Seit einem Monat greifen ukrainische Drohnen immer wieder Logistikzentren des russischen Onlinehändlers Wildberries an. Nun hat sich Präsident Wladimir Putin erstmals öffentlich zu den Folgen der Attacken geäußert. Einerseits spielte er die Schäden herunter. Andererseits ordnete er ein staatlich unterstütztes Programm zum Wiederaufbau der betroffenen Lager- und Logistikkapazitäten an.
„Natürlich haben solche Angriffe keine kritischen Folgen, hatten sie nie und können sie auch nicht haben“, sagte Putin am Mittwoch bei einer Sitzung des Rates für strategische Entwicklung und nationale Projekte. Dann räumte er ein: „Aber sie fügen uns selbstverständlich Schaden zu. Das ist offensichtlich. Wir verstehen, sehen und wissen das.“
Putin nannte Wildberries in seiner Wortmeldung nicht ausdrücklich. Der Kontext und übereinstimmende Berichte russischer Medien lassen jedoch erkennen, dass er sich auf die seit Mitte Juli laufende Angriffswelle gegen den Marktführer im russischen Onlinehandel bezog.
Wildberries: Chefin nennt Drohnenangriffe „Terror“ und schließt Schadensersatz aus
Putin verlangt Wiederaufbau auf „neuem technologischem Niveau“
Der Präsident beauftragte seine Regierung, ein Programm zur Wiederherstellung der beschädigten Lager- und Logistikkapazitäten vorzulegen. Dabei solle sich auch der Staat beteiligen. Der Wiederaufbau müsse mit Technik auf einem „qualitativ neuen Niveau“ erfolgen, verlangte Putin.
Zeitplan, Finanzierung und die betroffenen Standorte nannte er nicht. Die Anordnung steht jedoch in auffälligem Kontrast zu seiner Behauptung, die Angriffe hätten keine kritischen Folgen.
Wildberries gilt als russisches Gegenstück zu Amazon und beherrscht fast die Hälfte des russischen Onlinehandels. Gemeinsam mit dem Konkurrenten Ozon steht das Unternehmen nach früheren Branchenberechnungen für Waren und Dienstleistungen im Umfang von rund 8,5 Prozent der russischen Wirtschaftsleistung. Bis zu 20 Millionen Bestellungen werden täglich über Wildberries abgewickelt.
Ein Mann blickt am 24. Juli 2026 auf ein brennendes Wildberries-Lager bei St. Petersburg.
© Stringer/imago
Wie viele Wildberries-Lager wurden tatsächlich getroffen?
Über das Ausmaß der Schäden kursieren stark voneinander abweichende Angaben. Das ukrainische Verteidigungsministerium erklärte am 16. August, sieben der zehn größten Logistikzentren von Wildberries seien außer Betrieb gesetzt worden. Diese Angabe lässt sich unabhängig nicht überprüfen.
Eine Auswertung des russischen Mediums Verstka kommt zu einem noch größeren Umfang. Demnach wurden seit dem 18. Juli mindestens 22 Lagerstandorte angegriffen. 19 davon seien weitgehend oder vollständig ausgebrannt. Die verlorene Lagerfläche betrage rund 2,4 Millionen Quadratmeter und damit etwa 43 Prozent der gesamten Wildberries-Lagerfläche.
Auch diese Zahlen sind keine offizielle Bilanz. Verstka stützt seine Berechnung auf öffentlich zugängliche Aufnahmen, Behördenmeldungen und Angaben zu den einzelnen Standorten. Wildberries selbst veröffentlicht bislang keine vollständige Übersicht.
Der ehemalige Berater des ukrainischen Innenministeriums Anton Geraschtschenko behauptet auf X, seit Juli seien mehr als 20 Logistikzentren von Wildberries angegriffen worden. Seinen Angaben zufolge hätten sieben der zehn größten Standorte den Betrieb eingestellt. Die Verluste des Konzerns und seiner Händler könnten ihm zufolge bis zu 800 Milliarden Rubel, umgerechnet rund 8,1 Milliarden Euro, erreichen.
Wie schnell sich die Lage verändert, zeigen frühere Berechnungen. Ende Juli hatte die russische Wirtschaftszeitung Kommersant zunächst von fünf betroffenen Lagerkomplexen mit rund 802.000 Quadratmetern Fläche gesprochen. Das entsprach damals gut 14 Prozent der gesamten Infrastruktur.
Weiterer Angriff vor den Toren Moskaus
In der Nacht zum Dienstag wurde erneut ein Wildberries-Lager im Moskauer Umland getroffen. Nach Angaben des Gouverneurs der Region, Andrej Worobjow, schlug eine Drohne in einem Logistikzentrum im Bezirk Bogorodski ein. Ein Feuer sei gelöscht worden, Verletzte habe es nach vorläufigen Erkenntnissen nicht gegeben.
Wildberries erklärte, Trümmerteile hätten lediglich eine Außenwand beschädigt. Die Beschäftigten seien rechtzeitig evakuiert worden, die gelagerten Waren unversehrt geblieben.
Zwei Tage zuvor war bei einer größeren Angriffswelle auch das Wildberries-Zentrum in Koledino südlich von Moskau betroffen. Bei den Angriffen in der Region wurde nach Angaben der Behörden ein 83-jähriger Mann in Podolsk getötet. Mehrere Menschen wurden verletzt. Ob sämtliche Schäden unmittelbar auf den Angriff gegen das Wildberries-Lager zurückgingen, ist nicht geklärt.
Warum die Ukraine Wildberries angreift
Kiew begründet die Angriffe mit der Rolle des Konzerns bei der Versorgung der russischen Kriegswirtschaft. Über den Marktplatz werden zahlreiche sogenannte Dual-Use-Produkte angeboten. Dazu gehören Drohnenbauteile, Wärmebildgeräte, Funktechnik, Tarnkleidung und weitere Waren, die sowohl zivil als auch militärisch eingesetzt werden können.
Wildberries bestreitet, eine militärische Funktion zu erfüllen. Nach den Angriffen schränkte das Unternehmen jedoch die Sichtbarkeit bestimmter militärnaher Produkte in seiner Suchfunktion ein.
Auch wirtschaftlich wächst der Druck auf Putin. Zehntausende Händler lagern einen erheblichen Teil ihrer Waren in den betroffenen Logistikzentren. Wie diese Zeitung berichtete, verloren einzelne Verkäufer durch die Brände Bestände im Wert von mehreren Millionen Rubel. Einige von ihnen erklärten, durch die Ausfälle in Existenznot geraten zu sein.
Wildberries gewährte betroffenen Händlern Zahlungsaufschübe und Kreditpausen. Einen regulären Schadensersatz schloss Konzernchefin Tatjana Kim jedoch aus, weil die Angriffe als höhere Gewalt eingestuft würden. Zugleich sprach sie von Schäden in Milliardenhöhe, ohne eine genaue Summe zu nennen.
Russische Branchenexperten bezifferten allein die möglichen Kosten für den Wiederaufbau zeitweise auf 62,5 bis 80,8 Milliarden Rubel. Dazu kommen die Warenverluste der Händler und die Umsatzausfälle durch geschlossene Standorte.
Putins erste öffentliche Reaktion lässt erkennen, dass die Angriffswelle inzwischen auch den Kreml unter Handlungsdruck setzt. Während der Präsident „kritische Folgen“ bestreitet, soll seine Regierung nun mit staatlicher Beteiligung ein eigenes Programm zur Wiederherstellung der Lager und Lieferketten ausarbeiten. Die Schäden werden heruntergespielt, ihre Beseitigung aber zur Aufgabe des Staates erklärt.
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