behörden auch Angriffe in der Region Rostow nahe der ukrainischen Grenze. Gouverneur Juri Sljusar erklärte laut der staatlichen Nachrichtenagentur Tass, dabei sei ein Mensch getötet und zwei weitere verletzt worden.
Nach Angaben örtlicher Behörden wurden zudem eine Lokomotive sowie mehrere Gebäude beschädigt. Das Medium Astra berichtete unter Berufung auf öffentlich zugängliche Daten, ein Öldepot in der Stadt Gukowo sei getroffen worden. Die russischen Behörden bestätigten dies zunächst nicht.
Wegen des Angriffs verhängten die Behörden zeitweise Flugbeschränkungen an den Moskauer Flughäfen Wnukowo, Scheremetjewo und Schukowski. Auch in mehreren Vororten wurden nach offiziellen Angaben Wohnhäuser und Gewerbegebäude beschädigt.
Ukraine greift Sankt Petersburg an: Rauch über Russlands Wirtschaftsforum, Ölterminal brennt
Lehren aus Petersburg: Russland und Europa sind Schicksalsgenossen – ohne es wahrhaben zu wollen
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]